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Es fühlt sich an wie Feuer

Von: Joanna Noemi Pusch

VERZAUBERT. „Muss es immer nur der Schulhof oder der Arbeitsplatz sein?“, dachte Amor wohl, als er sich entschloss, auch im Seniorenheim tätig zu werden. Einblicke in eine nicht alltägliche Liebe jenseits der Jugend.

Wenn Frieda Neubauer (89) und Emil Pfeiffer (79) im Foyer des Caritas Senioren- und Pflegewohnhauses Graz-St. Peter ein Glas Rotwein und ein Cola trinken, sehen sie verliebt und glücklich aus. In ihm erkennt man sofort den starken Mann von damals, mit kräftigen Schultern und großen Händen. Zirkusdirektor, Akrobat und Dompteur war Herr Pfeiffer früher. Frau Neubauer ist zierlich und schlank. Als junge Frau hätte sie bestimmt eine gute Figur als Artis­tin gemacht, doch sie wurde Damenschneiderin und wählte ein Familienleben mit Mann und Kindern.

Junges Glück. Erst vor zweieinhalb Jahren trafen sie einander zum ersten Mal. „Drüben haben wir uns kennengelernt“, sagt Herr Pfeiffer und zeigt zur Kapelle des Seniorenheimes. „Ganz originell, in der Kirche!“, erinnert sich Frau Neubauer. „Ich bin beim Gottesdienst neben ihm gesessen und habe gespürt, dass er ein guter Mann ist“, sagt sie kichernd. „Und als er mich berührt hat, ist es um mich geschehen – es fühlte sich an wie Feuer!“ Für beide war es Liebe auf den ersten Blick. Seitdem sind sie unzertrennlich. Offen und sehr dankbar für diese Fügung genießt das Paar sein Glück.
„Davor war ich sehr einsam“, erinnert sich Herr Pfeiffer, „und die Vereinsamung ist ein furchtbares Gefühl. Ich habe überall Anschluss gesucht, im Heim, beim Turnen, beim Singen.“ Frau Neubauer ist vor vier Jahren nach 67-jäh­riger Ehe Witwe geworden und fühlte sich einfach „zu alt für alles“. „Na, Blödsinn! Wir werden dich wieder zurückholen“, versprach ihr Herr Pfeiffer. „Es ist nicht zu glauben, dass man sich in dem Alter noch so verlieben kann. Und wie“, schwärmt er. Frieda Neubauer lebt in einer eigenen Wohnung in der Nähe des Seniorenwohnhauses. Schnell wurde über das Zusammenziehen gesprochen. Gegen eine gemeinsame Wohnung sprach jedoch die gute medizinische Betreuung im Seniorenheim. Die Romantik musste also der Vernunft weichen.
Nichtsdestotrotz hat Frau Neubauer von ihrem „Liebling“ mittlerweile auch zwei romantische Heiratsanträge bekommen. Stolz zeigen die beiden ihre Verlobungsringe. Ob verheiratet oder nicht – es ist es klar, dass sie ihre Zukunft nur gemeinsam verbringen wollen.
In wilder Ehe. Ihr gemeinsames Leben ist aufregend. „Sie teilt es sich so ein, dass wir uns jeden Tag sehen. Ich gehe zu ihr, oder sie kommt zu mir“, erzählt Herr Pfeiffer. „Und dann muss man noch danach trachten, dass es nicht langweilig wird. Wenn sie zu mir kommt, trifft sie jedes Mal einen anderen Emil Pfeiffer“, sagt er. Frau Neubauer schmunzelt. „Er weiß vor allem immer Bescheid, was es in Graz Neues gibt und wie man dorthin kommt. Oft sitzen wir einfach da und diskutieren darüber, ob das Neue gut oder schlecht ist.“ Das Paar macht Ausflüge in die Stadt, geht gerne ins Theater, ins Kino und regelmäßig in die Oper. Vor Weihnachten bummelten sie zusammen durch die Christkindlmärkte und fuhren sogar auf dem Riesenrad, so wie andere verliebte Paare auch.
Herr Pfeiffer ist ein geborener Unterhalter. Überall findet er schnell sein Publikum. Im Foyer des Seniorenheimes hängen Bilder von seinen Auftritten, die er vor den Mitbewohner­Innen bestritten hat. Luftballons aufblasen, selbst verfasste Gedichte vortragen, Zaubertricks zeigen, ein Zirkusdirektor setzt sich wohl niemals ganz zur Ruhe. Wenn er in sein Bühnenoutfit schlüpft und seinen Partner Maxi aus dem Zimmer holt, ist Frau Neubauer besonders stolz auf ihren Freund. „Bauchredner ist er auch, mit ihm ist es wirklich immer lustig“, sagt sie, während ihr schon Maxi, die Bauchrednerpuppe, mit schriller Stimme frech ins Wort fällt. Herr Pfeiffer und Maxi müssen sich nicht warm- reden, nein. Sie fegen durch das Foyer des Heimes mit einer improvisierten Show, die alle Anwesenden einbindet und schnell für Lacher sorgt. Erst wenn Herr Pfeiffer heiser wird, ist der Auftritt zu Ende.
Auch in einem Film durfte das Paar letztes Jahr mitspielen. Unbedingt möchte Herr Pfeiffer ein Plakat aus dem Streifen „Heim ist nicht daheim“ von Julia Laggner zeigen, auf dem sie, Hand in Hand, sommerlich gestylt im strahlenden Sonnenschein zu sehen sind.

Reife Liebe. Ihr Liebesglück erregt Aufmerksamkeit. Einladungen zu Talkshows sind da. Sie werden gefragt, wie es ist, sich mit knapp 80  bzw. 90 Jahren frisch zu verlieben. „Es ist nicht so wie früher, jetzt hat die Liebe einen ganz anderen Stellenwert. Es ist rein platonisch“, sagt Herr Pfeiffer. „Und wirklich wahr, es ist so was Herrliches, dass man es gar nicht glauben kann.“ Sie erzählen einander viele Geschichten von früher. Dinge, die sie vor ihrer Beziehung erlebt haben. Die Erinnerungen an die Zeit „davor“ verbinden sie nun, anstatt sie voneinander zu trennen, auch wenn es darin um andere Lieben geht. „Er ist immer von vielen Frauen umgeben gewesen“, weiß Frau Neubauer, die dreifache Uroma. Nun haben auch ihre Kinder Herrn Pfeiffer kennengelernt. Das Paar vertraut einander.
Wie sie einander aufrichtig faszinieren, wird klar, wenn sie über einander sprechen. Wird Frau Neubauer gefragt, was ihr an ihrem Freund gefällt, lautet die spontane Antwort: „Alles! Er ist galant, charmant und ritterlich. Und er weiß die Sachen von früher noch so genau und kann so gut davon erzählen. Ja, in Emil habe ich mich so richtig verliebt.“
„Sie ist goldig“, sagt er. „Nicht ein Mal möchte ich ihr gegenüber grob sein oder sie beleidigen. Ich habe ihr versprochen, ich werde da ganz vorsichtig sein. Wissen Sie, man muss sich auch so benehmen, dass sie es glaubt, dass ich sie liebe“, erklärt er. Wie leicht man eine Frau sehr kränken kann, weiß Herr Pfeiffer nur zu gut von früher. Für seine neue Liebe bemüht er sich ganz besonders: „Ich errate ihre Gedanken. Das würde ja jeder Frau gefallen“, sagt Herr Pfeiffer mit einem Grinsen.
Romantische Geschenke und kleine Überraschungen gehören ebenso dazu. Als Gentleman der „alten Schule“ verwöhnt Herr Pfeiffer seine Freundin mit Schmuck und anderen Aufmerksamkeiten, organisiert Eintrittskarten für die Oper und überlegt sich immer wieder etwas Neues. „Stegreifgedichte zum Beispiel. Sie gibt mir ein Thema vor und ich mache was draus.“ Im Sommer gehen sie oft spazieren. „Erst mit Emil habe ich Graz kennengelernt“, sagt Frau Neubauer, eine gebürtige Tirolerin. Ihre Spaziergänge sind kleine Entdeckungsreisen, auf denen sie gezielt das Neue suchen und schöne Erinnerungen sammeln.
Dem Paar steht ein feierliches Jahr bevor: Im März wird Herr Pfeiffer achtzig Jahre alt. Frau Neubauer wird im Sommer neunzig. Geburtstagsfeste mit Familie und FreundInnen sind in Planung. Und Amor? Wer weiß, vielleicht lässt er sich zum Valentinstag erneut im Senioren- und Pflegewohnhaus Graz-St. Peter blicken?

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