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„Eigentlich werden wir erpresst“

Von: Birgit Schweiger

AUTONOME SZENE. Mit Hausbesetzungen und Demonstrationen machen Grazer „Autonome“ regelmäßig auf sich aufmerksam. Über die Menschen hinter den Transparenten und ihre Gründe für den Kampf gegen das herrschende System.

Ob die Hausnummer stimmt?“ Auf ein zaghaftes Klopfen öffnet sich das unauffällige Gartentor in der Beethovenstraße; über den Innenhof und durch die offene Hintertür neben den massiven Steinsäulen geht es in die verlassene Altbauvilla. Mit Sack und Pack die einen, mit wenig außer Partystimmung die anderen finden Neuzugänge durch einen dunklen Vorraum in eine von Kerzen erleuchtete Halle. Marmorne Stufen führen in den ersten Stock, wo emsig an den vorübergehenden Wohnzimmern gebastelt wird. Strom und Heizung funktionieren, eine Kochecke ist bereits installiert, die Transparente hängen vom Balkon und „das Klo ist da drüben. Mit Klopapier.“ Decken, Flyer und Stifte liegen bereit, eine Musikanlage wartet auf ihren Einsatz – „alles da“, stellt eine junge Frau lachend fest, bevor sie einen Rundgang im verwinkelten Gebäude wagt. Die HausbesetzerInnen sind inzwischen in Übung.
Seit knapp zwei Jahren machen die „Autonomen“ in Graz verstärkt auf sich aufmerksam. Jene Villa in der Bee­thovenstraße, die sie am Abend des 6. Dezember im Anschluss an eine Demonstration bezogen, war bereits das fünfte temporäre Quartier in dieser Zeit. Sie organisieren Veranstaltungen gegen den Konsumwahn, diskutieren mit PolitikerInnen und GebäudebesitzerInnen, erstellen umfangreiche Infobroschüren und Projektpläne. Ihr erklärtes Ziel: ein autonomes Kulturzentrum. Wer steckt hinter jenem umtriebigen Kollektiv, hinter der autonomen Szene? „Wir sind keine feste Gruppe. Die Leute kommen und gehen, je nach Lust, Zeit und Engagement. Wir sehen uns auch nicht als Szene, weil wir nicht den Anspruch erheben, die einzigen zu sein in Graz, die so denken“, erklärt Konstantin. Während in mageren Zeiten bloß eine Handvoll Interessierte die Lage bespricht, nahmen an einen Plenen während der bestbesuchten Hausbesetzung bis zu 72 Menschen teil. Und in die Unterschriftenliste für ein autonomes Zentrum haben sich inzwischen mehrere hundert BefürworterInnen eingetragen, „es gibt also einen ganzen Haufen InteressentInnen“, sagt Konstantin.

Hierarchien und Verantwortliche.   Der junge Mann mit Kapperl und Brille heißt nicht wirklich Konstantin; weder seinen richtigen Namen noch Fotos von sich sieht er gern in der Zeitung. Wie die meisten anderen aktiven HausbesetzerInnen will er anonym bleiben, „auch wenn es dann wieder ‚die Vermummten’ heißt“. Die Scheu erkläre sich aus der Sammelfreudigkeit der Polizei: „Auch wenn Besetzungen nicht illegal sind, agieren wir in einer Grauzone, und die Polizei sucht gern nach ‚Verantwortlichen’ und stöpselt dann irgendwelche Infos zusammen. So werden wir bei jeder Demo nach den internen Strukturen gefragt. Das ist doch absurd.“ Absurd deshalb, weil es den Autonomen gerade um Selbstbestimmung gehe und darum, dass jeder sich einbringen kann. Hierarchische Strukturen oder Abstimmungen gebe es nicht, nur Diskussionen. „Wenn jeder mit einer Entscheidung, die ihn oder sie betrifft, leben kann, passt es. Auch wenn nur einer wirklich dagegen ist, wird noch länger diskutiert. Das funktioniert überall“, ist Konstantin überzeugt.
Auch SprecherInnen der Gruppe gibt es nicht; während der 21-jährige Student erklärt, kommen und gehen Interessierte, werfen Argumente ein, hören zu, widersprechen. Die Meinungen zu einzelnen Themen sind so heterogen wie die Gruppe selbst, und das wiederum ist die Basis der gemeinsamen Denkweise: „Jede und jeder soll nach seinen oder ihren Interessen leben und arbeiten dürfen.“ Ohne sich rassistisch, sexistisch oder diskriminierend zu verhalten, im Idealfall „mit gesundem Menschenverstand“ und darüber reflektierend, was sinnvoll und nachhaltig ist.

Arbeit und Konsum. Arbeit ist schon notwendig, darin ist man sich fast einig. „Aber es ist einfach nicht legitim, etwas tun zu müssen, was einen nicht interessiert“, so ein engagierter Hausbesetzer, der Luther genannt werden will. Er selbst lebe momentan von Sozialhilfe, die meis­ten der Grazer Autonomen würden aber auch einer Lohnarbeit nachgehen.
Definitiv nicht arbeiten will die 22 Jahre alte Jolly. Sie bekommt Geld von ihren Eltern und hält ihre Lebenskos­ten – wie viele Autonome – sehr niedrig: Aus Supermarkt-Mülltonnen holt sie Lebensmittel, im Sommer baut sie in Innenhöfen Gemüse an, sie lehnt konsumorientierte Veranstaltungen ab und wohnt bei Freundinnen und Freunden. Gerade die Miete könne man sich sparen. Leerstehende Gebäude aus dem Besitz von Stadt und Land sind für die Allgemeinheit zu öffnen, darüber herrscht Konsens in der autonomen Szene. „Unglaublich viele Häuser verfallen oder werden für Spekulationen genutzt. Gleichzeitig gibt es so viele Menschen, die sich die Miete nicht leis­ten können oder wollen.“ Mit regelmäßigen Hausbesetzungen will man darauf aufmerksam machen und das im schwarz-grünen Koalitionsabkommen vereinbarte Ziel, ein selbstverwaltetes Kulturzentrum in Graz einzurichten, einfordern.
Den oft gehörten Vorwurf, sie würden die Stadt mit den Besetzungen erpressen, drehen die Autonomen um: „Eigentlich erpressen die doch uns alle. Wir werden gezwungen, für andere zu arbeiten und zu konsumieren, sonst fallen wir aus dem gesellschaftlichen Rahmen“, argumentiert Luther. Zusagen vonseiten der Politik seien bisher immer an Bedingungen geknüpft gewesen. „Wir wollen uns aber nichts aufdrücken lassen, was wir eigentlich nicht wollen“, so Konstantin. Ein offenes Haus für jede und jeden wolle man – ausdrücklich kein Jugendzentrum, wie oft missverstanden werde –, mit Werkstätten, Proberäumen, einer Küche zum gemeinsamen Kochen, mit einem Café ohne Konsumzwang, Bildungsmöglichkeiten, Kost-Nix-Laden, Wohnraum und Workshops.

Alternativen und Vorbilder. „Das gibt dann eh genug zu tun“, sagt Jolly. Selbst von der Gesellschaft enttäuscht, gelangte die junge Frau, die wie viele Autonome vegan lebt, zu ihrer Einstellung: „Ich war wütend, weil ich nicht verstand, wieso die Leute mit Tieren und miteinander so herzlos umgehen und einfach nicht nachdenken.“ Inzwischen will sie als Vorbild wirken und Alternativen vorleben: „Die Leute sehen ja die Vorteile, man muss sie ihnen nur zeigen.“ Wie Konstantin etwa. Er ist seit der zweiten Hausbesetzung im Sommer 2007 dabei, weil ihn der Umgang der Leute miteinander dort beeindruckt hat: „Alle haben produktiv zusammengearbeitet, jedem ist zugehört worden.“ Von ähnlichen Erfahrungen erzählt eine 35 Jahre alte Pädagogin, die auch zu den BesetzerInnen der Villa in der Beethovenstraße zählt: „Jeder darf sein, wer er will.“ In einem autonomen Zentrum würde sie sich gerne einbringen, wie etwa auch die 18-jährige Sarah, die nicht viel vom Zentrum als Wohnraum, aber umso mehr als Ort für Workshops hält.
In der Beethovenstraße indes stellt sich bald heraus, dass es bei einem Plenums und einer recht kurzen Party bleiben wird – gegen Mitternacht räumt die Polizei das Gebäude, Zwischenfälle oder Probleme gibt es nicht, die BesetzerInnen gehen freiwillig und guter Dinge. Jolly: „Der Abend war sehr nett. Wir hätten uns ja auch raustragen lassen können, aber es hat schon gepasst so.“

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