STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2010/Juli 2010/Es ist ein Heben, es ist ein Fallen/
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Es ist ein Heben, es ist ein Fallen

Von: Robert Menasse

Grenzbetrachtungen. Der österreichische Schriftsteller reagiert damit auf das Urteil des Verfassungsgerichtshofs, das die Ausweisung von Arigona Zogaj für rechtens erklärt hat.

Es ist ein Heben, es ist ein Fallen. Es ist ein Moment der großen Worte und zugleich der Sprachlosigkeit. Nichts dazwischen. Die Enge des Gedränges, die Weite der Freiheit. Nichts dazwischen. Alle ohne Namen, keiner ein Niemand – jedermanns Niemandsland. Nichts dazwischen. Aber eben darum geht es, um dieses Nichts dazwischen! Nichts, das eines vom anderen trennt. Jenseits – ist fern. Drüben – ist nahe. Und plötzlich ist alles eins. Hier und Dort trifft sich im Nichts dazwischen.

Grenzenlose Euphorie. Ich war sehr jung, aber ich hatte schon Erfahrungen mit Grenzen, als ich zum ersten Mal ein Foto sah, das diese Euphorie zeigte: wenn ein Grenzbalken gehoben wird und die Grenze fällt. Das Glück in den Gesichtern der Menschen, die sich da drängen, jeder einzelne will zulangen, will mitgehoben und mitgefällt haben, jeder will seinen tätigen Anteil am Triumph, will jetzt, da sie fällt und aufgehoben wird, physisch berührt haben, was so abstrakt ist: die Grenze. Die Euphorie in den Gesichtern uniformiert die Menschen auf diesem Bild, verwischt auch diese Grenze, diese Distanz: zwischen den Menschen in Uniform und jenen in Zivil. Die Menschen in Uniform waren die Schützer der Grenze, sie hatten ihre Uniform dafür bekommen: die Grenze zu kontrollieren, zu bewachen, zu sichern. Sie hatten die Hoheit zu bestimmen, wer die Grenze passieren darf und wer nicht. Und auf diesem Bild heben sie mit der Aufhebung der Grenze triumphierend sich selbst auf. Es ist EIN Körper, der den Grenzbalken hebt und die Grenze zu Fall bringt, und die Uniform ist nicht mehr das Kleid der Staatsmacht, sondern des Volkswillens, wie auch das Volk nicht mehr zivil ist, sondern eine in Selbstermächtigung uniformierte Macht, die sich glücklich entgrenzt.
Es ist ein historisches Foto: ein Bild des Glücks – das ich mit Beklommenheit und Abscheu sah: Es zeigt die Demontage eines Grenzpostens zwischen Deutschland und Österreich im Jahr 1938, im Zuge des sogenannten „Anschlusses“. Die Öffnung der Grenze öffnete das Tor in einen Kerker!
Ich habe mich, als ich dieses Foto sah, gefragt, ob die Menschen, die auf diesem Foto zu sehen sind und die, wenn man wollte, zweifellos zu identifizieren wären, noch leben (ich war damals Gymnasiast; die meisten, so sie dann nicht im Krieg gefallen sind, lebten also sicherlich noch), ich hätte sie gerne gefragt – was denn? Nein, ich hatte keine Fragen. Die Verachtung war fraglos.
Heute würde ich gerne wissen, ob es dieselben Menschen sind (oder deren Kinder), die sich die Grenzen zurückwünschen, die zunächst als Konsequenz ihrer begeisterten Teilnahme an den Verbrechen des 2. Weltkriegs errichtet wurden und erst nach 1989 gefallen sind.

Der Eiserne Vorhang. An dieser Grenze, dem „Eisernen Vorhang“, machte ich als Kind meine erste Grenz­erfahrung: Ich verbrachte während meiner Schulzeit die Sommerferien regelmäßig bei meiner Großmutter im niederösterreichischen Waldviertel, nahe der Grenze Österreichs zur Tschechoslowakei. Zwischen Nagelberg und Gmünd gibt es ein Straßenstück, das zugleich Staatsgrenze ist. Auf dieser Straße Rad zu fahren, war für mich und andere Kinder eine Mutprobe – ein Abenteuer heftiger Angstlust. Auf der Straße befand man sich in Österreich, schon der Straßengraben war, wie uns gesagt wurde, „feindliches Ausland“, zunächst einmal Niemandsland – alleine dieser Begriff löste im Kopf eines Kindes Schaudern aus –, angeblich mit Minen und Selbstschussanlagen gesichert, gleich dahinter mehrere Reihen Stacheldraht, der Korridore bildete, in denen bewaffnete Uniformierte mit Hunden patrouillierten, in regelmäßigen Abständen Wachttürme, ebenfalls mit Soldaten besetzt, die uns Kinder beobachteten – und ab und zu blitzte das Licht im Glas ihrer Feldstecher auf, es war, als würden diese Grenzwächter mit Blitzen nach uns werfen. Schwer zu sagen, ob es wirklich so war, oder ob ich mir das nur einbildete: dass sich manchmal unsere Blicke trafen, der Grenzwächterblick und der Kinderblick. Ein Heben, ein Senken, des Blicks, der Hand, der Waffe – grüßten diese Männer? Drohten sie?
Die schönsten Pilze wachsen dort, pflegte meine Großmutter zu sagen, im Niemandsland, zwischen den paar Fichten, die nicht gefällt worden waren, und keiner hat etwas davon.
Wir radelten auf und ab, in waghalsigen Manövern, wissend oder glaubend, dass ein Sturz das Verderben wäre, ein Fall ins Niemandsland, in den Tod. Heute ist nichts mehr davon zu sehen, nur noch das alte Schild „Achtung! Staatsgrenze entlang der Straße“, aber da, neben der Straße, in der Wiese, mitten im Niemandsland, stehen ein Baumarkt und ein Textildiskonter – und ein „Grabsteinland“. Ein Gewerbepark, der unfreiwillig hintersinnig an die Todesgrenze erinnert.  

Der kleine Grenzverkehr. Es gibt kein Bild vom Fall dieser Grenze. Aber als die Grenze weg war, zeigte sich nicht Euphorie, sondern Gier: Man fuhr „hinüber“, um stangenweise billige Zigaretten zu kaufen, eine seltsame Pointe: Der Schmuggel blühte auf, als die Grenze verschwand. Und in der Nacht verschwinden die Zigarettenhändler und werden abgelöst von Prostituierten. Das Niemandsland als Rotlichtdistrikt. Der kleine Grenzverkehr. Und sonst? Die Nachbarn stehen sich sprachlos gegenüber. Die Sprachlosigkeit ist ein trennendes Nichts. Das Niemandsland ist breiter geworden: Nichts, das trennt.
Es gibt ein Foto von der Öffnung des „Eisernen Vorhangs“, ein Symbolfoto: Es zeigt den österreichischen Außenminister, der mit einer großen­ Zange den Stacheldraht an der österreichischen Grenze zu Ungarn durchschneidet. Das Foto musste mehrmals wiederholt werden, bis alle, die auf diesem Bild, das ein his­torisches Dokument werden sollte, richtig gruppiert und die Fotografen zufrieden waren. Inzwischen war das freudige Lachen des Außenministers zur Grimasse geworden. So ging es ikonographisch in die Geschichte ein. Heute patrouillieren dort österreichische Soldaten, um die Grenze zu bewachen, die nicht mehr existiert. Sie tun dies wegen des „subjektiven Sicherheitsgefühls“ der Bevölkerung.
Ein Heben, ein Fallen. Die Grenze ist aufgehoben – und wird bewahrt, indem sie jetzt erst recht bewacht wird. Ein Rückfall? Ein Sündenfall.

Eingegrenzt und ausgesperrt. Das offene Tor zur Freiheit ist eine Mutprobe – die ein Kind nicht mehr versteht.
Aber wehe, ein Kind kommt herüber – dann, nur dann, zeigt sich, was eine offene Grenze ist: eine Grenze, die nur geöffnet wird, um das Kind, nachdem es sich „rechtswidrig integriert“ hat, wieder hinüber, hinaus, raus aus diesem Land schicken zu können. Dann senkt sich der Grenzbalken wieder, denn die Grenzen des Volksmunds sind die Grenzen unserer Welt, die Phrasen der Politiker sind die Grenzbalken unserer Welt.

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