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Aus erster Hand

Von: Birgit Schweiger

SENSIBILISIERUNG. Im Polizeialltag können interkulturelle Missverständnisse, Vorurteile und Ängste zu Konflikten führen. In Workshops beschäftigen sich Grazer PolizistInnen deshalb mit Kulturunterschieden.

Warum zögert der Mann, als die Polizistin ihn um seinen Ausweis fragt? Warum erwidert der dunkelhäutige Mensch den Blick des Polizisten nicht? Warum schreit ein anderer um Hilfe und rennt auf und davon, als er in eine Routinekontrolle gerät? Warum misstraut eine Migrantin jenen PolizistInnen, die sie vor ihrem gewalttätigen Ehemann schützen wollen? Fragen, die sich Exekutivbeamten früher oder später unweigerlich stellen. Sie haben im Dienst mit unterschiedlichsten Menschen zu tun, aus unterschiedlichsten Herkunftsländern und Kulturkreisen, mit unterschiedlichsten Sprachkenntnissen und Erfahrungen. „Bei jeder Amtshandlung gehe ich in eine völlig neue, meist negativ aufgeladene Situation. Ich muss in ganz kurzer Zeit die Lage erfassen und handeln“, sagt Anita Jud, Polizistin in der Grazer Polizeistation Schmiedgasse. Signale, die falsch interpretiert werden, können Missverständnisse auslösen, die Situation kann dadurch für beide Parteien unangenehm sein oder sogar eskalieren.
Seit kurzem gibt es für Grazer PolizistInnen die Möglichkeit, Fragen zu Kultur­unterschieden zu diskutieren und über die Situation von MigrantInnen zu reflektieren. Mit Fred Ohenhen leitet einer die Seminare, der weiß, wovon er redet: Der österreichische Staatsbürger wurde in Nigeria geboren und vermittelt seit 13 Jahren Kindern und Erwachsenen in Graz interkulturelles Wissen, beim Verein ISOP leitet er das Projekt IKU – Spielend erleben. „Ich habe mir gedacht: ‚Wir reden doch fast immer nur über Menschen anderer Kulturkreise und viel zu selten mit ihnen.’“, sagt Markus Ferschli, Leiter des Bildungszentrums der steirischen Polizei und Initiator des neuen, freiwilligen Weiterbildungsangebots.
Unsicherheit im Revier. Polizistin Anita Jud hat sich zum „Interkulturellen Lernen“ angemeldet. Sie weiß noch nicht genau, was auf sie zukommt, aber für sie ist es „immer spannend, von unterschiedlichen Menschen zu lernen. Ich muss mich im Beruf oft auf meine Erfahrung und auf mein Gefühl verlassen. Je mehr Menschen ich kenne und je mehr ich über sie weiß, desto besser kann ich sie verstehen und handeln.“ Missverständnisse würden vor allem aus Unsicherheit oder Angst des Gegenübers passieren.
Kollege Peter Wurzinger kann das bestätigen. In seinem Revier Karlauerstraße ist der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund besonders hoch. „Viele haben sicher im Heimatland negative Erfahrungen mit der Polizei gemacht“, weiß der Beamte, der seit zwanzig Jahren im Dienst ist. Vom Seminar über Interkulturalität erwartet er sich, Berührungsängste zu verlieren, Verhaltensunterschiede erklärt zu bekommen. „Wir begegnen den meisten Menschen ja nicht auf freundschaftlicher Ebene. Da gibt es schon Probleme, wenn verschiedene Kulturen aufeinandertreffen. Die Polizei ist oft auch eine Art Feindbild – wenn man gegen solche Leute dann vorgehen muss, ist das nicht konfliktfrei.“ Oberstes Ziel sei es aber, Amtshandlungen ruhig abzuwickeln, „keinen Druck aufzubauen, sondern ihn herauszunehmen“, wie Anita Jud formuliert.

Verständnis entwickeln. In diesem Sinne soll das Seminar mit Fred Ohenhen die Arbeit der PolizistInnen erleichtern. Knapp zwanzig Beamte in Zivil, der Großteil davon Männer und die meisten schon jahrelang im Dienst, sitzen im Kreis in einem Lehrsaal in der Grazer Paulustorgasse. Aufmerksam und interessiert die meis­ten, leicht gelangweilt und mit den Füßen scharrend andere. Acht Stunden lang haben sie negativ behaftete Wörter wie „Neger“ oder „Eskimo“ diskutiert, erfahren, wie unterschiedlich Gestik und Mimik in verschiedenen Kulturkreisen sein können, und über Migration und die Situation von MigrantInnen generell reflektiert. In der letzten halben Stunde dürfen BesucherInnen im Hintergrund zuhören, vorher hätte es die Gesprächsbereitschaft der PolizistInnen negativ beeinflussen können. Der Bedarf an Diskussion ist aber noch gegeben, als Oberst Markus Ferschli schon zusammenfassen und die Feedback-Bögen austeilen will.
Zu kurz seien die acht Stunden gewesen, wird von fast allen bemängelt; einige sehen den Bedarf an Weiterbildung aber auf der „Gegenseite“: „Ich behandle sowieso alle gleich. Wenn jemand glaubt, er wird anders behandelt, ist er selber schuld. Wenn jemand dableiben will, braucht er nur lernen, wie unsere Gesetze sind und unsere Kultur. Dann braucht er keine Angst mehr zu haben“, sagt ein Teilnehmer, der auf Nachfrage anonym bleiben möchte. Es gehe hier aber darum, Verständnis zu entwickeln, den eigenen Handlungsspielraum zu erweitern, erwidert Markus Ferschli: „Wir geben ja nichts von unserer polizeilichen Autorität auf, wenn wir auf den anderen eingehen. Wir erreichen unser Ziel, haben uns aber leichter getan.“

Die ersten Schritte. Jeder Mensch erweitere ihren Horizont, meint Anita Jud nach dem Workshop. Vieles habe sie nicht gewusst: „Die Menschen und Kulturen sind so vielfältig.“ Sie hat wie die meisten anderen das Seminar als bereichernd empfunden; die zitierte Kritik des Kollegen sieht sie in einem weiteren Kontext. „Gerade Migranten wissen oft nicht, welche Aufgaben die österreichische Polizei hat und wie sie arbeitet. Die wenigsten wissen, wie einfache Personenkontrollen ablaufen und warum wir sie durchführen müssen, und haben deshalb Angst vor uns oder lehnen uns grundsätzlich ab.“ Hier nimmt die Polizistin, die seit 17 Jahren in ihrem Beruf arbeitet, auch NGOs, die MigrantInnen beraten, in die Pflicht. Diese sollten die Zuwanderer nicht nur über ihre Rechte aufklären, sondern ihnen auch vermitteln, wie die Polizei arbeitet. Anita Jud selbst gehört einer Gruppe an, die regelmäßig in Schulen und auch in Deutschkursen für MigrantInnen über die Polizei aufklärt. „Sobald die Leute merken, dass wir umgänglich sind und einfach nur Menschen aus Fleisch und Blut, gewinnen sie Vertrauen und sind dann bei eventuellen Kontrollen viel sicherer.“ Im Idealfall kommen beide Parteien einander entgegen, meint auch Peter Wurzinger. Er habe das Seminar interessant gefunden, sehr viel Neues sei aber nicht dabei gewesen. Für ihn steht fest, dass beide Seiten einander respektvoll behandeln sollten, „jeder sollte sich ein bisschen bemühen“. Ist Gewalt im Spiel, sei das für alle belastend. „Ich habe absolut kein Interesse daran, nicht ruhig zu bleiben. Aber unser Beruf ist teilweise sehr schwierig und riskant.“ Der Polizistenjob sei hart, meint auch Workshop-Leiter Fred Ohenhen. Die Welt wird immer bunter, aber gerade Exekutivbeamte lernen MigrantInnen oft nur während Kontrollen oder Ermittlungen kennen. „Da entstehen Klischees und Ängste.“ Es gebe auf diesem Gebiet noch sehr viel aufzuarbeiten, „aber es ist für mich schon ein großer Erfolg, wenn ich drei, vier Leute erreiche in so einem Kurs. Wir haben noch eine lange Reise vor uns. Aber auch eine lange Reise beginnt mit dem ersten Schritt.“

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