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Handyhafen Hongkong

Von: Eva Reithofer-Haidacher

ELEKTROMÜLL. Mit dem Weihnachtsfest hat auch eine Flut an neuen Handys in die Häuser Einzug gehalten. Wo aber landen die alten, die ordentlich entsorgt oder gespendet wurden? Ein Gespräch mit dem Abfallexperten Matthias Neitsch

Wir haben uns per Handy verabredet. Darf ich fragen, wie alt Ihr Gerät ist?
Das weiß ich selber nicht, aber ich schätze, so ungefähr sechs, sieben Jahre.

Das heißt, es wird keine allzu lange Lebensdauer mehr haben. Was machen Sie damit, wenn es entsorgt werden muss?
Wenn mein Handy kaputt ist, dann spende ich es der Aktion, für die unser Betrieb arbeitet, der Ö3-Wundertüten-Aktion für Caritas und Licht ins Dunkel. Da kann ich davon ausgehen, dass es zumindest irgendwo anders für ein paar Jahre noch weiterverwendet wird.

Was passiert mit dem Gerät dann?
Das landet zunächst in unserem Verwertungsbetrieb in Wien, wird dort gemeinsam mit vielen tausend anderen Handys nach Markentypen, Qualitäten und Vermarktbarkeit sortiert. Und wird dann an Großabnehmer zu 20 bis 30.000 Stück versteigert. Die Abnehmer sitzen derzeit zum Großteil in Hongkong. Dort werden die Handys dann wieder instand gesetzt,  im Zuge dessen sämtliche Daten gelöscht und je nach Zielland – das wird ja in die ganze Welt verkauft – wird die passende Software draufgespielt.

Sind Sie sicher, dass die Handys dort nicht auf Deponien landen, was in der EU ja streng verboten ist?
Durch die Tatsache, dass der Erlös, den wir bekommen, um ein Vielfaches über dem besten Schrottpreis liegt, haben wir die Garantie, dass die wiederverwendet werden müssen, sonst könnte sich der Abnehmer das gar nicht leisten.

Wie lang hält so ein wieder instandgesetztes Handy? Landet das nicht auch bald im Müll?
Wir schätzen schon, dass das zwei, drei, vier Jahre hält. Wir wissen aber auch, dass derzeit unter anderem der afrikanische Markt mit Billig-Neu-Handys von den großen Markenherstellern überschwemmt wird. Die kos­ten dort im Schnitt 20, 30 US-Dollar, halten ein bis zwei Jahre und können gerade einmal telefonieren und SMS-en, sind oft billige Nachbauprodukte mit Nachbau-Akkus, die – wenn man großes Pech hat – auch explodieren können. Das sind 90 bis 95 Prozent der Handys, die derzeit in Entwicklungsländern verwendet werden. Da sind unsere Gebrauchthandys aus Europa sicher die besseren Modelle.

Was kostet so ein Gebrauchthandy?
Das kostet auf dem afrikanischen Markt zwischen 15 und 100 US-Dollar. Man muss bedenken: Ein Handy in Afrika ist kein Spielzeug wie bei uns, damit kann in vielen Fällen eine ganze Familie ernährt werden, weil Handybesitzer dort Dienstleister sind.

In Österreich gibt es geschätzte elf Millionen Handys, vom Baby bis zum Greis besitzt also jeder mehr als eines. Wäre es nicht sinnvoll, ein Bewusstsein gegen diesen Konsumwahn zu schaffen?
Ich bin von 1990 bis vor wenigen Jahren in der kommunalen Abfallberatung tätig gewesen, in der Umweltbewegung ich schon seit Anbeginn 1982. Offensichtlich haben wir es nicht geschafft, gegen die Werbeflut anzukommen. Aber immerhin haben wir auf europä ischer Ebene erreicht, dass in der neuen EU-Abfall-Rahmenrichtlinie dezidiert steht, die Mitgliedsstaaten müssen die Wiederverwendung von Elektroaltgeräten fördern, sie müssen Reparaturzentren und Reparaturnetzwerke schaffen – was wir in Österreich punktuell schon haben – und sie müssen das innerhalb der nächsten zwei Jahre flächendeckend umsetzen. Ich hab also trotz meiner leichten Resignation auch immer wieder Hoffnung.

In Österreich müssen jährlich 100.000 Tonnen Elektroschrott entsorgt werden, Tendenz steigend. Und schon bei der Produktion der Geräte entstehen unvorstellbare Müllberge.
Wir wissen, dass ein Kilo vermiedener Hausmüll zehn Kilo vermiedenen Industrie- und Gewerbeabfall bedingt. Je spezialisierter die Produkte sind, desto schlechter wird dieses Verhältnis. Ein Auto zum Beispiel produziert schon das 26-Fache seines Eigengewichtes an Müll, bevor es überhaupt einen Kilometer gefahren ist. Und bei einem Handy ist es dann schon das Mehr-Hundertfache. Und das sind ja auch Rohstoffe, die irgendwo einmal gewonnen werden müssen. Um 100 Gramm Handy herzustellen, brauche ich viele, viele Kilo Rohstoffe in Form von Erz und in Form von Wasser und Chemikalien.

Was bringt es, wenn Firmen wie Samsung, Nokia und Sony sich selbst verpflichten, auf gefährliche Chemikalien zu verzichten? Ist das ernst zu nehmen?
Grundsätzlich ja, es ist ernst zu nehmen. Ich persönlich glaube, sie werden ihre Verpflichtungen auch einhalten. Sie werden ja international von Umwelt-NGOs wie Greenpeace beobachtet. Aber damit allein ist es nicht getan, denn in den Altgeräten sind die Stoffe ja immer noch drin. Und wenn die Geräte zwar besser, Rohstoff sparender, Energie sparender oder weniger giftig gebaut werden, ich dann aber die zehnfache Menge an Geräten herstelle, dann habe ich im Grunde wieder nichts erreicht.

Glauben Sie, dass die derzeitige Finanzkrise die Wegwerfgesellschaft zur Besinnung bringt?
Das ist derzeit noch ganz schwer zu sagen. Möglicherweise hält sich das die Waage: Einerseits sind wir sozusagen Krisengewinnler, weil Gebrauchtgeräte durchaus gefragter werden. Auf der anderen Seite sind viele Geräte für den österreichischen Markt selbst für sozial Schwächere uninteressant und Exporte werden wahrscheinlich etwas schwieriger werden weil die Weltmarktpreise derzeit sehr niedrig sind.

Ihre drei Tipps für den sinnvollen Gebrauch elektronischer Geräte?
Zunächst nicht zu billig kaufen, sondern hochqualitative, langlebige und reparaturfreudige Geräte. Nummer zwei: Die so lange wie möglich nutzen, immer wieder reparieren lassen. Nummer drei: Wenn das nicht mehr gewünscht oder möglich ist, die jemandem geben, der damit noch das Sinnvollste macht: sie selber noch verwendet, repariert, vielleicht exportiert und ansonsten möglichst ökologisch recycelt.

Man muss sie ja nicht gleich nach Hongkong verschiffen, es gibt ja auch bei uns ein soziales Gefälle. Sollte man nicht mehr Angebote schaffen, um im eigenen Land eine sinnvolle Verteilung zu sichern?
Das gibt es ja schon in manchen Regionen in Österreich, wo über Sozialhilfeverbände Möbel und Haushaltsgeräte an bedürftige Personen umverteilt werden. Ich denke, das sollte noch wesentlich mehr ausgebaut werden. Wenn in einem Haushalt an der Armutsgrenze eine Waschmaschine kaputt wird, kann das eine finanzielle Katastrophe  bedeuten. Da wäre ein Bezugsscheinsystem zum Beispiel sinnvoll, dass dieser Haushalt ein gutes, hoch qualitatives Gebrauchtgerät aus einem Reparaturzentrum erwerben kann, das ihm dann vielleicht auch zugestellt wird. Viele Haushalte verfügen ja nicht über Mittel und Fahrzeuge oder auch körperliche Mobilität, um sich diese Geräte dann irgendwo in eine Altbauwohnung in den 5. Stock ohne Lift zu schleppen. Wenn so etwas in Österreich aufgebaut werden könnte, wären wir sicherlich dabei.

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