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„Man muss im Leben Ordnung  haben“

Von: Eva Reithofer-Haidacher

HOCHZEIT.  Warum eine junge Frau trotz Widerstand ihrer Eltern heiraten und das Kopftuch tragen wollte. Eine 19-jährige Tschetschenin erzählt ihre Familien- und Lebensgeschichte.

Sumaya* sitzt am Sofa dicht neben ihrer 16-jährigen Freundin Lilia*. Beide haben vor kurzem geheiratet und zeigen stolz Hochzeitsfotos am Handy: die Kleider ganz in Weiß, mit Glitzer und ausladenden Tüllröcken. Bräute wie aus dem Bilderbuch. „Das war das letzte Mal, dass ich mich ohne Kopftuch gezeigt habe“, erzählt die 19-jährige Sumaya fröhlich. Sie hat nach Jahren der Flucht und des Lebens in der Fremde ihr Glück gefunden und Ende November einen 23-jährigen Landsmann geheiratet. Wie es dazu kam, erzählte sie dem MEGAPHON:
Das Schwierigste war, die Erlaubnis meines Vaters zu bekommen. Ohne die darf ein Mädchen bei uns nicht heiraten, sonst sagt man, sie ist eine Hure. Ich habe meinen Vater seit sieben Jahren nicht mehr gesehen. Meine Eltern sind geschieden und ich bin mit meiner Mutter und meinen beiden Schwestern nach Österreich gekommen.  Meine Schwestern haben versucht, ihn am Telefon zu überreden, aber das hat nichts geholfen. Erst als die Schwester meines Vaters herausgefunden hat, dass sie Familienmitglieder meines Mannes kennt, war er einverstanden. Für uns ist es sehr, sehr wichtig, dass der Bräutigam aus einer guten Familie kommt, in der mit Menschen freundlich umgegangen wird. Mein Mann hat in Tschetschenien in der gleichen Stadt wie ich, in Urs-Martan, gelebt. Das war unser Glück. Aber kennengelernt habe ich ihn erst in Graz.
Wir haben uns am 23. Juni zum ersten Mal getroffen. Er ist der Freund vom Bruder meiner Freundin und hat mich bei einer Hochzeit gesehen. Ich habe ihm gefallen und er wollte mich kennenlernen. Die Frau vom Bruder meiner Freundin hat das Treffen arrangiert. Sie hat mich angerufen und mich gebeten, ihm eine Chance zu geben.  Da habe ich ja gesagt, obwohl ich ihn vorher noch nie gesehen habe. Gleich bei unserem ersten Gespräch hat er gesagt, dass er mich zur Frau haben möchte und nicht länger als zwei Monate warten will. Bei uns heiratet man so früh, weil Mann und Frau einander vor der Hochzeit nicht berühren dürfen. Es hat dann doch länger gedauert, weil es Probleme gab, seine Schwester und seine Mutter für die Hochzeit nach Österreich zu holen. Am 28. November, also nach fünf Monaten, haben wir geheiratet.

Brautraub in Tschetschenien. Sowohl meine Mutter als auch meine Großmutter sind als junge Mädchen von ihren Ehemännern geraubt worden. Das ist eine Tradition, die es in Tschetschenien auch heute noch gibt. Manche Mädchen mögen das, ich nicht. Meine Großmutter war erst 13, aber die Ehe ist nicht gut gegangen. Dann hat sie einen anderen Mann geheiratet, den sie wirklich geliebt hat. Aber als seine erste Frau und ihr Kind zu ihnen gezogen sind, hat der Vater meiner Oma gesagt, sie soll nach Hause zurückkommen. Ihr dritter Mann war 23 Jahre älter als sie. Das Leben mit ihm war hart: Er war alt und krank, sie hatten fünf Kinder und die Großmutter musste allein ein Haus bauen. Eigentlich wollte sie sich scheiden lassen, aber ihr Vater war inzwischen gestorben und sie hatte keinen Platz, wo sie hingehen könnte.
Meine Mutter war 18, als sie geraubt wurde. Sie hat in einem Geschäft gearbeitet und mein Vater hat ihre Kollegin als Komplizin genommen. Sie ist mit dem Firmenauto zu meiner Mutter gefahren und hat gesagt, dass es Probleme im Geschäft gibt. Meine Mutter hat sich zu ihr in den Wagen gesetzt und hat dann ziemlich rasch bemerkt, was los war: Vorn und hinten hatten die Begleitautos ihre Warnblinkanlagen eingeschaltet – das ist bei einem Brautraub so üblich. Mein Vater ist dazugestiegen und sie sind zu ihm nach Hause gefahren. Am Anfang war das Leben mit ihm nicht so schlecht, aber dann hat seine Mutter begonnen, sich einzumischen. Sie hat gegen meine Mutter gehetzt und mein Vater ist immer brutaler geworden. Der Bruder meiner Mutter hat das mitbekommen und sie nach Hause zurückgeholt, als ich drei Jahre alt war.

Flucht nach Österreich. Meine Schwestern und ich mussten beim Vater bleiben und haben unsere Mutter fünf Jahre lang nicht gesehen. Er hat wieder geheiratet und mit der zweiten Frau auch drei Kinder. Er wollte nicht, dass meine Mutter Kontakt zu uns hat, und ich habe sie erst wieder gesehen, als ich in die Schule gegangen bin. Dort ist sie öfters hingekommen, anfangs habe ich sie gar nicht erkannt.
Weil Krieg war, hat sie unsere Flucht geplant, Tickets und Pässe besorgt. Erst in der Nacht, bevor wir aufgebrochen sind, hat sie meinen Vater angerufen. Er war einverstanden, weil er wusste, dass es besser für uns ist.
Seit meine Schwestern und ich bei meiner Mutter leben, hat sie nie gekocht oder geputzt. Sie hat gesagt, wir müssen das für später lernen. Und da hat sie recht. Ich finde das Leben von österreichischen Mädchen nicht so gut. Sie rauchen und trinken, übernachten irgendwo, werden von irgendwem schwanger. Das ist sehr schlecht. Man muss im Leben Ordnung haben. Mein Mann begleitet mich überall hin: zu meiner Mutter, zu meinen Freundinnen. Aber er bleibt nicht dort, er bringt mich hin und holt mich ab. Auch zum Einkaufen gehen wir gemeinsam. Früher habe ich immer meine Mutter oder eine Schwes­ter mitgenommen. Alleine einkaufen ist langweilig, ich berate mich gerne mit anderen.

Hochzeit und Hidschab. Musik und Tanz lehnt mein Mann aus religiösen Gründen ab. Auch bei unserer Hochzeit hat es das nicht gegeben. Wir haben in zwei Wohnungen gefeiert: die Frauen in der Wohnung des Bruders meines Mannes, die Männer einen Stock darunter in unserer Wohnung. Auch österreichische Nachbarinnen sind gekommen. Eine hat mir eine sehr schöne Kerze in Form einer roten Rose geschenkt, eine andere einen 50-Euro-Gutschein von Billa. Geld habe ich auch von Männern bekommen, die wollten, dass ich mit ihnen spreche. Denn eigentlich darf die Braut beim Hochzeitsfest nicht reden, aber für Geld schon. Vom Bruder meines Mannes habe ich 500 Euro gekriegt, von einem fremden Mann 100 Euro.
Mein Mann hat bei unserem ersten Rendezvous gesagt, dass ich das Kopftuch tragen soll. Er ist sehr religiös. Meine Mutter war dagegen, aber ich wollte das unbedingt. Also war sie schließlich auch einverstanden, aber ich sollte warten, bis ich verheiratet bin. Mein Vater weiß nicht, dass ich den Hidschab trage. Er würde sehr schimpfen, darum sage ich es ihm nicht.
Auf der Straße bin ich wegen des Kopftuches noch nie dumm angeredet worden, aber ich bin ja erst seit zwei Wochen verheiratet. Meine Schwester trägt das Kopftuch seit sieben Monaten und ist dafür schon dreimal beschimpft worden. Viele Nicht-Muslime hassen unsere Religion und suchen einen Grund für einen Streit. Sie sagen „Scheiß-Ausländer“ zu uns, aber mir ist es egal, was andere reden. Ich habe gar keine Angst, mir ist nur wichtig, dass Gott zufrieden ist. Für ihn tue ich alles.
Die vorige Generation hat das nicht so genau genommen. Meine Mutter ist nicht sehr religiös, mein Vater gar nicht. Sie haben kein gutes Leben gehabt, mein Vater hat sie geschlagen. Es ist sehr schwer mit solchen Menschen, die keine Angst vor Gott haben. Meine Mutter wollte deshalb auch nicht, dass ich so jung heirate. Aber mein Mann weiß, was Gott uns sagt. Er ist höflich zu mir, hilft mir, raucht nicht, trinkt nicht, geht nicht in die Bar.
Mein Mann hat bisher leider noch kein Asyl bekommen. Wenn er einen positiven Bescheid kriegt, machen wir eine Wallfahrt nach Mekka. Er will das sehr und ich auch.

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Von: MIMIA
[2011-01-26 10:38:52]
antworten

selam

inschalla werde IHR GLÜCKLICH
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