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Wo die Sprache versagt

Von: Eva Reithofer-Haidacher

TRAUMA. Mit welchen Verletzungen Flüchtlinge leben und welchen Anteil unsere Gesellschaft daran hat.
Dazu die PsychotherapeutInnen und Trauma-ExpertInnen Uta Wedam und Klaus Ottomeyer.

Es leben Menschen unter uns, die Unsägliches erlebt haben. Wie soll ein junger Mann darüber sprechen, dass er die Ermordung seines Bruders und die Folterung seiner Mutter mitansehen musste? Dass er seinen toten Vater vor der Tür gefunden hat? Dass er selbst misshandelt und in ein Kellerloch gesteckt wurde, in das man Leichenteile auf ihn warf?  Wo die Sprache versagt, müssen andere Wege gefunden werden. Der 20-jährige Afghane, der all das mitgemacht hat, spürt nach dem Schock seinen Körper nicht mehr und verletzt sich zwanghaft selbst, um sein Dasein zu fühlen. Er braucht professionelle Hilfe, die er im Rehabilitationszentrum von Zebra am Grazer Schönaugürtel findet.
„Wer nicht mehr kann, kommt zu uns“, sagt Leiterin Uta Wedam. Jährlich sind es rund 200 Geflüchtete vor allem aus Tschetschenien, Afghanistan und Ex-Jugoslawien. Viele leiden nicht nur an Folterverletzungen, sondern auch an psychosomatischen Folgen wie Kopfschmerzen und  Atembeschwerden. Sie sind seelisch zutiefst verletzt, haben posttraumatische Belastungsstörungen, wie es im Fachjargon heißt. Sie leiden unter Angststörungen, Depressionen und psychotischen Krisen, viele sind suizidgefährdet.

Individuell abgestimmt. „Die Leute wissen oft nicht, wo sie gerade sind. Sie sind in ihren Gedanken und Gefühlen ganz woanders“, erklärt Wedam. In Albträumen und Flashbacks erleben sie die schrecklichen Ereignisse immer wieder. Um Lebensfreude und Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen, muss für jeden ein eigener Weg gefunden werden. Auch Klaus Ottomeyer, Sozialpsychologe an der Universität Klagenfurt, weiß: „Es gibt keine festgelegte Dauer und keinen schematischen Ablauf für eine gelingende Trauma-Therapie.“
Bei Zebra wird von der Krisenintervention bis zur Langzeittherapie alles angeboten. Fünf PsychotherapeutInnen, ein Sozialarbeiter, zwei Körpertherapeuten und eine Psychiaterin sorgen gemeinsam mit einem Dolmetscherpool für eine bestmögliche individuelle Betreuung.
Den jungen Afghanen lässt Uta Wedam malen. Es entstehen Bilder voll Blut und Gewalt, immer wieder aber ist auch ein Flötenspieler zu sehen. Die Therapeutin ermutigt ihn, seine Flöte mitzubringen. „Er hat sehr schön gespielt“, erinnert sie sich. Und er lässt die Flöte für sich sprechen: „Die Flöte sagt …“, formuliert er seine Erlebnisse. So erfährt Uta Wedam nach acht Monaten Therapie im Detail, was ihm Grauenhaftes widerfahren ist. Der Bursche hat sein Medium gefunden und sagt: „Die Flöte ist für mich wie ein Stock für einen alten Mann. Nach und nach lerne ich wieder gehen.“

Jenseits der Vorstellung. Das unbelastete Leben in einer Welt, in der einem von Menschenhand Misshandlungen zugefügt wurden, ist schwer möglich. Je brutaler das Geschehen, desto schwieriger ist es, das Vertrauen in die Menschheit zurück­- zuerlangen. Die Grenzen ihrer Arbeit werden Uta Wedam immer wieder bewusst. Bei jener Frau aus dem Kosovo etwa, die unter schwersten Depressionen leidet und schon mehrere Selbstmordversuche hinter sich hat. Sie spricht nicht und kann sich weder an ihre Eltern noch an ihre Kindheit erinnern. Was sie erlebt hat, entzieht sich jeglicher Vorstellungskraft: Im Krieg wird ihre Tochter neben ihr von einer Granate zerfetzt. Als sie schreiend die Körperteile ihres Kindes aufsammelt, wird sie von serbischen Soldaten entdeckt und mehrfach vergewaltigt. Die Frau hat bei der Therapie jüngst gelacht. Mehr an Erfolg ist nicht zu erwarten.

Kein Ende absehbar. Doch selbst im bestmöglichen Fall – wenn Traumatisierte keine Symptome mehr haben – ist die Heilung kein abgeschlossener Prozess. „Das Trauma hinterlässt Narben. Auch wenn sich ein gutes Narbengewebe bildet, wird die­se Stelle immer verletzbar bleiben“, sagt Uta Wedam.
Wenn Flüchtlinge hier gelandet sind, sei der Leidensweg keineswegs zu Ende: „Im Flüchtlingsheim gibt es keine Intimsphäre, sie haben materielle Verluste erlitten, Freunde und Verwandte mussten zurückgelassen werden.“ Viele werden von Schuldgefühlen geplagt. Es sei besonders wichtig, mit diesen Menschen wertschätzend zu kommunizieren. Doch oft seien die Begegnungen von Gedankenlosigkeit und Fremdenfeindlichkeit geprägt: „Es ist eine Respektlosigkeit Leuten aus dem Ausland gegenüber, sie, weil sie anders ausschauen, Dinge zu fragen, die man keine Einheimischen fragen würde.“
Ein Übriges tut die Bürokratie. Wer in Graz das Landesflüchtlingsreferat betreten hat, weiß: Hier wird postuliert, dass, wer fremd ist, auch bedrohlich sein muss. Vom ersten Schritt an werden die Flüchtlinge – sogar zur Toilette – von Securitypersonal begleitet und der Ton in so manchem Amtsraum ist vorwurfsvoll und bedrohlich. Klaus Ottomeyer, seit Jahrzehnten mit Therapie und Betreuung von traumatisierten Flüchtlingen in Kärnten befasst, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Im Manuskript seines Buches „Die Behandlung der Opfer. Über den Umgang mit traumatisierten Menschen in Psychotherapie, Politik und Gesellschaft“, das nächstes Jahr erscheinen wird, schreibt er: „Wie so oft bei der Psychotherapie von traumatisierten Flüchtlingen hatten wir in jenen Wochen weniger mit den Folgen von Verfolgung und Folter im Herkunftsland als vielmehr mit den Bedrohungen und Kränkungen zu tun, welche von den österreichischen Behörden produziert wurden.“ Und weiter: „Flüchtlinge sind immer wieder dem Verdacht ausgesetzt, sie seien in unserem Land nur auf ihren Vorteil bedacht oder Simulanten. Und diese Tendenz zur Verdächtigung und Entwertung sitzt ganz tief.“ All das, was für ein gutes Selbstwertgefühl nötig sei, werde ihnen während ihres Asylverfahrens, das viele Jahre dauern kann, vorenthalten: Die Erfahrung, geliebt zu werden, die Erfahrung,  über Arbeit gebraucht zu werden, und ein selbstständiger ökonomischer Status.
„Diese Leute sind wie geschaffen für Projektionen: Sie nehmen uns was weg. Wenn sie nicht arbeiten dürfen, kosten sie was“, sagt Uta Wedam. So entstehe eine fatale Stimmung im Land: „Die sollen dorthin zurückgehen, wo sie herkommen!“ Ein Willkommen für gequälte Menschen sieht anders aus.

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