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Mütter hinter Gittern

Von: Eva Reithofer-Haidacher

GEFANGEN. Verschwindend gering ist der Anteil an Frauen in Haft. In Graz sind es knapp fünf Prozent. Die 22 weiblichen Häftlinge sitzen in der Justizanstalt Graz-Jakomini. Ein Lokalaugenschein.

Das Leben hinter Gittern scheint ihnen nichts auszumachen.  Gut genährt und quicklebendig tummeln sich die beiden Katzen auf den Stiegen. Hier, in der Frauenabteilung der Justizanstalt Graz-Jakomini, erinnert ohnehin wenig an ein Gefängnis. Die große helle Küche mit den blauen Schränken und den bunten Fliesen nicht und auch nicht der mit Faschingsmasken geschmückte Gang. Nur die Glaswand am Ende des Korridors, hinter der zwei uniformierte Frauen ihren Dienst tun, lässt etwas vom eigentlichen Zweck dieser Räume vermuten.
Zerrissene Familien. „Vor acht Jahren war hier noch geschlossener Vollzug“, erinnert sich Karin F.*, die 2000 schon einmal da war. Heute können sich die Insassinnen tagsüber frei im Geschoß bewegen. Es gehe ihr gut, sagt die blasse Frau mit den streng zurückgekämmten Haaren, und sie hoffe, bleiben zu dürfen. Fünf Jahre und acht Monate hat sie diesmal gekriegt. Die müsste sie eigentlich im einzigen österreichischen Frauengefängnis in Schwarzau in Niederösterreich verbringen, von dem bei der Diagonale der Dokumentarfilm „Gangster Girls“ erzählt. In der Justizanstalt Graz-Jakomini  werden nur die U-Haft und Kurzzeitstrafen bis zu 18 Monaten abgesessen. Doch Karin F. hat um „Hierbelassung“ angesucht,  damit sie ihre beiden schulpflichtigen Kinder auch weiterhin sehen kann. Die Tochter lebt bei der Großmutter, der Sohn bei der Stiefoma. Eine zerrissene Familie, wie sie hinter vielen der 22 Frauen-Schicksale in der Abteilung steht.

Halt durch Arbeit. „Die Mehrheit hat kein intaktes Umfeld“, weiß Anstaltspsychologin Sylvia Freudhofer.  Viele der Frauen haben mit Suchtgiftproblemen oder psychischen Auffälligkeiten zu kämpfen. „Das innerhalb der Haft zu regulieren, ist ein Ding der Unmöglichkeit“, so Freudhofer: „Die Entwicklung vorher geht über Jahrzehnte, wir können keine Wunder bewirken.“ Aber es können Kontakte hergestellt werden, die eine weitere Betreuung ermöglichen. Erst kürzlich sei eine junge Dame aus dem Suchtgiftmilieu drei Monate hier gewesen und seit einer ambulanten Therapie clean.
Zehn Jahre Drogenkonsum haben auch Karin F.s  Körper und Zähne ruiniert. „Sobald ich weiß, dass ich hier bleiben kann, schaue ich auf mich“, ist sie fest entschlossen, den Entzug zu schaffen. Seit sie als Hausarbeiterin beschäftigt ist, geht es ihr zunehmend besser. Putzen, bügeln, Wäsche waschen –  die Arbeit gibt ihr den nötigen Halt. Und sie hat gelernt, sich über Kleinigkeiten, die draußen selbstverständlich sind, zu freuen. Zum Beispiel „wenn ich ein Wäschepaket von daheim kriege und die Wäsche riecht noch nach Mama“. Ihre anfängliche Depression habe sich gelegt, nur die freien Tage seien belastend. „Draußen freut man sich aufs Wochenende, hier auf die Werktage.“

Liebesbriefe und Tränen. Das Gefühl kennt Melanie K.*:„Man kriegt einen Rhythmus, einen Halt, den man vorher nicht gehabt hat.“ Montag bis Donnerstag arbeitet sie fünfeinhalb Stunden täglich im Betrieb im Haus, am Freitag drei Stunden. Seite an Seite mit männlichen Kollegen erledigt sie technische Aufgaben wie Materialkontrollen um rund 60 Euro Monatslohn. „Dass auch Männer da sind, funktioniert gut und ist sozial wichtig“, sagt sie – und das weiß auch Anstaltsleiter Josef Adam. 25 Jahre im Dienst, davon vier Jahre als Leiter in Leoben und fünf Jahre in Graz, haben seine Überzeugung gestärkt: Die Normalität des Alltags sollte im Gefängnis möglichst fortgesetzt werden. Auch mit nicht unbedingt erwünschten Begleiterscheinungen wie „Liebesbriefen und Tränen“. Gerne würde er die Eigenverantwortung noch stärker fördern, die Tagesstruktur mehr in die Hände der Insassinnen legen. „Die Bedingungen sind unnatürlich: Sie leben mit fremden Menschen in einem Raum, werden gebracht, geführt, geholt und gefüttert“, beschreibt Adam. Mit der Öffnung des Haftraums sei ein Schritt getan. „Schließlich ist es ja unsere Aufgabe, die Menschen auf die Freiheit vorzubereiten.“ Manchmal mit unkonventionellen Methoden. Eine Frau etwa, die vor Weihnachten mit ihrem Kind in Haft war, durfte täglich den nahe gelegenen Park besuchen. „Die Frau war vertrauenswürdig, das Kind braucht soziale Kontakte und das Gesetz lässt es zu“, hält Josef Adam nicht allzu viel von einem rigiden Sicherheitsdenken. „Sicherheit entsteht durch technische Einrichtung und durch Beziehungsarbeit“, ist sein Credo.

Opfer und Täterin. Frauen flüchten ohnehin kaum, ergänzt Renate Kicker. Die Völkerrechtlerin und Vizepräsidentin des „Europäischen Komitees zur Verhinderung von Folter und unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Bestrafung“ bietet ein spezielles Trainingsprogramm für den Umgang mit Frauen in Haft an. Nur fünf bis acht Prozent beträgt der Frauenanteil in Gefängnissen europaweit, in Graz-Jakomini sind 23 von insgesamt 513 Haftplätzen für Frauen reserviert.
„Frauen sind zum Teil selbst Opfer“, erklärt Renate Kicker den Weg zur Täterin. Weibliche Gefangene haben bis zu dreimal so oft sexuellen Missbrauch erlebt wie Frauen insgesamt, 70 Prozent – im Gegensatz zu elf Prozent allgemein – haben Gewalt in der Partnerschaft erfahren. Sie kommen häufig aus sozial benachteiligten Schichten und haben eine geringere Schulbildung als männliche Häftlinge. Während hierzulande Frauen kaum Gewaltverbrechen begehen, sei das in Ländern, in denen die häusliche Gewalt stärker verankert ist, anders. In Albanien etwa sitze die Hälfte der Frauen wegen Mord, sie rächen ihnen angetane Brutalität. Drei Viertel der Frauen in Gefängnissen kämpfen mit Drog­enabhängigkeit oder Alkoholmissbrauch. Viele haben psychische Probleme. Auch wenn Kinder, wie das in Österreich bis zum dritten Lebensjahr möglich ist, mitgenommen werden, sei das eine Herausforderung. Vor allem für das Gefängnispersonal, wie die Juristin weiß.  „In der Gesellschaft müsste das Bewusstsein da sein, dass das eine unheimlich wichtige Dienstleistung ist. Wenn die einen guten Job machen, ist die Rückfallquote gering“, sagt Renate Kicker.

Keine lockere Kugel. Das scheint in der Justizanstalt Graz-Jakomini zu gelingen. „Das Personal ist total zuvorkommend und freundlich“,  sagt Melanie K. „Die haben immer ein offenes Ohr“, meint auch Karin F. Und Sylvia Freudhofer ist überzeugt, dass die „sehr aufgeschlossene Kommandantin“ mit verantwortlich für das gute Klima sei. Mit den Frauen werden Taschen und Masken gebastelt, es gibt Tanzkurse, Konzerte und Dia-Vorträge. „Die Strukturen gefallen mir“, erklärt Melanie K. Die dreifache Mutter räumt aber im gleichen Atemzug mit einem möglichen Missverständnis auf: „Die Haft ist für keinen eine lockere Kugel. Der Entzug der Freiheit ist das Schmerzhafteste.“

*Name geändert

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