STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2010/August 2010/Drunter und drüber/
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Drunter und drüber

Von: Annelies Pichler

KompleXKapharnaüM, La Strada: KompleXKapharnaüM, La Strada (© M. Wiart)

WUNDERWELT. KompleXKapharnaüM zeigt beim Festival La Strada zum dritten Mal, was es kann: Diesmal wird das ganze Annenviertel in eine Bilderwelt getaucht.

Lachfalten. Babymünder. Falten. Gehsteige, Gassen und Gässchen.  Bewegung und doch im kurzen Moment der Gegenwart fixiert. Im Zeitraffer ein komplexes Chaos. In den Augen des neugierigen Beobachters jedoch: eine städtische Wunderwelt.  Für das Grazer Festival „La Strada“ kreierten die französischen Großmeis­terInnen der urbanen Intervention – genannt KompleXKapharnaüM (der Name steht für „komplexes Chaos“)  – diesmal das Projekt „Figures Libres“, das am 31. Juli und am 1. August das Grazer Annenviertel überziehen wird. Damit bringen die komplexen ChaotInnen nach „Play Rec“ im Reininghaus-Park (2006) und „SquarE – lokales Straßenfernsehen“ (2003) ihre dritte La-Strada-Produktion nach Graz.
„Wir zeigen die Zyklen des Lebens. Säuglinge, Kinder, Männer, Frauen, Junge und Alte“, umreißt der künstlerische Leiter, Pierre Duforeau, die Idee. „Menschen ändern sich, ihre Städte ändern sich. Sie sind auf dem Weg, bewegen sich in der Zeit. Das macht unseren Parcours ‚Figures Libres’ nachvollziehbar, und dabei wollen wir der Menschlichkeit an sich auf den Grund gehen.“

Entdeckungsreise. Nach intensiven Graz-Besuchen, die von der Neugierde und der Entdeckungsfreude geleitet wurden, macht KompleXKapharnaüM anschaulich, was das Annenviertel zu bieten hat: mit Bildern, bewegten und unbewegten, Klängen, Objekten, in riesigen Formaten und mit kleinen Statements. Unübersehbar oder fast versteckt werden sie den Parcours zu einer Entdeckungsreise machen.
Immer wieder hat die Gruppe KompleXKapharnaüM die Annenstraße erkundet und ihre BewohnerInnen besucht. Die KünstlerInnen schlenderten durch Gassen, die in die Straße münden oder wieder von ihr wegführen. Sich setzten sich mit den Menschen auseinander, die dort wohnen, arbeiten und in die Schule gehen. Geschichten bauschten sich um diese Begegnungen. Bilder. Manchmal voller Misstrauen, dann wieder voll Herzlichkeit. Leben, durch ein Lächeln erzählt, in  Kummerfalten festgehalten, durch Blicke zum Strahlen gebracht. „Wir meiden die Ästhetik der Werbung. Wir wollen Menschen zeigen, wie sie sind“, betont der künstlerische Leiter.

Lebensparcours. Dass sich das Grazer Annenviertel gegenwärtig besonders im Fluss befindet, kam den KünstlerInnen aus den unterschiedlichsten Disziplinen entgegen. „Dazu kommt die Vielfalt der Bewohner. Es ist außergewöhnlich, dass man an einem Tag Teenager aus der ganzen Welt trifft: jemanden aus Ägypten, ein Mädchen aus Kamerun und dann wieder eine tschetschenische Mutter“, ließ uns Duforeau an seiner Recherche teilhaben.  
Vorarbeiten zum Grazer Konzept wurden in einer experimentellen Phase im französischen Montbeliard geleistet. Einige Aufnahmen von dort fließen auch in die Grazer Produktion ein. Wie die Fotos von Neugeborenen, die in der relativ kurzen Zeit, die in Graz zur Verfügung gestanden ist, nicht machbar gewesen wären. Für den künstlerischen Leiter haben diese Aufnahmen von „Fremden“ jedoch auch ihre eigene Funktion: als Verbindung zu einem größeren Ganzen.  
Seit mehr als zehn Jahren arbeitet er an vergleichbaren Projekten. Durchstreift Städte, nähert sich ihren Menschen, um ihnen schließlich für den Zeitraum eines Kunstprojekts jenen öffentlichen Raum zu geben, den sie im Verborgenen ohnehin innehaben. Nur eben weit jenseits des Lichts, das die Öffentlichkeit für sich beansprucht. Dort, im medialen Dunkel, wurden sie von KompleXKapharnaüM  aufgestöbert. Nicht immer ging das reibungslos vor sich. Und doch: „Generell sind die Leute herzlich und bereit, viel zu geben.“ Der Parcours „Figures Libres“ wird’s zeigen.

http://www.lastrada.atwww.lastrada.at

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