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Wenn das  Dach einstürzt

Von: Heike Krusch

Frauenleben. Penner, Sandler, Stadtstreicher? Wohnungslosigkeit ist auch ein weibliches Phänomen und hat mit den gängigen Klischees nichts zu tun. Zwei Frauen erzählen, wie sich ein Leben ohne eigenes Dach über dem Kopf anfühlt.

Eines Tages standen zwei Polizisten in der Tür und verlangten von mir, die Wohnung zu verlassen. Ich hatte gerade noch Zeit, ein wenig Kleidung und ein Fotoalbum einzupacken und dann wurde ich quasi abtransportiert. Mein Geschirr, die Möbel, die Bilder an den Wänden – alles, was sich in fast 25 Jahren angesammelt hatte, muss­te ich zurücklassen.“ Mit Tränen in den Augen erinnert sich die damals 55-jährige Hermine* an jenen Sommertag, als sie nicht nur das Dach über dem Kopf, sondern irgendwie auch ihre Identität verlor. Und dabei hätte alles ganz anders kommen können. Denn eigentlich hatte Hermine ein ganz gewöhnliches Leben geführt. Verheiratet, drei Kinder, vor deren Geburt sie auch berufstätig gewesen war, und eine kleine, aber feine Wohnung. „Als glücklich konnte man die Ehe in den letzten Jahren nicht bezeichnen“, gibt sie zu. Und irgendwann suchte sich ihr Mann eine andere Frau. „Ich wusste es, habe aber nicht so sehr darauf geachtet.“ Nach einem Krankenhausaufenthalt, die Kinder waren längst ausgezogen, fand sie eine leere Wohnung vor. Ihr Mann hatte nicht nur seine persönlichen Gegenstände, sondern auch alle Erlagscheine und Unterlagen, die die Wohnung betreffen, mitgenommen. Bezahlt hat er jedoch nichts. „Und irgendwann war der Schuldenberg zu groß, die Wohnung wurde versteigert und ich musste sie verlassen.“

Bruchlandung. Von einem Moment auf den anderen war Hermine ohne Bleibe. Eine Obdachlose, hätte man früher gesagt. Ein Begriff, der assoziiert wird mit „Sandlern“, die betrunken auf Parkbänken sitzen. Um diesem Trugschluss zu entgehen, spricht man in Fachkreisen mittlerweile von Wohnungslosigkeit und unterscheidet dabei zwei große Bereiche in Bezug auf Frauen. Für die einen, zu denen auch Hermine zählt, stellt die Wohnungslosigkeit einen Bruch im bisherigen Leben dar. Sie haben große Teile ihres Lebens den Anforderungen der Familie untergeordnet und ihre Identität hauptsächlich aus der Familien- und Paarbeziehung abgeleitet. Der Verlust dieser Rolle als Hausfrau und Mutter und der damit zusammenhängende Verlust der Wohnumgebung bedeutet für diese Frauen die Zerstörung des gesamten Lebensgefüges. Zur zweiten Gruppe gehören jene, die sich nie eine gesicherte Exis­tenz aufbauen konnten. Aufgrund traumatisierender Kindheits- und Sozialisationserfahrungen war es ihnen nicht möglich, einen kontinuierlichen Lebensstil zu entwickeln. Man „wurschtelt“ so dahin, aber irgendwann geht es nicht mehr. Davon zeugt die Lebensgeschichte der 50-jährigen Monika, die mittlerweile sehr offen über ihre Vergangenheit sprechen kann.

Notlösung. „Ich habe damals durch Krankheit, eine manische Depression, meine Wohnung verloren. Nachdem ich drei Monatsmieten nicht bezahlt hatte, setzte mich mein Vermieter verständlicherweise vor die Tür. Und weil es keine andere Möglichkeit gegeben hat, zog ich zu meinem damaligen Freund. Wir waren erst fünf Monate zusammen und ich muss sagen, dass ich mit gemischten Gefühlen zu ihm ging. Wir haben damals schon geahnt, dass es nicht klappen würde. Aber es gab keine andere Option. Ich hätte mir niemals die Kaution für eine eigene Wohnung leisten können. Es dauerte 14 Tage, bis wir uns so auf den Wecker gingen, dass er mich vor die Tür setzte. Nach einem schlimmen Streit. An einem regnerischen Tag. Ich hatte nichts bei mir und nicht einmal Schuhe an.“
Monika „strandete“ – wie sie selbst sagt – im Vinzitel, bekam eine Grundversorgung und konnte sich mit ein bisschen Geld einer Bekannten eine kleine Wohnung leis­ten. Kurzfristig. Dann traf sie den ehemaligen Freund wieder, und wieder zogen die beiden zusammen. Doch es sollte nicht klappen. Ständig neue Eskalationen, Krankenhausaufenthalte und finanzielle Schwierigkeiten machten ein normales Leben unmöglich. Mit Schrecken erinnert sich Monika an die Zeit: „Ich war am Ende. Ich fühlte mich wie ein Hendl ohne Kopf. Den Hals hatte man mir schon abgedreht, ich konnte nur noch versuchen zu strampeln.“ Der einzige Wunsch: auf keinen Fall auf der Straße leben müssen. „Das mag sich seltsam anhören. Mein Leben war ein Chaos, da wäre die Straße auch nicht mehr so schlimm gewesen. Aber man kann das nicht beschreiben. Die Angst, das Dach über dem Kopf zu verlieren, ist keine normale Angst. Das frisst dich auf. Auch wenn alles um dich herum chaotisch ist, in deiner Wohnung findest du noch Schutz. Du kannst dich im Bett verkriechen, kannst den Schlüssel umdrehen und alles Störende hinaussperren. Wenn diese Option weg ist, hast du gar nichts mehr.“

Wohnbetreuung. Auf der Straße landete keine von beiden. Hermine und Monika fanden eine Unterkunft im Frauenwohnheim der Stadt Graz. Maximal 65 Frauen und im Bedarfsfall ihre Kinder können darin betreut werden. Dabei handelt es sich sowohl um eine ärztliche als auch um eine psychologische und sozialarbeiterische Betreuung, wie die Leiterin Monika Farkas erklärt. „60 Prozent der Frauen, die zu uns kommen, haben psychiatrische Diagnosen.“ Diese müssen zuallererst behandelt werden. Danach kann man sich um Arbeit und Schuldenregulierung kümmern, bevor der Schritt in eine neue Wohnung getan werden kann. Der Andrang auf das Frauenwohnheim ist groß. 17.140 Nächtigungen weist die Statistik des Vorjahres auf.
Trotz intensiver Unterstützung bleibe man aber auch im Frauenwohnheim irgendwie heimatlos. „Ich habe ganz lange niemandem davon erzählt“, erinnert sich Hermine an die Scham. Sozialkontakte wurden abgebrochen, keine neuen Freundschaften gegründet, aus Angst, jemand könnte davon erfahren. Monika bringt es auf den Punkt: „Wenn du keine Wohnung hast, bist du aus der Gesellschaft hinausgefallen. Wenn du hinausgehst, siehst du keine Sonne mehr – weil du vor lauter Angst, jemandem in die Augen zu schauen, nur mehr auf deine eigenen Füße blickst.“
Doch die beiden haben es geschafft. Sie leben heute wieder in eigenen Wohnungen – mit gemischten Gefühlen. „Ich hatte meinen Wohnungsschlüssel schon zwei Tage, bevor ich das erste Mal in der Wohnung geschlafen habe“, erinnert sich Monika. Auch heute fühlt sie sich noch nicht hundertprozentig zu Hause in ihren vier Wänden. Wohnen braucht eben seine Zeit. Hermine lebt mittlerweile seit drei Jahren in ihrem neuen Reich und ist damit überglücklich. Vor allem an Festtagen hat das Eigenheim seine Vorzüge. „Zu Weihnachten sind immer meine beiden Töchter bei mir. Ich habe im Moment nur Kochplatten, aber ich habe das Geld für einen E-Herd schon beisammen. Hoffentlich geht sich das im heurigen Jahr noch aus, dann kann ich nämlich zum ersten Mal auch Weihnachtskekse backen“, hat Hermine klare Pläne. Kürzlich hat sich auch ihr Exmann wieder bei ihr gemeldet. „Aber mit dem habe ich nichts mehr zu reden!“ Hermine ist selbstbewusster geworden, stärker und dennoch, manchmal kommen ihr auch heute noch die Tränen. „Beim ersten gemeinsamen Weihnachtsfest mit meinen Töchtern habe ich ein Billet von ihnen bekommen. Und ich werde nie vergessen, was darin stand: Mama, wir sind so stolz auf dich.“

* Beide Frauen sind auf eigenen Wunsch nur mit Vornamen genannt.

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