STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2009/Juni/Wenn Yusuf es besser weiß/
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Wenn Yusuf es besser weiß

Von: Norbert Mappes-Niediek

Sprache. Vielsprachiger Unterricht in der Hirtenschule hilft Kindern beim Unterscheiden.

Dass Lehrerinnen immer so dumm sein müssen! „Hoschtaschlin heißt das, nicht Hotschalin“, ruft Yusuf laut in die Runde und schüttelt streng den Kopf. Yusuf ist heute der Experte, und er nimmt seine Rolle ernst. Einmal in der Woche nämlich werden in der vierten Klasse der Hirtenschule am Fröbelpark in Graz die Rollen vertauscht. Da schaut Lehrerin Sylvia Ruhs  erstaunt drein, und Yusuf und seine neun- oder zehnjährigen KlassenkameradInnen sind die Bescheidwisser.

Aus der Not eine Tugend. „Vielsprachiger Unterricht“ nennt sich das Experiment. Jeden Montag wird hier türkisch, kroatisch oder englisch gesprochen – wenigstens ein bisschen. Für die Kinder ist das nichts Ungewöhnliches. Von den 20 Schülerinnen und Schülern sprechen hier gerade einmal zwei zu Hause mit ihren Eltern deutsch – die anderen türkisch, bosnisch und kroatisch, russisch oder urdu. Die meisten haben neben Deutsch auch muttersprachlichen Unterricht. Bosnisch- und Kroatischlehrerin Adida Opreånik hatte die Idee, aus der Not eine Tugend zu machen. Die ganze Klasse sollte etwas von der Sprachenvielfalt haben. Seither hängt vor der Tür ein großer Osterstrauch mit vielen Zetteln dran, für jede Zahl unter hundert einer. Yirmi bir steht auf einem der Papierschnipsel, dvadeset i jedan und twenty-one.
„Der Sinn ist nicht, dass die Kinder nun alle die Sprachen der jeweils anderen lernen“, erläutert Opreånik. „Es geht darum, Aufmerksamkeit und Sensibilität für sprachliche Unterschiede zu schärfen.“ Davon profitieren nicht nur die Kinder. „Erst im vielsprachigen Unterricht habe ich gelernt, dass slawische Sprachen keinen Artikel haben“, erzählt Deutschlehrerin Ruhs – die jetzt weiß, warum die bosnischen Kinder oft auch im Deutschen keinen gebrauchen. „Und ich habe erfahren, dass es im Türkischen kein grammatisches Geschlecht gibt“, sagt Bosnisch-Lehrerin Opreånik.

Grüß Gott und Güle-güle. Mit den Sprachfragmenten lernen Kinder und Lehrerinnen noch eine Menge mehr. Manchmal ist Zeit für einen Ausflug – zum Beispiel zu einer bosnischen Malerin oder zu einer türkischen Band. Heute steht „begrüßen“ auf dem Lehrplan. Die vierte Klasse ist mit Feuereifer bei der Sache. Dass Auf Wiedersehen auf Türkisch Güle-güle heißt, weiß ja inzwischen jedes Kind. Hier aber weiß man, dass Güle-güle immer nur der sagt, der bleibt, und nie der, der geht – die TürkInnen also den Gehenden und den Bleibenden nicht auf eine Stufe stellen. Großen Spaß macht es, zur Begrüßung wie die Maori oder die Inuit die Nasen aneinander zu wetzen, sich wie in Marokko die Wangen zu reiben oder wie in der Türkei die Hand des anderen an die eigene Stirn zu führen. Nur Emma und Lucius tun sich schwer. Sie müssen die Franzosen darstellen und finden die Küsserei ziemlich eklig.
Wer mit hohem Ausländeranteil Chaos assoziiert, liegt falsch. Im Unterreicht geht es ungewöhnlich diszipliniert zu, die Kinder sind mit Begeisterung bei der Sache. Überall herrschen Ruhe und peinliche Sauberkeit. Die Hirtenschule stammt aus den Dreißigerjahren; die Korridore verströmen mit ihrer beigen Ölfarbe den Charme von Lazarettfluren. Nur auf dem Blechzaun vor dem Haus geht es farbiger zu.  Hier kann man nachlesen, dass jetzt Bujar mit Sejdije geht und das Spiel Serbien gegen Bosnien immer noch nicht zu Ende ist: „Fuck you Serbs“, steht da gesprüht, aber auch, dass „ãvabos“, also Deutsche bzw. Österreicher, „Hurensöhne“ sind. „Armenia 4ever“ hat einer hingeschrieben – mit dem N verkehrt herum, wie die Russen das i schreiben.
Das Prestige der fremden Sprache. Hinter der Theorie des vielsprachigen Unterrichts steckt die Freiburger Sprachdidaktikerin Ingelore Oomen-Welkes. „Seit den Achtzigerjahren wird davon geredet, dass man das vielsprachige Potenzial der Klassen nutzen muss, schon seit 1995 gibt es ein systematisches Konzept“, sagt Oomen-Welkes. „Aber in die Curricula hat es noch immer keinen Eingang gefunden.“ Wenn vielsprachiger Unterricht doch stattfindet, dann auf individuelle Initiative – wie die von Adida Opreånik in Graz. Besser noch fände Oomen-Welkes, wenn die dort geförderte „Sprachaufmerksamkeit“ sich durch alle Unterrichtsstunden zöge. „Das dauert nur eine Minute“, sagt die Wissenschaftlerin. „Die Lehrerin weist, wenn es sich anbietet, wie nebenbei darauf hin, wie dies oder jenes in einer anderen Sprache heißt.“
Im Deutschunterricht tun Migrantenkinder sich schwerer als „Eingeborene“, hat eine Studie ergeben, aber im Fremdsprachenunterricht tun sie sich leichter. Sie kennen eben schon ein „zweites System“. Was das für ein Vorteil ist, hat Oomen-Welkes selbst im Unterricht erfahren.
„Wenn ich griechisch spreche und ‚Katze‘ sage“, hat da ein Mädchen erzählt, „dann heißt das: ‚Setz dich!‘“ „Aha“, hat ein Junge eingeworfen. „Und was heißt dann Katze?“ Um den Zusammenhang von Laut und Bedeutung zu erkennen, brauchen solche Kinder nicht mehr Linguistik zu studieren. So weit, den hohen Ausländeranteil für einen Vorteil zu halten, mag die Wissenschaftlerin nicht gehen. „Ab 30 Prozent wird es problematisch.“ Kinder lernen Sprache von Erwachsenen, meint die Didaktikerin, und die haben bei 90 Prozent fremdsprachigen Kindern weniger Zeit, sich dem Einzelnen zuzuwenden. Wichtig am vielsprachigen Unterricht findet sie das Prestige, das er fremden Sprachen verleiht – wenn, wie in Graz, Yusuf zum Experten wird. Scham und Minderwertigkeitsgefühl führen dazu, dass noch immer etliche Migrant­Innen, vor allem russische und albanische, mit ihren Kindern lieber deutsch radebrechen als ihnen die eigene Sprache ordentlich beizubringen. „Das klappt, bis die Kinder fragen, warum der Mond sich um die Erde dreht“, sagt Oomen-Welkes. „Dann stehen die Eltern schon auf dem Schlauch.“

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