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Megastau am Taximarkt

Von: Christian Maier

FESTGEFAHREN. Weil es in Graz zu wenig Kundschaft für zu viele TaxlerInnen gibt, brechen die Umsätze ein. Viele FahrerInnen sind bereits froh, wenn sie für zehn Stunden 50 Euro Lohn erhalten.

Wenn Wolfgang S. am Anfang des Monats seinen Lohn bekommt, fragt er sich manchmal, warum er eigentlich arbeiten geht. 830 Euro erhält er dann von seinem Chef. Eine Summe, gerade hoch genug, um die notwendigen Ausgaben des Alltags zu begleichen. Seine Arbeitsleis­tung spiegelt sie nicht wider. Um 830 Euro zu verdienen, muss er laut Kollektivvertrag monatlich 240 Stunden Taxi fahren.
Dabei hat es Wolfgang S. – relativ gesehen – noch gut erwischt. Viele Taxi-fahrerInnen in Graz können nur davon träumen, den gesetzlichen Mindestlohn zu bekommen. Kann oder will ihr Chef oder ihre Chefin diesen nicht zahlen und sind sie auf den Job angewiesen, bleibt ihnen meist nichts anderes übrig, als „auf Prozente zu fah­ren“. Und das ist ein risikoreiches, wenig lukratives Geschäft. Risikoreich, weil der Umsatz stets auch vom Zufall abhängig ist und die Fahrer­Innen im Falle einer Erkrankung plötzlich kein Einkommen mehr beziehen. Wenig lukrativ, weil es selbst für erfahrene TaxlerInnen in Graz zunehmend schwieriger wird, untertags hundert Euro einzufahren. Trotz zehn Stunden Einsatz bleiben ihnen dann maximal 50 Euro.

Der Markt gehört reguliert. Ist es noch weniger, nennen die TaxifahrerInnen diesen Zustand „verhungern“. Und das passiert ihnen in letzter Zeit häufig. Der Markt in Graz ist völlig übersättigt: Rund 650 Taxis sind täglich in der Stadt unterwegs, mindestens 150 Autos zu viel. Für die einzelnen FahrerInnen bleiben da kaum noch Gewinne. Geschäfte machen so aber die Funkzentralen, die die Fahrten an die TaxlerInnen vermitteln. Diese profitieren von den vielen Autos, da sie, egal wie viele Anrufe sie weiterleiten, für ihre Diens­te stets einen fixen monatlichen Betrag erhalten. Sind mehr Autos bei den Funkzentralen gemeldet, steigt also deren Gewinn, während gleichzeitig die einzelnen TaxlerInnen prozentuell weniger Fahrten vermittelt bekommen. Ein System, das auf Dauer nicht funktionieren kann.

Alte Autos und eilige Fahrer. Zumal die Fahrt-Bestellungen im April um bis zu 15 Prozent eingebrochen sind, wie Sylvia Loibner, 878-Chefin und Taxiunternehmer-Obfrau der Wirtschaftskammer, erzählt. An der fixen Funkgebühr will sie dennoch festhalten, allerdings nimmt 878 seit letztem Monat keine neuen TaxlerInnen mehr in die Funkgruppe auf. Auch Loibner bestätigt: „Es gibt zu viele Autos in Graz, der Markt gehört reguliert.“  
Dafür braucht es aber ein neues Bundesgesetz und das ist bislang nicht in Sicht. Notwendig wäre es längst: Weil die UnternehmerInnen nur mehr geringe Umsätze erzielen, sind viele Autos in Graz veraltet und müssten dringend nachgerüstet werden. Im Kampf um die wenigen KundInnen greifen die Grazer TaxlerInnen zudem zu unerlaubten Methoden. Um schneller beim Standplatz zu sein, überfahren sie Sperrlinien und rote Ampeln. Auch die vorgeschriebenen Ruhezeiten halten nicht alle ein: „In Graz gibt es Fahrer, die bis zu 16 Stunden nonstop im Auto sitzen“, sagt Wolfgang S.
Illegale Praktiken. Wie besteht ein Taxler oder eine Taxlerin in Graz? Eine denkbare Strategie für Nacht-FahrerInnen lautet: Möglichst lange an den Wochenenden fahren, denn da steigen noch die meisten KundInnen zu. Die Tag-FahrerInnen, die keine besonders starken Tage haben, müssen sich andere Wege überlegen: zum Beispiel, ihre private Nummer an KundInnen weiterzugeben und sich so kleine Netzwerke aufzubauen.
Meist gleichen diese Bemühungen aber einem Tropfen auf den heißen Stein, weshalb FahrerInnen auch zu ungesetzlichen Methoden greifen: Sie melden sich etwa arbeitslos und fahren zweimal die Woche schwarz oder geben am Sozialamt ein falsches Einkommen an, um Sozialhilfe zu beziehen. Martin Z.*, ein Grazer Taxilenker, der illegale Methoden für sich selbst ablehnt, sagt, dass er bei den aktuellen Umsätzen in Graz keinem Taxler solche Praktiken verübelt.

Mit drei Euro nach Hause. Nachdem er zwei Jahre auf Prozente gefahren ist, weiß Martin Z., wie schwierig es ist, sich in dem Job über Wasser zu halten. So erzählt der Taxifahrer, dass er einmal, an einem schlechten Tag, lediglich 48 Euro eingefahren hat. Da er für das Ausleihen des Wagens aber bereits 45 Euro zahlt, ging er nach zehn Stunden Fahrtzeit nur mit drei Euro nach Hause. „Da hat man dann eine Wut im Bauch, die kann man fast nicht kanalisieren.“
Martin Z. lebt von der Hand in den Mund. Hat er Grippe, legt er sich nicht ins Bett, sondern setzt sich ins Taxi. Um diesen Zustand zu beenden, bat er seinen Chef vor einem Jahr, ihn nach dem Kollektivvertrag anzustellen. Dieser willigte ein, allerdings mit dem Einwand, dass der Familienvater dann auch an den Wochenenden und in der Nacht fahren müsse. Für Martin Z. war das nicht machbar, er fuhr weiter auf Prozente.
Knapp 220 Euro lassen sich damit Woche für Woche verdienen, Geld, von dem der Taxler auch seine Sozialversicherung zahlen muss. Wie lebt man mit so einer Summe? Nicht gut, sagt Martin Z. Wenn am Ende des Monats die Rechnungen anstehen, steige der Stress in der Familie. „Meine Freundin bekommt dann Schweißausbrüche und kann nicht schlafen.“ Bekäme er den Mindestlohn, würden seine Geldsorgen zwar auch nicht verschwinden, allerdings hätte er dann zumindest eine fixe Summe, mit der er planen könnte. „Momentan reißt es mich ja bei jeder neuen Rechnung auseinander.“

Und die Gewerkschaft? Um als Taxi-FahrerIn wirklich von den Einkünften leben zu können, bräuchte es deshalb zumindest einen Lohn von 1000 Euro netto, findet der Taxler Wolfgang S. Da aber die Gewerkschaft kaum Vertrauen genießt und wenige Mitglieder hat, fällt es dieser wiederum schwer, Forderungen durchzusetzen. Ein Teufelskreis, denn theoretisch wissen alle, was zu tun wäre: Der Markt gehört strenger reguliert, damit FahrerInnen, die am Umsatz beteiligt sind, höhere Gewinne machen und angestellte TaxlerInnen höhere Löhne aushandeln können.
Gelingt dies nicht, droht sich die Spirale weiter nach unten zu drehen. Weil Taxi-FahrerInnen für Unter­nehmen leicht ersetzbar sind – es reicht ein halber Tag Einschulung –, könnte es sein, dass irgendwann die erfahrenen FahrerInnen resignieren und das Niveau der TaxlerInnen sinkt. Klar ist: Mit höheren Preisen wird man in Zeiten sinkender Nachfrage der Krise nicht beikommen, zumal Taxifahren schon jetzt nicht billig ist. Wolfgang S.: „Ich zum Beispiel kann mir ein Taxi nicht leisten."
* Name geändert

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