STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2010/März 2010/Geschlossene Gesellschaft/
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Geschlossene Gesellschaft

Von: Matthias Alber

PSYCHIATRIE. Wenn eine psychische Krankheit ausbricht, ist nichts mehr wie zuvor. Über das Gefühl, im geschlossenen Bereich der Landesnervenklinik gelandet zu sein, über die Rolle der Patientenanwaltschaft und das Entdecken der eigenen Kreativität erzählt Josef K.

Eigentlich wollte Josef K. so wie sein Vater selbst Krankenpfleger in der Landesklinik Sigmund Freud werden. „Anscheinend haben sie meine Bewerbung falsch verstanden“, sagt er lächelnd, denn ein Jahr später war er zum ersten Mal als Patient dort. Die Diagnose: schizo-affektive Psychose. Eine Krankheit, die einen ein Leben lang begleitet und nur mit den richtigen Medikamenten gebändigt werden kann. „Manchmal habe ich gedacht, es geht auch ohne Tabletten“, erzählt Josef K., „aber dann war ich gleich wieder drinnen.“

Nach dem Klick. Psychische Krankheiten wie Psychosen oder Schizophrenien ruhen lange Zeit in einem Menschen, bis es „klick“ macht. „Dann ist nichts mehr wie zuvor“, so Herr K. Ohne Behandlung werden die einfachsten Abläufe des täglichen Lebens zu einem Ding der Unmöglichkeit: sei es der Einkauf im Supermarkt oder auch nur das Einhalten des Tag-Nacht-Rhythmus.
Meistens fällt die Veränderung zuerst FreundInnen oder Verwandten auf. So auch bei Josef K. Der gelernte KFZ-Mechaniker führte lange ein Leben, mit dem er selbst glücklich war. Es funktionierte gut, bis eines Tages mehrere Schicksalsschläge seine Existenz überschatteten. Zwei Todesfälle im familiären Umfeld, eine Beziehungskrise und Komplikationen im Beruf führten so weit, dass er sich plötzlich im geschlossenen Bereich der Landesnervenklinik Sigmund Freud (LSF) wiederfand.
„Wie in einem Gefängnis“ hat sich Josef K. damals gefühlt. „Und das, ohne etwas verbrochen zu haben.“ Die meisten Betroffenen sehen die Notwendigkeit des Aufenthalts in einer psychiatrischen Einrichtung nicht ein. Das Bewusstwerden der Krankheit fordert viel Zeit und Geduld. „Ich habe überhaupt nicht gewusst, warum ich dort gelandet bin“, sagt Josef K. und er erinnert sich, dass er den geschlossenen Bereich so schnell wie möglich verlassen wollte.  
Geholfen haben ihm damals viele Gespräche, unter anderem mit MitarbeiterInnen der Patientenanwaltschaft. „Die haben’s auch wirklich gut mit mir gemeint und mir geholfen“, meint Josef K. Als Interessenvertretung der PatientInnen sind sie dafür zuständig, dass niemand zu Unrecht in seiner Freiheit eingeschränkt wird.
„Oft sind wir mit Fällen konfrontiert, die offensichtlich nicht zu Recht in einer geschlossenen Abteilung angehalten werden“, erklärt Michael Scherf, Bereichsleiter der Patientenanwaltschaft in der Steiermark. Beispielsweise wenn jemand im Affekt oder im betrunkenen Zustand sagt, er möchte sich sein Leben nehmen. „Nicht selten passiert so etwas, wenn jemandem der Führerschein abgenommen wird“, sagt Scherf. Die Polizei hat dann die Pflicht, weitere Schritte einzuleiten – also die Person als selbstgefährdend zu beschreiben, was in der Regel auf eine Zwangsunterbringung hinausläuft.
Jemanden zur Seite. „Vor den Verhandlungen führen wir ausführliche Gespräche mit den Betroffenen“, so Scherf. Herr K. fühlte sich in den Unterbringungsverhandlungen durch die PatientenanwältInnen immer gut vertreten. „Schön ist es, jemanden an seiner Seite zu haben“, sagt er. Insgesamt drei Mal war Josef K. im LSF untergebracht. Schon nach dem ersten Aufenthalt wurde seine Arbeitsunfähigkeit festgestellt. Seit damals bezieht er eine Pension.
Für den mittlerweile 48-Jährigen hat sich seit seinem letzten LSF-Aufenthalt vieles geändert. Er kann nun wieder selbstständig in seiner eigenen Wohnung leben und hat viel dazugelernt. Tagsüber ist er meist in einer psychiatrischen Tageswerkstätte beschäftigt, an freien Tagen sucht er Ausgleich durch ausgedehnte Fahrradtouren und Spaziergänge. Sehr erstaunt war Herr K., als er merkte, wie talentiert er doch in verschiedenen kreativen Richtungen ist. Das Töpfern, das Zeichnen, das Kochen – Fähigkeiten, die sich bei ihm erst jetzt entwickeln konnten. „Man soll sich ja schon irgendwie beschäftigen, oder?“ Auf die rhetorische Frage des gesprächigen Herrn K. folgt das altbewährte Sprichwort mit der Rast und dem Rost.
Und übrigens: Eigentlich wird der „geschlossene“ Bereich nun „geschützter“ Bereich genannt. Egal, Fakt für Herrn K. ist nur, dass er „nie wieder dorthin will“. Dieses Vorhaben ist realistisch, seit er seine Krankheit im Griff hat. „Kein Geld der Welt kann eine gute Gesundheit aufwiegen“, sagt er mit erhobenem Zeigefinger. Später spricht er noch über Bescheidenheit, legt eine BeeGees-Kassette ein, zieht an seiner Zigarette und schmunzelt zufrieden.

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