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Geballte Lebenshilfe

Von: Jessica Maier

KICK. Fußball kann viel sein: Sport, Unterhaltung, Beruf, Religion. Und ein Sprungbrett für den Start in ein neues Leben. Ein Stelldichein mit dem Homeless World Cup, der heuer zum siebenten Mal stattfindet.

Das dritte Jahr des dritten Jahrtausends war für Graz ein besonders internationales. Erstens war da die Etikette der europäischen Kulturhauptstadt, der man mittels extraterrestrischen Bauten und unkonventionellen Events gerecht zu werden versuchte. Zweitens war da diese Straßenfußballmeisterschaft, bei der, in einer charmanten Mischung aus Profi-Kick und Hobbygedribbel, gänzlich unbekannte Ballesterer aus 18 Ländern der Welt den Hauptplatz der Murmetropole in ein stimmungsvolles Innenstadtstadion verwandelten. Der Homeless World Cup. Inzwischen wurde er, der in Graz aus der Taufe gehoben wurde, an verschiedenen Standorten rund um den Erdball ausgetragen und geht heuer im italienischen Mailand über die asphaltierte Bühne. Zwischen 6. und 13. September werden dort, wo sich für gewöhnlich Chic und Mode Guten Tag sagen, Obdachlose und AsylwerberInnen, StraßenzeitungsverkäuferInnen und Menschen mit Suchtgiftproblemen aus mittlerweile 48 Nationen nicht nur um sportliche Ehren kämpfen. Sie kämpfen vielmehr um soziale Anerkennung, um gesteigertes Selbstwertgefühl und um einen erfolgreichen Kreuzeckschuss ins Tor eines besseren Lebens. So weit, so kurz. Um die DNA des Homeless World Cups (HWC) ausführlicher zu beschreiben, muss man sie jedoch vom kleinsten Molekül weg aufrollen.

Runde Sache. Und dieses ist der Ball. Geschmeidig rollt und fliegt er von Fuß zu Fuß, und oft erscheint es, als würde zwischen den Spielern einer Mannschaft ein Spannungsnetz entstehen, das sich explosionsartig entlädt, sobald der Ball das Netz des gegnerischen Tors berührt. Der Ball ist eines jener zauberhaften Objekte, das in allen Gesellschaftsschichten auf dem gesamten Erdball spielerische Verwendung findet und somit völlig unterschiedlichen Menschen einen völlig vorbehaltlosen „Kick“ gewährt. Für diesen „Kick“ bedarf es jedoch, aller Vorbehaltlosigkeit zum Trotz, eines gewissen Reglements. Nun durchblickt ja, so das Gerücht, nur ein elitärer Teil aller passiven Couchkicker die Physik der berüchtigten Abseits-Falle. Ist aber beim HWC auch egal. Denn der Begriff des Im-Abseits-Stehens hat dort weder im übertragenen noch im schiedsrichterischen Sinn einen Stellenwert. Gespielt wird nach internationalen Street-Soccer-Regeln, vier gegen vier, zwei Mal sieben Minuten. Gespielt wird außerdem nicht nur um den Weltmeisterpokal, sondern auch um fünf weitere Trophäen. Steht doch beim HWC nicht das Prinzip von Wettbewerb und Ausscheidung im Vordergrund, sondern jenes des „Dabeisein ist alles“ oder, wie es ein HWC-Kicker 2008 in die Welt rief: „Homeless, not hopeless!“. Denn Hoffnung ist immer da, und wo Hoffnung ist, da ist auch eine Chance.

Völker-Ball. Eine Chance, wie sie Bernhard Wolf, Harald Schmied und Mel Young jenen Menschen geben wollen, deren Lebenskrug an Perspektiven alles andere als überquillt. Der einwöchige Cup ist dabei nur die Spitze eines Eisbergs aus sozialem Engagement, internationalen Vernetzungen und Sport als Lebenshilfe. Den Hauptprofit ziehen die Teilnehmer durch die Arbeit im Laufe des Jahres: Also einerseits durch sportliches Training, aber auch durch soziale Komponenten wie Teambuilding, Konfliktlösungen und vor allem auch die intensive Reflexion und Betreuung nach der Meisterschaft“, sagt Wolf. Der HWC als Firma spielt dabei die Rolle einer Dachorganisation, die Sozialprojekte mit Sportbezug auf der ganzen Welt miteinander vernetzt und ihnen eine Teilnahme am World Cup anbietet. „Die Länder erhalten von uns das Image, eine Mannschaft zu stellen und Weltmeister werden zu können. Dafür bringen sie uns Sponsoren. Überschüssige Gelder investieren wir wiederum in die Sozialprojekte“, erläutert Wolf. Klingt fair, und sinnvoll obendrein: „Fußballnarrische“ gibt es überall, und wo ein Fußball rollt, dort werden soziokulturelle Vorurteile schnell vom Tisch gekehrt. Sozialprojekte gibt es auch überall, und diese nehmen sich ebenfalls dem Vom-Tisch-Kehren gesellschaftlicher Differenzen an. Was liegt also näher, als die beiden in einer fruchtbaren Symbiose zu verbinden?

Rote Karte. Ganz so einfach geht die Rechnung aber leider doch nicht auf. Fragt man Monika Tragner, seit 2006 Managerin des Österreichischen Nationalteams, nach der größten alljährlich zu überwindenden Barriere, so ist die Antwort klar: „Reisefreiheit. Das Thema ist für alle Mannschaften ein großes Problem. Leider bleibt oft Asylwerbern, für die soziale Integration besonders wichtig ist, ein Fremdenpass für die Ausreise in die Austragungsorte verwehrt. Rechtlich gibt es zwar die Möglichkeit, am politischen Willen fehlt es aber“, erklärt Tragner. Auch die Sache mit dem Visum ist kompliziert. „Wer für den HWC spielberechtigt ist, dem fehlen typischerweise viele Voraussetzungen dafür: ein Wohnsitz, ein geregeltes Einkommen“, zählt Wolf auf. „Daher müssen Sondervereinbarungen getroffen werden, was aber auch nicht immer klappt.“ Erfolgsmomente im Kampf um die einmalige Chance – kein Spieler kann sich ein zweites Mal beim HWC bewerben – gibt es aber dennoch: Heuer gelang es beispielsweise erstmals, einen Fremdenpass für einen Grazer Asylwerber zu ergattern. Der 18-jährige Afghane Hussain Asadi darf mit nach Mailand. Und erhält damit jene Chance, die schon zahlreiche SpielerInnen vor ihm wahrnehmen durften, mit ebenso zahlreichen Erfolgen.

Golden Goal. Als ein halbes Jahr nach dem HWC 2007 alle TeilnehmerInnen ob ihrer Lebenssituation befragt wurden, sprach die Statistik für sich: 93 Prozent fanden neue Motivation für ihr Leben, 83 Prozent waren besser integriert, 29 Prozent fanden eine fixe Anstellung und 38 Prozent verbesserten ihre Wohnsituation. Trotzdem: „Erfolgsgeschichten sind relativ. Sie reichen vom Erfolg, nicht mehr permanent diverser Notschlafstellen verwiesen zu werden, bis zum Erfolg, ein völlig neues Leben zu beginnen“, differenziert Tragner die nackten Zahlen.
Apropos Zahlen: Auf welche Größe soll der HWC noch anwachsen? „Im ersten Jahr nahmen 18 Nationen teil, heuer schon 48. Wir könnten auch noch viel mehr Teilnehmer haben, aber das ist eben eine finanzielle und dramaturgische Frage. Ab einer gewissen Größe ändert sich die Stimmung ziemlich stark und auch der Turniermodus wird zusehends komplizierter“, so Wolf. Definitiv geplant sei jedoch ein eigener Cup für Frauenmannschaften.
Bleibt schlussendlich zu hoffen, dass auch in Zukunft noch viele Menschen das sagen können, was Stevie aus Australien, vormals Alkoholiker, aus dem HWC 2008 mitnahm: „Sometimes people don’t understand when I try to explain how important soccer is to me, but it has dead set helped me to change my life!“

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