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Bahnhof verstehen

Von: Birgit Schweiger

GEREGELT. Der Grazer Hauptbahnhof ist schön, sauber und
sicher. Was 62 Überwachungskameras, eine strenge Hausordnung
und Sprechverbot für Bahnhofsbedienstete damit zu tun haben.

Wenn frühmorgens die Schiebetüren auf Hochtouren arbeiten und ein buntes Gewusel aus SchülerInnen und PendlerInnen sich durch die große Bahnhofshalle wälzt, hat Brezelverkäuferin Sabine G. ihren Verkaufsstand vor einer der großen Säulen längst aufgebaut. Von ihrem Hocker aus überblickt sie fast die ganze Halle. Die dunkelhaarige Frau sieht jeden Tag nicht nur einen Großteil der etwa 30.000 Reisenden, die kommen oder gehen. Sie beobachtet Menschen, die durch die Shoppingpassage flanieren, die das Fitnessstudio im ersten Stock ansteuern, die sich auf einen schnellen Kaffee in eine der Bars setzen. Sie sieht auch Menschen, die warten; die meisten warten auf ihre ankommenden Lieben, manche darauf, dass der Tag vergeht.

Belebt und überwacht. Dreimal wurde der Grazer Hauptbahnhof seit seiner Neugestaltung 2003 ausgezeichnet: für den Passagiertunnel, der zu den Bahnsteigen führt, für das Blindenleitsystem und für die kunstvolle Gestaltung der Hallendecke. Verändert hat sich mit der Umgestaltung aber nicht nur das äußere und innere Erscheinungsbild des Verkehrsknotenpunkts: Zahlreiche Geschäfte, von der Drogerie bis zum Handyshop, und Restaurants sind in das weitläufige Areal eingezogen, und die Filiale einer Lebensmittelkette, die auch an Sonntagen und abends geöffnet bleibt, entwickelte sich rasch zum Publikumsmagneten. „Der Bahnhof lebt seit 2003 noch mehr, und er ist sauberer und sicherer geworden“, meint Verena Harrasser, Pressesprecherin der ÖBB in der Steiermark. Die 62 Überwachungskameras, die seitdem über das Areal verteilt sind, und zwei bis drei ständig anwesende Sicherheitsleute, die die Hausordnung kontrollieren, seien an diesem Erfolg maßgeblich betei­­ligt. Als Drogenumschlagplatz sei die Bahnhofshalle wegen der Kameras wirklich nicht mehr beliebt, bestätigt Polizeiinspektor Helmut Kollmann von der Polizeistation am Bahnhof. Sowieso sei der Grazer Hauptbahnhof einer der sichersten Bahnhöfe Öster­reichs. „Sicherer ist er seit 2003 aber glaube ich nicht geworden“, zweifelt der Beamte. „Probleme gibt’s noch, aber es ist leichter geworden, sie zu bekämpfen.“ Die Probleme, mit denen das Security-Personal und die PolizistInnen Tag für Tag zu kämpfen haben, sind laut Kollmann meist „zu vernachlässigende Verwaltungssachen“. Die ÖBB-Hausordnung gibt die Regeln vor: kein Her­umlungern, kein Betteln, kein übermäßiger Alkoholkonsum, kein Lärm, kein Liegen auf Sitzbänken.

Verunsichern verboten. Übertreten werden jene Regeln selten von Reisenden, meistens von Obdachlosen wie Alois Krenn. Mit einer Bierdose in der Hand sitzt der 53-Jährige an einem frühlingshaften Nachmittag auf dem Sockel einer der Skulpturen auf dem Bahnhofsvorplatz. Die Drahtfiguren stellen stilisierte Koffer dar; jene, die am nächsten zum Eingangstor steht, markiert die Grenze, an der das private ÖBB-Grundstück in öffentlichen Grund und Boden übergeht. Auch die beiden Grünflächen links und rechts sind im Besitz der Stadt Graz. Hier kontrolliert das Security-Personal nicht mehr, hier ist nur noch die Polizei zuständig. Alois Krenn ist seit Jahren obdachlos, von Schicksalsschlägen schwer gezeichnet. Die Nächte verbringt er „mal da, mal dort“, die Tage aber meist im Umkreis des Hauptbahnhofs. „Da sind immer Leute, die man kennt.“ Seit 2003 ist das Zusammensitzen für ihn aber nur noch bei Sonnenschein gemütlich. Früher hat er oft in der Bahnhofshalle geschlafen, heute läuft es der ÖBB-Hausordnung zuwider, wenn er einen Sitzplatz auf dem Gelände besetzt.
„Die Reisenden sollen sich wohl fühlen – zu jeder Tages- und Nachtzeit“, betont Pressesprecherin Harrasser: „Ein Bahnhof ist dafür da, dass Reisende ankommen, abfahren und sich hier aufhalten. Aber nicht dafür, dass man diese Menschen verunsichert oder gefährdet.“ Wobei Polizist Helmut Kollmann darauf hinweist, dass Unterkünfte für Obdachlose schlichtweg fehlen. Hält sich jemand länger in der Halle auf, ohne etwas zu konsumieren und ohne Absicht, eine Reise anzutreten, wird er oder sie also von den Sicherheitskräften weggeschickt. Egal, ob es draußen regnet, stürmt oder Minusgrade hat. Scheitert das Security-Personal, kümmert sich die Polizei um den Fall. 35 Euro kostet es, wenn man standhaft eine Bank blockiert oder wenn man augenscheinlich betrunken ist. Kann ein Betroffener nicht zahlen, sammeln sich die Strafen und er muss irgendwann ins Gefängnis. „Mit den Verwaltungsstrafen haben wir das Problem wirklich in den Griff bekommen“, erklärt Harrasser, „so ist sanft etwas bewegt worden.“
Sanft fühlen sich die Obdachlosen selbst nicht behandelt. Von den Mitmenschen nicht, die manchmal das Handy zücken und sie bei der Polizei „verpetzen“. Von der Polizei nicht, die sie auch aus den Parks vertreibt, und von den Sicherheitskräften, die sich „teilweise wie die Chefs aufführen“, schon gar nicht. Dennoch, „sie machen nur ihren Job“, meint ein 40-Jähriger mit Daunenjacke, der immer wieder verscheucht wird, und gibt zu: „Manche von uns provozieren schon hin und wieder Ärger.“

Eingeschränkte Recherche. Brezelverkäuferin Sabine G. sieht viel, aber Probleme beobachtet sie selten, und sie mag die Vielfalt, die den Bahnhof prägt. „Die Obdachlosen gehen inzwischen eh anstandslos, wenn sie aufgefordert werden“, erzählt sie, während sie sich auf ihren Feierabend vorbereitet. Ein Stammkunde kauft sich bei ihr noch eine Jause, eine Dame mit zwei gut angezogenen Wuschelhunden stellt sich hinter ihm an. Eine Mitarbeiterin der Putzkolonne kehrt händisch den Vorplatz, zwei Sicherheitskräfte kontrollieren tratschend das Geschehen. Wie sie das bunte Treiben auf dem riesigen Areal mit all seinen Winkeln, Plätzen und Geschichten wahrnehmen, konnte nicht erfragt werden. Im Zuge der Recherchen für die Reportage, die den lebendigen „Organismus Bahnhof“ in den Mittelpunkt stellen wollte, wurde es dem MEGAPHON verboten, Kontakt mit ÖBB-Bediensteten aufzunehmen. „Dem Personal ist es untersagt, über die Arbeit zu sprechen“, so Pressesprecherin Verena Harrasser in einem Telefongespräch. Sicherheitskräfte oder Reinigungspersonal durften vom MEGAPHON-Team alleine weder begleitet noch befragt oder fotografiert werden – weder während der Arbeit noch während der Freizeit: „Sie können mit mir sprechen.“ So absolviert das Security-Paar unbehelligt seine Kontrollgänge und holt sich zwischendurch eine Jause aus dem Kaffeehaus, als sich die Nacht über den Grazer Hauptbahnhof senkt. Kurz vor der Ankunft des VinziBus, der Essen für Menschen in Not ausliefert, hatten sich einige auf der Suche nach Wärme in die Halle verirrt. Gegen halb elf Uhr ist nur noch das NonStop-Kino, das tags­über seit etwa 30 Jahren mit Sexfilmen lockt und abends verstärkt auf Kulturveranstaltungen setzt, wirklich belebt. Um die leeren Sitzbänke im Gang zwischen den geschlossenen Geschäften drehen derweil müde wirkende Damen auf Putzautos ihre flotten Runden. Die Gefahr, dass es sich auf diesen Bänken jemand zu gemütlich macht, besteht trotz nächtlicher Kälte nicht – zwischen den einzelnen Plätzen wurden vorsorglich metallene Armlehnen montiert.

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