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Eine unmögliche Liebe

Von: Christian Maier

HEIRAT. Unzählige behördliche Schikanen, finanzielle Belastungen und nervenaufreibende Wartezeiten mussten Selma und Didier Mihindou überwinden, um zusammenleben zu können. Eine Fremdenrechtsgeschichte.

Als Didier Mihindou am frühen Morgen des 31. Oktober 2008 den Flughafen Schwechat betrat, war er bedrückt. In einer Stunde sollte die Maschine, die ihn zurück nach Gabun brachte, abheben. Sein dreijähriger Aufenthalt als Zirkusartist in Europa war damit zu Ende. Im Wartesaal umarmte der groß gewachsene Afrikaner seine Freundin. „Ich hoffe, du vergisst mich nicht“, sagte er. Und Selma erwiderte: „In zwei Monaten komme ich nach Gabun und heirate dich.“
Selma fuhr zurück nach Graz und dachte über die letzten Tage nach. Noch am 24. Oktober hatte sie sich gefreut: Weil „Afrika! Afrika!“, die Show, in der Didier auftrat, gerade Pause machte, war ihr Freund von Nürnberg nach Graz gekommen. Doch kurz nach seiner Ankunft erhielt Didier einen Brief seines Managements: Darin stand, ihm werde mit sofortiger Wirkung gekündigt, sein Visum laufe am 1. November ab. Ein Flugticket nach Gabun sei bereits gebucht.

Der Plan. Den Verliebten, die bereits ihre Hochzeit geplant hatten, blieben nur mehr sechs Tage. Während Didier das Management anrief und sich über seinen dubiosen Arbeitsvertrag beschwerte, informierte Selma ihre Anwältin und die Medien. Bis zuletzt hofften sie, dass sich so ein Ausweg finden ließe. Am Ende einigten sie sich, in Gabun zu heiraten.  
Ein Vorhaben, das Selma in den nächs­ten acht Monaten viele Nerven kos­ten sollte: Um es erfüllen zu können, nahm sie einen Kredit in Höhe von 15.000 Euro auf. Sie vernachlässigte ihre Arbeit, reiste nach Afrika und telefonierte monatelang mit BeamtInnen. Der Preis für diesen Kraftakt war hoch: „Ohne psychologische Hilfe“, sagt Selma, „hätte ich es wohl kaum so gut bewältigt.“ Dass es schwierig ist, einen Afrikaner zu heiraten, wusste sie. Einen Monat zuvor hatte sie ein Vorgespräch im Grazer Standesamt gehabt. Damals schnalzte ihr die Beamtin eine Forderungsliste mit kaum beschaffbaren Dokumenten auf den Tisch. Diese sollte sie zum nächsten Termin mitbringen. Das Paar habe auch zwei Ehefähigkeits-Zeugnisse vorzulegen, der Staat wolle ihre Heiratstauglichkeit prüfen.

Die Behörden. Da Didier jetzt in Gabun war, musste die Hochzeit nach Afrika verlegt werden. Doch Selma hatte keine Ahnung, welche Dokumente sie brauchte, damit Öster­reich das nun anerkannte. Sie rief im Außenministerium an: „Guten Tag. Können Sie mir sagen, welche Formulare ich für eine Hochzeit in Gabun brauche?“ „ Afrika, das weiß ich nicht, vielleicht kennt sich Kollege X aus. Ich verbinde.“ Dann ertönte das Freizeichen und niemand hob den Hörer ab. Selma versuchte es erneut, ließ sich zu einem anderen Beamten durchstellen. Dieser war ebenso ratlos: „Welche Dokumente Sie da brauchen? Keine Ahnung. Vielleicht weiß das Kollege Z. Ich verbinde.“ Wieder ertönte das Freizeichen. Wieder hob niemand ab.
So ging das eine Woche, zwanzig Telefonate lang. Didier saß derweil in Gabun in einem Hotel. Schließlich erreichte Selma einen Botschaftsbeamten, der ihr eine Liste telefonisch übermittelte: Sie hatte ihre Dokumente neu zu beantragen und sie dann von der Stadt beglaubigen und dem Land überbeglaubigen zu lassen. Weiters brauchte sie einen Stempel der gabunischen Botschaft in Berlin. Insgesamt sollte das mehr als 3000 Euro kosten.

Die Hochzeit. Als Selma am 2. Jänner 2009 neben Didier im bunt geschmückten Standesamt von Libreville stand, konnte sie erstmals durchatmen. Dort lauschten sie der französischen Rede des Standesbeamten. Vor drei Jahren hatte sie Didier bei Afrika! Afrika! kennengelernt. Jetzt heirateten sie in Gabun in einem Standesamt, wo der Bräutigam zwischen monogamer und polygamer Ehe wählen konnte.
Die Hochzeit fand Selma schöner als klassische österreichische Hochzeiten. Doch während Didiers Familie ihr gratulierte, ahnte sie bereits, dass die größten Probleme noch vor ihr lagen. Es begann am ersten Tag ihrer Flitterwochen. Selma versuchte gerade, die österreichische Botschaft in Nigeria anzurufen. Didier brauchte dort einen Termin, um seine Dokumente abzugeben und ein Visum zu beantragen. Doch Selma landete bei einem Tonband. Ein Fehler im Telefonsystem, dachte sie. Tatsächlich ging bei der Botschaft nie jemand ans Telefon.

Die Anwältin. Eine Woche später traf sie in Österreich ein, jetzt probierte sie, via E-Mail einen Termin für Didier auszumachen. Wieder keine Chance. Nach drei Wochen teilte ihr die Botschaft mit, dass sie keine weiteren Mails schicken solle. Didier flog daraufhin ohne Termin nach Nigeria. Als er seine Dokumente der Beamtin brachte, folgte die nächste schlechte Nachricht. Didier hatte 1000 Euro zu zahlen, da seine Angaben von einer Anwältin kontrolliert werden mussten. Selma überwies die Summe am selben Tag via Western Union. Die Spesen betrugen 270 Euro.
An einem Montag im März kam die Anwältin aus Nigeria nach Libreville. Didier holte die Frau, die kein Französisch sprach, mit dem Taxi ab und erfuhr, dass sie seine Daten jetzt persönlich überprüfen werde. Er musste sie zu all seinen Geschwistern, Onkeln und Tanten bringen, zu jeder Person, die in seinen Dokumenten vermerkt war. Die Anwältin wollte zudem seine Schule, seine Kirche und die Kaserne, in der er seinen Wehrdienst abgeleistet hatte, begutachten.
Vier lange Tage fuhr Didier mit ihr bei Höchsttemperaturen durch Libreville. Das Taxi hatte keine Türen, die Straßen keinen Belag, ständig erwisch­ten sie Schlaglöcher. Am fünften Tag wurde es selbst der Anwältin zu blöd. Weil alle bislang erhobenen Daten korrekt waren, verzichtete sie darauf, die letzten Ämter zu besuchen. Es sollten sechs Wochen vergehen, ehe sie den Bericht fertigstellte.

Das Wiedersehen.
Beinahe wäre der ganze Aufwand vergeblich gewesen. Denn die steirischen Behörden weigerten sich im Juni, den Gabuner einreisen zu lassen. Ihre Begründung: Selma war zu hoch verschuldet, um ihren Mann im Notfall erhalten zu können. Die Österreicherin war fassungslos. Hatte sie ihren Kredit doch nur wegen der von Österreich verlangten Dokumente und ihrer Flugtickets aufgenommen. Erst als die NGO Zebra vermittelte, genehmigte das Land nach einem ausführlichen Gespräch mit Selma das Visum.  Es war ein emotionales Wiedersehen. Genau acht Monate, nachdem Selma ihren Mann am Flughafen Schwechat verabschiedet hatte, umarmte sie ihn dort wieder. Geschafft haben es Didier und Selma damit aber noch nicht. Demnächst erwartet die beiden vermutlich ein Besuch der Fremdenpolizei. Die Beamten werden dann prüfen, ob das Paar nicht eine Scheinehe führt.

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