STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2010/August 2010/Endlich trocken/
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Endlich trocken

Von: Eva Reithofer-Haidacher

ANONYME ALKOHOLIKER. Denk nicht an gestern und nicht an morgen: Jetzt und heute nicht zu trinken, ist das Ziel. Das ist der Grundsatz der Anonymen Alkoholiker, die einander seit 75 Jahren weltweit, seit 50 Jahren in Österreich und seit 35 Jahren in Graz unterstützen. Ein Lokalaugenschein aus Anlass des Dreifachjubiläums.

Alles dreht sich um die Flasche, genauer: um die, zu der nicht mehr gegriffen wird. Denn von den sieben Leuten, die sich im Grazer LSF zum Meeting der Anonymen Alkoholiker zusammengefunden haben, sind fast alle trocken. Geholfen hat ihnen dabei zu einem wesentlichen Teil der regelmäßige Austausch mit Betroffenen. Sie haben in der Gemeinschaft gelernt, ihre Krankheit in den Griff zu bekommen – ganz geheilt werden kann sie nie. Um sich das zu vergegenwärtigen, stellt sich bei dem Treffen jede/r mit  Vornamen und dem Zusatz „Ich bin Alkoholiker“ vor. Das Meeting läuft äußerst diszipliniert ab: Wer sprechen will, muss zuerst ein Handzeichen geben, sich vorstellen und auf die kollektive Begrüßung warten. Dann erst wird losgelegt. Jede/r spricht nur über sich selbst, nicht über andere. Wie es damals war, wie es heute ist, wer und was geholfen hat, wird offen dargelegt. Balsam auf die Wunden jener, die es noch nicht geschafft haben. „Die Alkoholikergeschichten sind auf der ganzen Welt dieselben“, sagt einer aus der Runde.
Rituale stehen zu Beginn und am Ende der Zusammenkunft. Aus den Schriften der Gründer wird vorgelesen, die Hände werden gereicht, ein Gelassenheitsspruch gemeinsam gesprochen. So wächst die Gemeinschaft, qualitativ und quantitativ. In Graz gibt es wöchentlich 13 Meetings und seit Kurzem ein englischsprachiges zusätzlich. Das MEGAPHON war bei einem dabei und bringt Auszüge aus den Wortmeldungen.

Ich heiße Werner und bin Alkoholiker.
Den ersten Kontakt mit Alkohol hatte ich auf meiner Maturareise. Da bin ich unter dem Tisch gelegen und alle haben gelacht. Von Anfang an war mein Umgang mit Alkohol nicht normal: Zum Tee am Abend habe ich während meines Studiums eine drei viertel Flasche Cognac getrunken. In den letzten Jahren war ich ein massiver Spiegeltrinker mit einem hohen Quantum. Ich habe auch an meinem Arbeitsplatz viel allein gesoffen, irgendwie ist das gegangen. Dann wollte ich mit meinem Leben Schluss machen und habe zwei Mal einen Suizid versucht. Beim ersten Meeting der Anonymen Alkoholiker habe ich mich fürs Leben entschieden. Ich bin jeden Tag in ein Meeting gegangen und habe auch früh den Dienst als Meeting-Sprecher übernommen. Das hat mir geholfen, konsequent zu bleiben. Es war ein schwerer und gleichzeitig leichter Weg: das Leben nehmen wie es ist, nur für heute verantwortlich sein. Was gestern war, können wir nicht ändern, und was morgen ist, wissen wir nicht. Nach 20 Jahren Trockenheit ist das Gefühl noch immer da: Ich könnte eine Flasche aufreißen und aussaufen. Es hat keinen Sinn, gegen den Alkohol zu kämpfen. Du musst nicht kämpfen, um zu siegen. Das Eingeständnis, dass ich gegen den Alkohol machtlos bin, war der Einstieg in ein neues Leben. Heute kann ich sagen: Ich bin ein glücklicher Alkoholiker.

Ich heiße Brigitte und bin Alkoholikerin. Wenn ich zu trinken angefangen habe, konnte ich nicht mehr aufhören. Es war kein Leben mehr, es war ein Dahinvegetieren. Ich hatte Angst vor mir selbst, vor allem wenn ich allein daheim war. Ich habe nicht mehr gewusst, wie ich da rauskommen soll. Zuerst wollte ich nicht ins LSF, aber heute weiß ich, dass man Hilfe braucht. Vor allem die Unterstützung nach dem Aufenthalt ist wichtig, sonst kommt man in den gleichen Trott. Ich weiß, dass ich nie mehr normal trinken kann. Ich denke nicht an ein Achtel, sondern an Flaschen. Ich bin eine Alkoholikerin, das ist eine Krankheit. Es fällt mir hundert Mal leichter, das erste Glas stehen zu lassen als nach dem dritten aufzuhören. Obwohl das erste Glas immer noch eine Armeslänge entfernt ist, weiß ich, dass es furchtbar enden würde. Wenn ich getrunken hatte, habe ich so viel Blödsinn geredet, Leute zum Übernachten eingeladen – das alles war mir am nächsten Tag so peinlich. Die ersten zwei Achtel waren ja lustig, aber dann wird es schrecklich, wenn du schon mit den Ellbogen vom Tisch runterrutschst. Ich bedaure nichts, aber ich bin froh, dass ich mein Leben im Griff habe. Heute kann ich loslassen und mein Schicksal in dem tiefen Glauben annehmen, dass alles einen Sinn hat – selbst dass ich getrunken habe.

Ich heiße Ingrid und bin Alkoholikerin. Ich habe zu Hause als Näherin gearbeitet. Neben dem Nähraum war der Weinkeller und dort habe ich mich für meine Arbeit belohnt. Mein Mann hat auswärts gearbeitet und ist nur alle zwei bis drei Wochen heimgekommen. Ich habe zu immer härteren Sachen gegriffen. Beim Walken hatte ich die Wodkaflasche eingesteckt. Drei Mal habe ich mich ins Koma gesoffen. Mein Sohn und meine Tochter waren die Ärmsten. Sie sind immer wieder gerufen worden, wenn ich besoffen, angeludelt irgendwo gelegen bin. Ich habe alles Geld versoffen. Zu den Anonymen Alkoholikern wollte ich zuerst nicht. Ich habe gedacht, dort sind die Sandler mit den Plas­tiksackerln, ich aber bin eine bessere Alkoholikerin. Dann habe ich mich doch aufgerafft und bin seitdem trocken. Das ist meine Tankstelle, ohne sie kann ich nicht leben. Kürzlich hat meine Tochter ihren Bachelor mit Auszeichnung gemacht. Ich war so stolz und hab zu ihr gesagt: „Alles kann ich im Leben doch nicht falsch gemacht haben.“ Da hat sie geantwortet: „Mama, mach dir keine Vorwürfe, das hat zu deinem Leben dazugehört.“

Ich heiße Herbert und bin Alkoholiker. Ich habe mit 14 Jahren begonnen und meine ganze Pubertät versoffen. Dann war ich im immer gleichen Radl drin: Am Vormittag bei der Arbeit habe ich mich ausgenüchtert, am Nachmittag habe ich mein erstes Bier getrunken und dann bis in die Nacht hinein. Am Ende war nichts mehr lustig, ich hatte keine Lebensqualität mehr. Als ich 2001 zu den Anonymen Alkoholikern gekommen bin, war ich psychisch komplett bedient. Ich hatte Burn-outs, Depressionen und Panikattacken. Ich lebte in Scheidung und hatte Angst, mein Kind zu verlieren. Mit dem Saufen konnte ich trotzdem nicht aufhören. Beim ersten Meeting bei den Anonymen Alkoholikern habe ich geglaubt, ich bin in einem Kirchenchor gelandet. Die Leute wirkten so fröhlich, und ich bin aufgenommen worden, als hätten sie immer schon auf mich gewartet. Da wurde mir klar: Ich will diese Freude auch haben. Der Geist in der Gruppe vollbringt Dinge, die ein Einzelner nicht vollbringen kann. Ich habe in den Anonymen Alkoholikern eine zweite Familie gewonnen. Ich hatte vorher ja nur mehr meine Saufkumpanen, sonst gar keine Kontakte mehr. Ich brauche die Gruppe, um nicht in den immer gleichen Mus­tern herumzugatschen.

Ich heiße Paul und bin Alkoholiker. In der Jugend war ich in einer Clique, mit der ich gerne fortgegangen bin. Ich bin damals schon immer mit ein oder zwei Kollegen übrig geblieben. Wir waren stolz darauf, zum harten Kern zu gehören, dass wir mehr vertragen haben als die anderen – was natürlich nicht gestimmt hat. Meine Frau habe ich im Gasthaus kennengelernt. Drei Kinder sind auf die Welt gekommen, wir haben ein Haus gebaut und ich musste viele Überstunden machen. Am Abend habe ich mich als Pendler in der Bahnhofswirtschaft mit Alkohol belohnt. Meine Frau hat inzwischen zu Hause getrunken und wenn ich heimgekommen bin, hat es Krach gegeben. Sie hat mich schließlich rausgeworfen, und von einem Tag auf den anderen hatte ich keine Familie, keine Kinder mehr. Wenn ich betrunken war, sind Dinge passiert, für die ich mich geschämt habe, und diese Scham habe ich wieder wegtrinken müssen. Der Führerschein ist mir entzogen worden und ich musste zugeben, dass ich Alkoholiker bin. Es war ein weiter Weg, aber heute kann ich es als mein Leben annehmen. Ich kann nichts rückgängig machen, aber ich kann mich bei meiner Familie entschuldigen. Heute lebe ich mit meiner Tochter und meinen Enkelkindern in einem Haus und fühle mich viel jünger als damals. Ich lebe sehr, sehr bewusst.

* Alle Vornamen im Text sind geändert

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