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Stanglpass gegen Fremdenhass

Von: Henric Wietheger

SCHLAGABTAUSCH. Der Verein „Fair und Sensibel“ lässt Polizisten gegen Afrikaner kicken und setzt so ein Zeichen gegen Vor­urteile und Fremdenhass. Kapitän Rudolf Kanapesz und Trainer Christian Chima im Interview.

Vor dem Stadion der Polizeiinspektion Karlauerstraße ist es ruhig. Kein Menschenauflauf, keine Autoschlangen, keine Hupkonzerte. Nicht ein einziger Fan grölt, singt oder jubelt vor den schweren grauen Stahlpforten, die den Weg zum Innenhof der Inspektion versperren. Kein „Olé, olé, olé“, keine Vuvuzelas. Kaum jemand weiß von dem außergewöhnlichen Fußball-Match: Der Sportverein der Grazer Polizei (PSV) tritt gegen zwei afrikanische Teams aus Wien an. Polizisten gegen Afrikaner. Erklärtes Ziel des Turniers ist es, Vorurteile abzubauen. Wer steckt hinter der Idee? „Fair und Sensibel“ ist ein polizeilicher Verein, der seit zehn Jahren für die Vernetzung und das Miteinander von Polizisten und Afrikanern Initiative ergreift.
Durch ein Megaphon tönt es: „Wir haben schon gewonnen, weil wir gegeneinander spielen.“ Afrikaner und Polizisten applaudieren einander, lachen, freuen sich auf das bevorstehende Match. Vielleicht ist der Sieg doch nicht so nebensächlich? Was sagen Christian Chima, Kapitän der afrikanischen Teams, und Rudolf Kanapesz, Kapitän des PSV, kurz vor dem Anpfiff?

Warum nehmen Sie an dem Turnier teil?
Christian Chima: Fußball hat unser Image verbessert. Als ich 2003 nach Österreich kam, hatte ich keine Beziehung zu den Österreichern, geschweige denn zur Polizei. Aber wie Sie sehen, spiele ich heute, sieben Jahre später, mit meiner Mannschaft gegen die Polizei. Unsere Beziehung hat sich weiterentwickelt und ich möchte daran arbeiten.
Rudolf Kanapesz: In erster Linie natürlich, um Vorurteile abzubauen, die im Allgemeinen vorherrschen. Wir wollen zeigen, dass Polizisten mit Afrikanern gut auskommen und harmonieren können.

Warum mögen Sie gerade Fußball so gern?
Christian Chima: Obwohl ich Fußball liebe, kommt es meiner Meinung nach nicht auf die Sportart an. Jeder Sport kann Fremden die Tür zu einem Land öffnen.  
Rudolf Kanapesz: Ich mag das Mannschaftsgefüge, die Euphorie, die Fans und die vielen  anderen fröhlichen Leute.

Glauben Sie, dass Fußball helfen kann, Vorurteile gegenüber Afrikanern abzubauen?
Christian Chima: Es ist unser Ziel, Vorurteile abzubauen, aber die Realität sieht anders aus. Das Gesetz hat die Überhand. Afrikaner werden immer noch aus willkürlichen Gründen abgeschoben, auch wenn sie gute Fußballspieler sind. Das wird sich nur ganz langsam, Schritt für Schritt, verändern.
Rudolf Kanapesz: Meiner Meinung nach ist Fußball ein ganz großer Teil davon, dass Vorurteile abgebaut werden, weil in vielen Mannschaften Spieler aus aller Herren Länder zusammenkommen und harmonieren.

Glauben Sie, dass eine andere Sportart hilfreicher wäre?
Christian Chima: Wenn überhaupt, dann kann nur Fußball helfen. (Er lächelt.) Ich spiele zwar unheimlich gern Tischtennis, aber Fußball ist viel beliebter als Tischtennis, also schauen die Leute auch gerne zu und werden aufmerksam.
Rudolf Kanapesz: Jede Mannschaftssportart kann helfen, Vorurteilen vorzubeugen. Sportarten, bei denen man jeden Mitspieler austauschen und trotzdem weiterspielen kann.

Welche Spielstrategie verfolgen Sie auf dem Fußballfeld?
Christian Chima: Gewinnen ist immer die ultimative Strategie jedes Teams. Wie wir genau spielen werden, weiß ich noch nicht. Das zeigt sich dann während des Spiels.
Rudolf Kanapesz: Naja, wenn man Fußball spielt, möchte man natürlich in erster Linie gewinnen. Es geht zwar um das Miteinander, aber ich denke, dass jeder, der gern Fußball spielt, auch gewinnen will.

Wie motivieren Sie Ihre Spieler?
Christian Chima: Ich bereite mich mit ihnen auf die nächs­te Herausforderung vor. Zusammen freuen wir uns dann auf das nächste Spiel, nehmen es als Chance wahr.
Rudolf Kanapesz: Ganz einfach: Es geht gegen starke Gegner, da muss jeder Spieler das Beste geben, um zu gewinnen.

Was fühlen Sie, wenn Sie den Fußball kicken? Macht, Kraft, Freude?
Christian Chima: Nein, nein, nein. Wissen Sie, Fußball spielt man nicht, weil einem der Sinn danach steht. Fußballer wird man nicht, man ist zum Fußballer geboren. Ich erinnere mich daran und bin dankbar für das Geschenk, das Gott mir gegeben hat, wenn ich den Ball kicke.
Rudolf Kanapesz: Da kommt Euphorie durch, besonders wenn man die Chance hat, ein Tor zu schießen. Dann legt man sich natürlich besonders ins Zeug.

Was können Sie von Ihrem Gegner lernen?
Christian Chima: Der Unterschied zwischen den beiden Teams ist klar. Ich werde sehen, wie fair unsere Gegner spielen und wie aggressiv sie sein können. Am Ende des Tages werde ich sicherlich etwas gelernt haben.
Rudolf Kanapesz: Man kann sich von jedem Gegner positive Dinge abschauen. Wir können lernen, wie der Gegner taktisch aufgestellt ist und wie er sein Spielverständnis gegen uns einbringt.

Wie jubeln Sie? Haben Sie einen eigenen Freudenschrei?
Christian Chima: Nein, aber den brauchen wir auch nicht. (Er lacht herzlich.) Freude und Jubel kommen einfach. Das ist von Moment zu Moment verschieden.
Rudolf Kanapesz: (Er lächelt verschmitzt.) So was haben wir nicht. Wir sind ja doch Polizisten und teilweise schon lange im Dienst. Ich denke, da ist gebremste Euphorie angebracht.

Was wollen Sie Ihren Gegnern vor dem Spiel noch sagen?
Christian Chima: Das ist ein Freundschaftsspiel. Spielt fair!
Rudolf Kanapesz: Freundschaft!

Geben Sie einen Tipp ab. Wie werden die Spiele ausgehen?
Christian Chima: Wir werden auf jeden Fall gewinnen. Wie viele Tore wir schießen, ist nicht so wichtig. Sieg ist Sieg. (Er zwinkert lässig.)
Rudolf Kanapesz: Da wir gut aufgestellt sind, werden wir das Turnier wohl mit zwei oder drei Toren Vorsprung gewinnen.

Trainer Chima behält Recht. Die erste Afrika-Auswahl gewinnt das Turnier vor dem PSV und der zweiten Afrika-Auswahl. Das Spiel ist vorbei. Wenn schließlich Schwarz und Weiß schweißtropfend vom Feld gehen, einander die Hand reichen, lächeln und die Leistung des anderen anerkennen, ist das „Wir-Gefühl“ spürbar. Dann macht sich auch ohne Fans, Jubel und Tröten der Fußball-Spirit breit.

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