STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2010/Dezember 2010/Nollywoods weiblicher Motor/
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Nollywoods weiblicher Motor

Von: Annelies Pichler

Kino. Die Filmschaffende Peace Anyiam-Osigwe ist eine der großen Leitfiguren in Nigerias Filmindustrie. Ein Gespräch. Aufgezeichnet von Annelies Pichler.

Nollywood hat in Graz Station gemacht: Mit dem Festival „Osuofia in Österreich“ brachte die ARGE Nollywood wichtige Filmschaffende aus Nigeria nach Österreich. Wie die Gründerin und Präsidentin der Afrikanischen Movie Academy Awards (AMAA), des afrikanischen Oscars, Peace Anyiam-Osigwe. Mit ihr unterhielt sich im Afro-Asiatischen Institut Graz Mercy Dorcas aus Kenia öffentlich über die Filmindustrie Afrikas. Ein Mitschnitt.  

Mercy Dorcas: Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen?
Peace Anyiam-Osigwe: Ich bin Filmemacherin. Als ich 1995 damit begann, habe ich noch in Großbritannien gelebt – ich hatte dort studiert. Da nahm plötzlich dieses Phänomen ers­te Formen an: digitale Fotografie, digitales Kino. Plötzlich konnte jeder, der eine Kamera bei sich hat, auch einen Film machen. Das begann in Nigeria rasch zu boomen. Bald entstanden dort jährlich rund 2000 Filme und mehr. 1997 zog mich dieses Phänomen so stark an, dass ich zurück nach Afrika gegangen bin.

Dorcas: Und dann haben Sie es an die Spitze der Filmindustrie geschafft.
Anyiam-Osigwe: Bin ich wirklich ganz oben?

Dorcas: Ja doch, das sind Sie bestimmt!
Anyiam-Osigwe:  Das liegt vielleicht an AMAA, den Afrikanischen Movie Academy Awards, mit denen ich 2005 startete. Durch diesen Bewerb werden Filme quer über den Kontinent bekannt gemacht. Zuvor gab es nichts, das uns alle zusammengebracht hätte, um die afrikanischen Filmemacher zu feiern. Dieses Festival aber bringt nun jedes Jahr 2000 Filmschaffende zusammen, die den Kontinent präsentieren.

Dorcas: Sie machen auch selbst Filme. Haben Sie Vorbilder?
Anyiam-Osigwe: Beim Filmen? Nicht wirklich, aber da sind diese alten Filme ... Es gibt einen Film, den ich in meinem Leben bestimmt schon 500 Mal gesehen habe. Wegen meiner Mutter. Und zwar „Sound of Music“. Auch heute noch gehört er für meine Mutter einfach zum Sonntag. Das macht ja auch einen guten Film aus: Es ist egal, wie oft er läuft, er langweilt dich nicht.  

Dorcas: Würden Sie sich selbst als Feministin bezeichnen?
Anyiam-Osigwe: Nein! Dafür habe ich zu viele Brüder! Und eine interessante Mutter, durch sie habe ich erkannt: Wenn du dich selbst kontrollierst und deine Standpunkte klarmachst, werden dich die Menschen respektieren und aufhören, dich als Mann oder als Frau zu sehen. Vielleicht habe ich das meinem Vater zu verdanken. Er hat sieben Burschen und ein Mädchen großgezogen. Ich bin die Jüngste und er hat mich nie als Mädchen behandelt, sondern einfach nur als Kind.

Dorcas: Wo werden Afrikas Frauen in fünf Jahren stehen?
Anyiam-Osigwe: Abgesehen davon, dass ich annehme, eine Frau könnte den AMAA gewinnen, denke ich, dass bald eine Frau einen großen Film machen wird, der wie „Slumdog Millionaire“ bei den Oscars abräumt.

Dorcas: Nollywood, was bedeutet dieses Wort?
Anyiam-Osigwe: Der Name wurde von einem US-Autor, der für die New York Times schreibt, kreiert: Nolly bedeutet nichts, aber heute steht es für schnelles, digitales Kino. Davor gab es kaum afrikanische Filme – sie alle waren abhängig von der französischen Regierung, die uns Kredite bereitstellte, damit wir Filme machen, die sie selbst sehen wollte. Nollywood erzählt erstmals über Afrika. Kritiker sagen, wir erzählen zu viel über Hexerei. Das aber ist Teil unserer Kultur, und jeder, der sagt, so etwas gäbe es nicht, macht sich etwas vor. In Europa gibt es ja auch Tarotkarten und Kristallkugeln. Wir haben die Vorstellung, dass Kranke nicht nur körperlich, sondern auch spirituell geheilt werden müssen. Denn manchmal kommen die Krankheiten von den Ahnen. In Europa gibt es Heilige wie Paulus, Johannes – wir haben unsere Ahnen.

Dorcas: Ich war im August in Kenia. Dort geht niemand mehr ins Kino, jeder organisiert sich Raubkopien.
Anyiam-Osigwe: Kenia ist einer unserer verlorenen Märkte. 90 Prozent der Filme  kommen dort als Raubkopien an. Der Piraterie haben wir aber auch unsere weltweite Popularität zu verdanken. Man muss sie als Marketinginstrument sehen. Das Problem dahinter ist, dass die meisten Filme keinen Vertrieb finden, der auch der Nachfrage entspricht. Die meisten Filme brauchen rund 100.000 Kopien, um groß herauszukommen. Auf dem Markt schaffen es aber gerade einmal rund 30.000 Kopien. Das reicht nicht. Deswegen floriert die Piraterie auf dem Kontinent. Sie wird nie ganz verschwinden, es geht aber darum, sie auf zwischenstaatlicher Ebene so weit es geht zu begrenzen.

Dorcas: Das Geheimnis Ihres Erfolges?
Anyiam-Osigwe: Ich mache, was mir Freude macht. Allein das macht mindestens 90 Prozent meines Erfolges aus. Außerdem hatte ich einen Vater, der wundervoll war und mir vermittelt hat: Was immer ich anstrebe, ich werde es erreichen. Ich musste also nur herausfinden, was ich erreichen will. Zwar habe ich in Großbritannien Rechtswissenschaften studiert, aber nur, weil meine Mutter das wollte. Danach rief ich sie an und sagte zu ihr: Ich habe ein Geschenk für dich – das Zertifikat meiner Graduation. Bitte rahme es ein, behalte es, genieße es. Das war’s. Ich habe immer gewusst, ich würde nie Juristin werden. Ich konnte es mir aber auch nicht leis­ten zu versagen – meine Mutter hätte mich glatt umgebracht. Auch hier ist es darum gegangen, auszubalancieren. Ich habe – für meine Mutter – studiert und dann bin ich zu dem zurückgekehrt, was ich wirklich wollte.  

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