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Kabel, Kinder, Karriere

Von: Joanna Noemi Pusch

LOKALAUGENSCHEIN. Gleiche Rechte und gleiche Chancen haben Frauen und Männer in der Firma Deakon
Degen im Autal. Für Firmengründerin Annelies Degen eine Selbstverständlichkeit.  

Zärtlich nimmt Annelies Degen ein buntes Bündel von soeben fertiggestellten Kabeln in die Hand. „Dass sie so schön sein können, das habe ich mir früher nicht gedacht“, schwärmt die Gründerin der Deakon Degen GmbH, „sehen Sie selbst, wie faszinierend sie sind.“ In Autal bei Graz produziert Degen Kabelleitungen für Kundschaft in der ganzen Welt und beschäftigt 19 MitarbeiterInnen, davon fast zwei Drittel Frauen.
Die Anfänge liegen 24 Jahre zurück: Durch einen glücklichen Zufall bekam Annelies Degen das Angebot, in Heimarbeit Kabel zu binden. Die Kundennachfrage und ihre Begeist­erung für die neue Aufgabe waren so groß, dass sie ein Jahr später ihr eigenes Unternehmen gründete. Ihre einzige Ausstattung war damals eine Handzange, wichtig war auch die Unterstützung ihres Mannes. „Während ich Abendkurse am WIFI besucht habe, hat er auf die Kinder aufgepasst und mir noch nachts um viertel zwölf eine Packerlsuppe gemacht.“
Motivierend. Worte wie „freiwilliger sozialer Aufwand“ nimmt Annelies Degen nicht in den Mund. Sie holt einfach Brötchen, serviert eine selbstgemachte Mehlspeise und schenkt frisch vermählten MitarbeiterInnen Geschenkgutscheine vom Baumarkt, damit sie sich etwas Neues für ihre Wohnung leisten können. Mitarbeiter­innen, die in Mutterschutz gehen, werden mit einer Baby-Party verabschiedet. Lehrabschlüsse werden gefeiert. Zweimal im Jahr gibt es ein festliches Essen für alle. „Damit bedanken wir uns für die Leistungen der Mitarbeiter und es ist eine kleine Motivation in dem harten Alltag“, erklärt die gebürtige Feldbacherin. Weil sie selbst gerne Sport betreibt, lädt sie ihre MitarbeiterInnen zu Pilates oder Aerobic ein, bezahlt Massagen und bietet ihrer Belegschaft Raucherentwöhnungskurse an. Bei anonymen Zufriedenheitsumfragen in ihrem Unternehmen erreicht Degen das bestmögliche Ergebnis: 100 Prozent Zufriedenheit. „Ja, so ist es bei uns. Aber für uns ist es ganz normal“, lacht sie. Und auf die Nachfrage, wie das bitteschön auch woanders gehen soll, weiß sie verlegen nicht so recht eine Antwort.
Die Produktionsräume schmücken blühende Orchideen vor dem Hintergrund der verschneiten Autaler Landschaft. In der Betriebsküche wird der Kaffee aus Gmundner Keramik getrunken und die Mitarbeiterin von der Chefin mit dem Hamburger Sie angesprochen: „Monika, geht es Ihnen noch einigermaßen bei dem ganzen Stress?“, fragt sie. An der Wand hängen Fotos aller MitarbeiterInnen, Postkarten aus dem Urlaub, Hochzeitsfotos und ein Porträt von Degens zwei Kindern. Diese waren im Übrigen der Auslöser für die erfolgreiche Firmengründung von Deakon Degen.
„Nach dem zweiten Kind hat mich meine alte Firma einfach nicht mehr zurückgenommen“, erzählt die Unternehmerin. Bei den Bewerbungsgesprächen kam der nächste Schock: „Die haben mir vorgerechnet, was mich das kosten würde, arbeiten zu gehen, und dass ich andauernd ausfallen würde, wenn ein Kind krank ist“, empört sich die erfolgreiche Geschäftsführerin heute noch. „Die erste Zeit bin ich mir einfach minderwertig vorgekommen“, so Degen weiter. „Da ist man nicht blöd im Kopf, sondern hat nur zwei Kinder und schon ist man eine Null auf dem Arbeitsmarkt.“ Dass die Rückkehr in den Job so schwer sein würde, hat sie nicht vermutet. „Meine Tochter wird gerade 24 und erlebt das Gleiche. Es hat sich nichts geändert in den Köpfen …“

Vorbildlich. Degen bestimmt in ihrem eigenen Unternehmen die Regeln. Gleichberechtigung und Chancengleichheit sind für sie selbstverständlich. Die Meinung, dass Frauen mit Kindern weniger leisten oder öfter ausfallen würden, kommentiert sie erstaunt mit einem „Das stimmt einfach nicht“. Trotz hartnäckiger Nachfrage kann sie „an keinen einzigen Grund denken, warum man nicht Familienleben und Arbeit sinnvoll miteinander verknüpfen könnte“. Auf die Frage, ob Karenz oder Wiedereinstieg in ihrem Team nicht mindestens kleine Abstimmungsprobleme bereiten würden, sagt sie nur: „Nein, ich kann mir kein Problem vorstellen.“ Wenn jemand weggeht, kann die Arbeit einfach auf KollegInnen verteilt werden. Selbst wenn es sich um den Produktionsleiter höchstpersönlich handeln sollte. „Aber der will ja noch kein Kind!“, sagt Degen mit einem neckischen Unterton und lacht. Kinder- und Hochzeitspläne werden bei Degen & Co. offen besprochen. Dass alle nach der Karenz wieder zurückkommen, ist selbstverständlich, Angst vor Zurückweisung braucht niemand zu haben.
Nach ihrer mittlerweile über zwanzigjährigen Betriebs­tätigkeit ist Annelies Degen zu einer internationalen Ikone in Sachen Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Gleichberechtigung und betriebliche Gesundheitsförderung geworden. Auch bei der EU-Kommission in Brüssel durfte sie bereits über ihre Arbeit referieren. Immer wieder erklärt sie in Vorträgen und Podiumsdiskussionen, dass es bei ihr „völlig egal ist, ob man ein Mann oder eine Frau ist“, und dass „Teilzeitarbeit kein Thema ist. Das reden wir uns mit den Mitarbeitern einfach aus. Ich zwinge niemanden zur Vollzeitarbeit!“ Dass sie so gefragt ist, regelmäßig Preise bekommt und von den „Seitenblicken“ bis zur Nominierung als „Leading Lady“ ins Rampenlicht rückt, kann die bescheidene Frau nicht nachvollziehen: „Ich frage mich immer: Warum ich? Ich habe keine Ahnung, das sage ich Ihnen ganz offen und ehrlich.“ Natürlich ist Degen stolz auf die Leistungen ihres Unternehmens: auf die Kabelkonfektion, die mehrere tausend Produkte umfasst, und auf ihr Team. Das, wofür sie immer wieder ausgezeichnet wird, nämlich die Gleichbehandlung von Frauen und Männern, ist für sie ganz selbstverständlich. Viel spannender findet die Unternehmerin ihre Produkte. „Ohne Kabel funktioniert nichts. Ich glaube, das macht die Faszination aus“, sagt sie zum Abschied.

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