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„Ohne Blödeln hält man das nicht aus“

Von: Claus Philipp

KINO. Houchang und Tom-Dariusch Allahyari haben die Wiener Flüchtlingshelferin Ute Bock porträtiert. Alle drei kommen im Interview zu Wort: über die Entstehung des Films „Bock for President“, über das Versagen der Politik – und über eine besondere Art von Humor.

Claus Philipp: Wenn Sie heutzutage die Gelegenheit hätten, mit dem Herrn Strache eine Diskussion zu führen ...
Ute Bock: … das kann ich nicht, der lässt mich nie ausreden (lacht).

Philipp: Das ist wohl wahr, aber wenn er Sie ließe, wie würden Sie ihm erklären, warum die Einführung von so restriktiven Migrationssperren ein Unsinn ist?
Bock: Erstens glaube ich an dieses Europa ohne Grenzen. Das haben wir geschaffen und das werden wir jetzt auch nicht mehr abschaffen. Ganz egal, ob jemand hier bleibt, oder ob er nach Deutschland oder Belgien geht – wir erziehen ihn für dieses Europa. Wenn wir hier aus ihm ein „G’sindl“ machen, dann ist er dort später ein „G’sindl“. Und das wird uns auf den Kopf fallen. Wir ziehen da Verbrecher groß.

Philipp: Das könnte, nach erstem Hinhören, die FPÖ ähnlich auch gesagt haben. In einem Wahlwerbungs-Brief vom Herrn Strache steht: Während Sie das lesen, wird irgendwo in der Nähe gerade eine Wohnung ausgeraubt oder ein Mensch überfallen.
Bock: Es ist dann nur peinlich, wenn die Täter Österreicher sind ... (lacht) Aber nein, im Ernst, damit da kein Missverständnis aufkommt: Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Mensch einmal die Chance haben muss, zu leben. Er braucht eine Grundversorgung, einen Schlafplatz und die Möglichkeit, eine Ausbildung zu machen und sich eine Exis­tenz zu gründen. Damit er nicht gezwungen ist, etwas Schlechtes zu tun. Und dann kann ich sagen: „Du hast alle Möglichkeiten gehabt, du bist trotzdem kriminell geworden, auf Wiedersehen.“ Aber ich darf ihn nicht zuerst in ein Eck zwingen, sodass er kriminell werden muss.

Philipp: Was war denn Ihr Eindruck, als Sie den Film bei der Viennale-Uraufführung im besetzten Audimax gesehen haben?
Bock: Schrecklich (lacht)! Stellen Sie sich vor, man sitzt dort und schaut sich eineinhalb Stunden lang ununterbrochen das eigene Gesicht an! Ich kann nicht einmal beurteilen, ob der Film gut ist oder nicht.
Houchang Allahyari: Ich habe sie einmal im Club 2 erlebt. Die Ute ist eigentlich keine stille Person. Sie redet und sagt, was ihr einfällt, auch ohne davor nachzudenken. Wenn jemand sagt, das klingt wie die FPÖ, dann ist ihr das egal, das wird auch im Film gezeigt.

Philipp: Wie ist die Idee entstanden, Ute Bock für einen Kinofilm zu porträtieren?
H. Allahyari: Ich kenne sie seit über 40 Jahren und ich habe sie immer für ihre Arbeit bewundert. Sie hat in einem Heim mit österreichischen Kindern gearbeitet. Ihre Bemühungen und ihre einfache, natürliche Art, mit sehr traumatisierten Kindern umzugehen, haben mich schon damals begeistert. Ich habe in Favoriten als psychiatrischer Chef für Drogenabhängige gearbeitet. Als die Arbeit mit den Asylanten begann, wurde unsere Verbindung immer intensiver, weil sie zum Beispiel immer wieder Leute ohne Versicherung zu mir zur Behandlung schickt. Tom-Dariusch hat dann das Buch geschrieben. Dann haben wir zu filmen begonnen, und damit haben die Schwierigkeiten begonnen. Die Menschen, die hier sind, sind ja in einer Art Zwischenstadium, auch einige Illegale sind dabei, und die wollen sich natürlich nicht filmen lassen. Ute selbst musste die Menschen teilweise motivieren, ihnen versichern, dass nichts passieren würde. 70 Stunden Material hatten wir am Ende und daraus haben wir einen 90-minütigen Film gemacht.

Philipp: Welche Filme wären in diesen 70 Stunden Material noch drin gewesen?
Tom-Dariusch Allahyari: Als Erstes fallen mir natürlich einige sehr harte und berührende Schicksale von Klienten von der Ute ein. Wir konnten leider nicht alle Geschichten, die wir mitbekommen haben, auch zeigen, nicht zuletzt aus zeitlichen Gründen. Ein anderer Teil des Materials sind sehr lustige Geschichten von der Ute. Sie hat, wie man auch im Film sieht, einen ganz besonderen Humor, ich würde sogar sagen, dass sie eine Art natürliche Kabarettistin ist. In diesen zwei Bereichen hat uns oft das Herz geblutet, wenn wir viel wegschneiden mussten.
Bock: Das mit den „lustigen Geschichten“ muss leider so sein. Wenn ich alles so ernst nehmen würde, wie es ist, dann hätte ich mich schon aufgehängt.

Philipp: Ist es insgesamt sehr belastend?
Bock: Es ist so, da kommt einer zu mir und sagt mir, er hat schon seit drei Tagen nichts gegessen. Darauf sage ich ihm: Na und, gewöhn es dir nicht mehr an, es kommt viel billiger, wenn du nichts isst. Ich gebe zu, das ist eine Gemeinheit, aber für mich ist das irgendwo befreiend. Ich gebe ihm dann schon was zu essen. Aber der kommt zu mir und ist total verzweifelt. Dann bring ich ihn ein bisschen zum Lachen, und es geht für beide leichter. In Wirklichkeit ist es natürlich ein Hilfeschrei. Wenn ich nicht mehr blödeln kann, dann hupf‘ ich wahrscheinlich aus dem vierten Stock. Das hält man sonst nicht aus.
H. Allahyari: Ich glaube, wenn man ihre Arbeit nicht gesehen hat, man kann diese Frau nicht durch ein Interview kennenlernen. Die Erzählweise ist manchmal so grotesk und verkehrt, dass man sich fragt, was da los ist. So wie man vorhin den Eindruck haben mochte, dass ihre Meinung nach FPÖ klingt. Aber es ist nicht so, sie ist ganz anders.

Philipp: Frau Bock, im Titel des Films steckt eine gewisse Ironie, weil Sie etwas tun, was Politiker offenkundig nicht zustande bringen.
Bock: Was mich so wundert an den Politikern, ist, dass sie so eine Angst vor den Wählern haben. Viele von ihnen teilen meine Meinung, aber nur hinter der vorgehaltenen Hand, nicht offiziell. Warum? Die Bevölkerung wirft den Ausländern vor, dass sie von unserem Geld leben, dass sie sich hier großessen und dass sie nicht arbeiten, dass sie alles von uns bekommen. Dass es in Wirklichkeit nicht so ist, kann ich dir jeden Tag beweisen. Wenn vor unserer Tür einer steht und raucht, hört man „Ja schau, Marlboro rauchen‘s, die G‘fraster“. Abschaffen können wir die Ausländer nicht, warum ihnen also nicht eine Grundversorgung bieten?

Philipp: Was wäre der größte Erfolg für Sie?
Bock: Wenn ich endlich zusperren könnte (lacht). Wenn ich nicht mehr gebraucht werde.
H. Allahyari: Das sollen die Politiker in die Hand nehmen.
Bock: Genau, der Staat soll bitte seine Aufgaben wahrnehmen.

Philipp: Und Misserfolg?
Bock: Wenn das immer größer und größer wird und ich jeden Tag eine neue Familie irgendwo unterbringen muss. Momentan ist es so, dass jeden Tag mindestens eine Familie kommt, die auf der Straße steht. Den ganzen Tag telefoniere ich und bitte Leute, diese Familien zumindest für ein paar Nächte unterzubringen.
H. Allahyari: Als wir gefilmt haben, haben die Leute aus Platzmangel im Deutschkurs-Raum geschlafen. Inzwischen schlafen sie in allen Büroräumen.
Bock: Ja, am Abend schieben wir die Tische zur Seite und legen Matratzen auf, da schlafen die Leute. Manchmal sitze ich bis drei Uhr früh im Büro, und wenn ich aufstehe, muss ich über die Leute drübersteigen. Das ist doch kein Zustand. Teilweise sind sie Moslems, die mich sowieso schon schief anschauen, weil ich eine Frau bin. Und dann steig ich über die drüber, wenn ich aufs Klo gehe, das ist doch schrecklich.

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