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Jetzt liegt es an uns

Von: Birgit Schweiger

FAIRE MODE. Immer mehr Menschen wollen beim Kleiderkauf ihre soziale Verantwortung wahrnehmen. Wie und wo das in Graz möglich ist und warum sich ModeschülerInnen verstärkt mit diesem Thema auseinandersetzen

b sie wissen, dass ein Teil ihrer Kleidung von Kindern zusammengenäht ist? Die kleine, korpulente Frau schaut erwartungsvoll in den voll besetzten Festsaal der Grazer Modeschule, während die Dolmetscherin übersetzt. Ja, das wissen die meisten der Jugendlichen, und sie wissen auch, dass die Arbeitsbedingungen in den Fabriken großer Modelabels zum Teil katastrophal sind. Trotzdem oder gerade deshalb hören sie aufmerksam zu, als sie es von Kalpona Akter aus erster Hand erfahren. Mit zwölf saß die jetzige Arbeitsrechtsaktivistin aus Bangladesch an der Nähmaschine, mindestens 15 Stunden pro Tag. „Es war dreckig und wir hatten immer zu wenig Wasser.“ Von Bränden, vor denen zu flüchten wegen der vergitterten Ausgänge nur schwer möglich ist, hören die SchülerInnen. Von dramatischen Unfällen, von sexueller Belästigung, von Löhnen, die kaum zum Überleben reichen. Als die jetzt 34 Jahre alte Frau anfing, sich für die Rechte der Arbeiter­Innen einzusetzen, wurde sie entlassen. Inzwischen kämpft sie hauptberuflich für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Fabriken der Kleidungsindustrie. Getan habe sich schon einiges, aber noch lange nicht genug, erzählt sie: Vom gesetzlichen Mindestlohn könne man in Bangladesch noch immer nicht leben, Mutterschutz gebe es in erst einem Drittel der Fabriken, das Recht, sich zu organisieren, sei noch nicht umgesetzt. Etwas verändern können ArbeiterInnen, KonsumentInnen – und eben MitarbeiterInnen der Modebranche, ruft Akter die ModeschülerInnen auf, sich ihrer Verantwortung bewusst zu werden: „Ihr werdet später in der Industrie arbeiten und Entscheidungen treffen müssen. Ich hoffe, ihr trefft dann die richtigen Entscheidungen.“ Akters Vortrag wurde im Rahmen des EU-Projekts „Mein Design. Meine Verantwortung“ der Clean Clothes Kampagne organisiert, das auf Bewusstseinsbildung in den österreichischen Modeschulen setzt. „Jetzt ist außerdem fix, dass das Thema ‚soziale Verantwortung’ im Lehrplan verankert wird. In welcher Form, wissen wir aber noch nicht“, erklärt Katharina Deman vom Verein Südwind.

Auf Nummer sicher. Sich gegen die Ausbeutung und Misshandlung von Arbeitskräften einzusetzen, das bleibt aber nicht allein den zukünftigen DesignerInnen überlassen. Die Nachfrage bestimmt das Angebot, und so wollen immer mehr KonsumentInnen ihre soziale Verantwortung beim Kleiderkauf wahrnehmen. Oft wissen sie aber einfach nicht, wie sie das am besten anstellen.
Wer auf Nummer sicher gehen will, besucht einen „Weltladen“. Mode, für deren Herstellung sicher keine Menschenrechte verletzt werden, hat auch nichts mehr mit Wollpullis und bunten Schlabberhosen zu tun. Einfache Röcke, Zipp-Jacken und T-Shirts in vielen Farben gibt es von der Firma EZA, der größten Importorganisation für fairen Handel; wegen der jungen Designermode von „Göttin des Glücks“ kommen sogar KundInnen, die sonst selten einen Weltladen betreten. „Die Nachfrage nach fairer und biologischer Mode ist in den letzten zwei bis drei Jahren enorm gestiegen“, sagt Elfi Zechner vom Weltladen in der Grazer Mandellstraße. Von ähnlichen Erfahrungen erzählt Christine Barwick, Leiterin von „perviva“ in der Grazer Grabenstraße. Sie bietet Naturtextilien an, die zum Großteil auch fair produziert sind, wie die Gütesiegel (IVN, GOTS) verraten. Vor allem die große Auswahl an Babykleidung lockt viele KundInnen an, es gibt aber auch Spielzeug, Decken und Damenmode. Das dritte Grazer Geschäft im Bunde, das eine Auswahl an fairer Mode anbietet, ist der „Grün Bunte Laden“ in der Sparbersbachgasse.

Informieren und nachfragen. Aber was, wenn ausgewiesen faire Kleidung zu teuer ist oder einfach nicht gefällt? Ethiktests, die von unterschiedlichen Organisationen durchgeführt werden, geben Aufschluss darüber, wie verantwortungsvoll die großen Modelabels ihre Kleidung produzieren lassen. Auf der Homepage der Clean Clothes Kampagne werden diese Tests und vollständige Firmenprofile veröffentlicht. So wird auch mit dem Märchen aufgeräumt, dass teure Ware automatisch fairer sei: Während etwa H&M seine Standards in den letzten Jahren stark angehoben hat und auch C&A in der Liste recht weit oben steht, sind Nobelmarken wie Prada, Samsonite, Esprit oder Benetton weit entfernt von verantwortungsvollen Produktionsbedingungen. „Fair einkaufen ist keine Elitesache“, betont Katharina Deman. Der Clean Clothes Kampagne gehe es nicht darum, einen alternativen Markt aufzubauen oder dazu aufzurufen, gewisse Länder oder Marken zu boykottieren. Auf kritische KonsumentInnen komme es an. Sehr sinnvoll sei es, den Wunsch nach fair produzierter Kleidung in Geschäften zu äußern. Immer wieder nachzufragen, woher die Ware kommt, unter welchen Bedingungen sie hergestellt wurde – auch wenn die VerkäuferInnen in den seltensten Fällen Antworten darauf wissen. „Es geht uns darum, die weltweiten Bedingungen zu verbessern.“ Dazu gehört auch die Forderung nach Löhnen, von denen die ArbeiterInnen sich und ihre Familien tatsächlich ernähren können. Momentan wird für einen einheitlichen Mindestlohn im gesamtasiatischen Raum gekämpft – denn erhöht ein Land seine Standards, weichen viele Firmen einfach in ein billigeres Nachbarland aus.

Wissen schafft Veränderung. Nachzufragen und sich über die Produktionsbedingungen zu informieren, ist für viele der ModeschülerInnen inzwischen selbstverständlich. Manche gehen schon in ihren jungen Jahren noch weiter: „Marken, die nicht fair produzieren, trage ich nicht mehr“, sagt etwa die 21 Jahre alte Vera Jandrisits. Aktionen wie der Vortrag der ehemaligen Näherin Kalpona Akter stimmen die ModearbeiterInnen in spe zuversichtlich. „Man macht sich einfach mehr Gedanken, wenn man diese Dinge immer wieder hört“, sagt Carina Pleva, „wenn man es weiß, kann man was verändern.“ Der Gedanke, dass man eh nichts tun könne, sei falsch, meint ihre Kollegin Michéle Pötzsch: „Dann passiert ja nie was!“ Nicht nur als Konsumentinnen, auch in ihren zukünftigen Berufen wollen die jungen Frauen auf jeden Fall soziale Verantwortung zeigen. Faire Stoffe wünschen sie sich etwa. Schulkollegin Linda Viehauser hat selbst in den Ferien in einer ägyptischen Fabrik genäht; sie kritisiert mangelnde Überprüfung, korrumpierbare Kontrolleurinnen und Kontrolleure. Das will die 18-Jährige ändern. Sie kann sich gut vorstellen, in Zukunft als Reisetechnikerin zu arbeiten, verschiedene Produktionsstätten zu besichtigen und „zu schauen, ob da alles passt“. So könne sie etwas bewirken. „Die Lehrer haben uns die Botschaft vermittelt“, sagt Carina Pleva und nickt. „Jetzt liegt es an uns, richtig zu handeln.“

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