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Auf leisen Sohlen

Von: Birgit Schweiger

ZEITUNGSZUSTELLERiNNEN. Bei jedem Wetter, sieben Nächte die Woche, sind sie unterwegs – im Laufschritt treppauf und treppab, meist per Fahrrad durch Hinterhöfe, Gassen und Straßen. Das MEGAPHON war mit auf Tour.

Kalter Wind fegt tote Blätter über die leere Straße, Jalousien vor dunklen Fenstern klappern, als Zeitungsausträger X.* um 2:30 Uhr seinen Dienst antritt. Durch die halbe Stadt ist er zuvor mit dem Rad von zu Hause zur Arbeit gefahren. An einer der zig Grazer Ausgabestellen belädt er den großen Korb am Gepäckträger mit einem Riesenpacken verschiedener Tageszeitungen und radelt wieder los. In rasantem Tempo geht es über den Gehsteig auf die andere Straßenseite, ein paar Häuser weiter wird geparkt, zum Absperren bleibt keine Zeit. Ein Griff in den Korb, lautloses Abzählen, zurück zum ersten Haus in der Straße. Aus der linken Jackentasche ein riesiger Schlüsselbund mit farbigen Anhängern, ein kurzer Blick reicht, der passende Schlüssel ist gefunden, das Haustor summt. Immer zwei Stufen mit einem Schritt nehmend geht es hinauf in den zweiten, in den dritten Stock. Eine kleinformatige Zeitung hier, eine rosarote da, mit leisem Klatschen landen sie genau auf den Fußmatten. Ohne Verschnaufpause geht es wieder runter, weiter zum nächsten Hauseingang. Nächster Schlüssel, nächstes Treppenhaus. Das Tempo bleibt. Dass die Winterjacke trotz der frostigen Temperaturen eine Fehlentscheidung war, ist der Autorin dieser Zeilen in diesem Moment schon klar. Beim dritten Abwärtslauf und einige böse Blicke von Herrn X., der auf leisen Turnschuh-Sohlen von Stiege zu Stiege spurtet, später weiß ich, dass die warmen Schuhe nicht nur zu klobig für diese Tour sind, sondern auch zu laut.
Täglicher Frühsport. X. ist einer von hunderten ZeitungszustellerInnen in Graz. Seit drei Jahren arbeitet er auf seiner Tour, jede Nacht, bei jedem Wetter. Um spätestens sechs Uhr morgens müssen alle Zeitungen aus­geliefert sein, etwa drei Stunden dauert die Tour des Afrikaners. „Meis­tens ist es wie Sport“, sagt er, schief lächelnd, während wir in einen Lift einsteigen. Ich bin froh über die kurze Pause und ziehe schnell den warmen Pulli unter der Jacke aus. Je nach Wochentag sind unterschiedlich viele und unterschiedlich dicke Zeitungen auszuliefern, Eile muss auf jeden Fall sein: „Wenn ich um 6.01 Uhr nicht fertig bin, klingelt schon das Telefon.“ Zeit muss aber auch sein – für Sonderwünsche der Abonnentinnen und Abonnenten. Denn nicht nur auf Fußmatten landen die Druckwerke, sondern auch darunter, in Fenstergittern, Blumenvasen, Wäschekörben oder durch das gekippte Fenster direkt am Klo. Nach einer halben Stunde das stille Übereinkommen: Obwohl mit vollem Elan und relativ guter Kondition dabei, fange ich an, in Häusern ohne Lift im ersten oder zweiten Stock zu warten, während X. sich nach oben schraubt. Er kann sich den Zeitverlust nicht leisten. Für ihn als Asylwerber ist es eine der wenigen Möglichkeiten, legal Geld zu verdienen. Sicherheiten gibt es dabei keine, X. arbeitet – wie nahezu alle ZeitungsausträgerInnen – mit Werkvertrag. Das heißt, er muss sich selbst um Versicherung und Abgaben kümmern, hat keinen Urlaubsanspruch und auch kein Recht auf bezahlten Krankenstand. „Wenn ich krank bin, macht zwar jemand anders meine Arbeit, aber ich verdiene in der Zeit nichts und habe auch Angst, deshalb meinen Job zu verlieren.“

Immer weniger Zeit. Frau Y.*, die dem MEGAPHON auf Anfrage von der Firma Redmail vermittelt wurde, sieht sich selbst nicht als repräsentativ für die Recherche: „Es sind ja 80 Prozent Ausländer, die diesen Job machen. Sie sollten mit so einem mitgehen.“ Sie ist eine der letzten ZustellerInnen mit Anstellung. „Ich arbeite jetzt seit 36 Jahren auf derselben Tour, mich können sie nimmer rauswerfen“, sagt die Österreicherin, während sie ihr Moped schwer belädt. Früher war ihr Zustellgebiet viel größer, die Zeit war nicht ganz so knapp. „Jetzt ist die Zeitung spät fertig und wir haben Prospekte und Gratisblätter dabei.“ Zum Aufwärmen geht es in ein paar Hochhäuser – rauf mit dem Lift, runter zu Fuß, Zeitungen nach rechts und links über den Boden geradewegs auf die Fußmatten schleudernd oder auch über das Geländer. Nie fallen die losen Blätter auseinander. Große Wohnhäuser sind beliebt, denn die ZustellerInnen werden nach ausgeteilten Stück bezahlt, nicht nach Zeit. Wieder kann ich – zwischendurch ins Notizbuch schreibend – kaum Schritt halten, wieder trample ich zu laut durch das Stiegenhaus, werde ermahnt: „Die Schuhe dürfen kein Profil haben! Schauen‘s, meine sind komplett leise.“ Rücksicht wird großgeschrieben in Zustellerkreisen. Als wir unten ankommen, ruft Frau Y. erneut den Lift: „Damit der nächste Austräger nicht warten muss.“ Den treffen wir dann auch hinter der Haustür, ein paar freundliche Worte im Sprachengemisch und Zeitungen werden gewechselt; ab und zu wird ein Haus für den anderen miterledigt. Auf dem Moped geht es ein paar Meter weiter zur nächsten Siedlung, durch einen dunklen Hinterhof, Außenstiegen hinauf, einen Lift hinunter, bei einer anderen Haustür wieder hinaus. Ein ganzer Packen Zeitungen wird in einem Studentenheim mit seinen verwinkelten Ecken verteilt; Frau Y. studiert ihre Liste genau, hier verändert sich viel im Abo-Alltag. Ist die Zeit sehr knapp, kommt das Heim zum Schluss. „Ich weiß genau, wann wer in der Früh arbeiten gehen muss. Daran orientiert sich mein Weg.“

Müde in den Morgen. Ihren Weg kennt auch Ingrid Grach, die als zweite Person von Redmail für die Recherche vermittelt wurde. Seit 23 Jahren ist sie jede Nacht im belebten Univiertel unterwegs. Sie ist bereits in Pension, hat sich aber eine „kleine Tour“ behalten: Um kurz vor vier Uhr startet sie, knapp zwei Stunden später ist sie fertig. Als Kollegen der 60-Jährigen, die ihre Runde mit dem Auto bewältigt, bemerken, dass sie begleitet wird, üben sie Kritik: „Wenn Sie wirklich erleben wollen, wie hart die Arbeit ist, müssen Sie mit jemandem ohne Anstellung mitgehen!“ Er arbeite seit sechs Jahren fast täglich mit dem Fahrrad als Zusteller, erzählt einer mit dunklerer Hautfarbe. Kaputte Knie und lädierte Hüften habe er davongetragen. Aufhören könne er mit der Arbeit nicht, langsamer treten auch nicht: „Ich habe Frau und Kind daheim.“
Gegen fünf Uhr früh beginnt es in den Stiegenhäusern nach Kaffee zu riechen, auf der Tour mit Herrn X. spüre ich, wie mir die Müdigkeit in die Glieder fährt. Schließlich warte ich bei den Fahrrädern – was auch ein Gutes hat: Gerade in der Nähe von Lokalen sei die Gefahr, dass der unverzichtbare fahrbare Untersatz gestohlen wird, groß. Drei Ersatzräder habe er in der Gegend stehen, erzählt X. „Aber die Leute stehlen auch Zeitungen, mein Licht oder den Korb.“
Spätestens um sechs Uhr morgens sind alle Zeitungen verteilt. Dann ist auch die Nacht vorbei; die Straßen sind belebt und hinter vielen Fenstern brennt Licht. Ingrid Grach, die abends sehr früh zu Bett geht, bleibt gleich auf, Frau Y. kuschelt sich nach Dienstschluss wieder in die Decken. Herr X. braucht an Schlaf nicht zu denken, er radelt nach Hause und nimmt ein Bad, um um acht Uhr pünktlich zu seiner zweiten Arbeit zu erscheinen. Wie jeden Tag.

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