STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2010/Mai 2010/Wer Altes sät, wird Gutes ernten/
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Wer Altes sät, wird Gutes ernten

Von: Birgit Schweiger

GRÜNE VIELFALT. Drei Viertel aller Kulturpflanzensorten mussten im letzten Jahrhundert aussterben. Warum sich zu erhalten lohnt, was noch übrig ist – und warum das gar nicht einfach ist.

Stolz schweift der Blick von Christoph Harb über das grüne Blättermeer im kleinen Gewächshaus. Alles Tomaten. Aber Tomate ist hier nicht gleich Tomate: Dreißig verschiedene Sorten Paradeiser werden sich von zarten Pflänzchen im Gemüsebeet zu ordentlichen Stauden entwickeln und schließlich Früchte tragen. Runde dunkelrote. Und längliche. Und hellgestreifte. Große und kleine. Süße, säuerliche, feste, cremige und saftige. Sie werden sich den Privatgarten bei Weiz mit zig verschiedenen Bohnensorten, mit Pastinaken, Herrenkürbissen, unterschiedlichsten Paprikapflanzen, Rüben und vielem Grünzeug mehr teilen. Uralte, samenfeste Salate aus der Region werden da neben Sonnenblumen und südamerikanischen Yacon-Wurzeln wachsen. Die Vielfalt hat es Christoph Harb angetan: zum einen, weil so die große Familie das ganze Jahr über mit Obst und Gemüse versorgt werden kann, zum anderen, weil Vielfalt in Zeiten patentierten Saatguts nicht mehr selbstverständlich ist.

Verlorene Apfelsorten. Über Jahrtausende hinweg hatte der Mensch Kulturpflanzen gezüchtet, gekreuzt, gehegt und gepflegt. Unterschiedlichste Sorten entstanden, jeweils optimal angepasst an die regionalen Gegebenheiten. So gab es Anfang des vorigen Jahrhunderts allein in Österreich zwischen 3000 und 5000 Apfelsorten. Saatgut war bis zu dieser Zeit „frei“, jeder durfte also seine eigene Ernte im nächsten Jahr als Samen verwenden – ein altes bäuerliches Recht. Mit der industrialisierten, rationalisierten Landwirtschaft wurden Qualitätsstandards für Saatgut eingeführt, die homogene, beständige Ernten zum Ziel hatten. Bald gab es auch ein staatliches Auswahlverfahren für die einzelnen Sorten. Saatgut ist seitdem nicht mehr frei, sondern patentierte Handelsware. Saatgut von nicht zugelassenen Sorten darf nur bis zu einem kleinen Prozentsatz verwendet werden. Die Folge dieser strikten Regelungen: Drei Viertel aller Kulturpflanzensorten, also rund 250.000, sind in den letzten hundert Jahren verloren gegangen. Unwiederbringlich. Die tausenden österreichischen Apfelsorten etwa sind auf ein Zehntel geschrumpft – maximal 500 gibt es momentan.

Stetiger Lernprozess. „Vor fünfzig, sechzig Jahren hat noch jeder Graben seine eigene Gemüsesorte gehabt“, bestätigt Christoph Harb. Ihre Puffbohnen und Tobinambur hat schon die Mutter des heute 50-Jährigen auf dem Grazer Markt angeboten – und ist dafür extra aus Eggersdorf mit dem Leiterwagen angereist. Die alten Sorten aus dem elterlichen Garten wachsen jetzt im „Lebensgartl“. Vor vier Jahren, als Christoph und Manuela Harb das Grundstück zu bewirtschaften begannen, wurden sie noch für ihre Methoden belächelt. Alte Sorten wild durcheinander im kreisrunden Beet, in der Mitte ein hölzerner Pavillon, rundherum Enten und ein paar Turopolje-Schweine, die im Frühjahr das Beet umgraben dürfen und sich dann den Schnecken zuwenden. Keine Kunstdünger, keine Pes­tizide, „kein rotierendes Gerät“. Dafür ein Gewächshaus nach Indianer­art und ungewöhnliche, ebenfalls alte Anbaumethoden: Die Erdäpfel etwa werden nicht eingegraben, sondern unter Heu gelegt. Belächelt wird die Familie nicht mehr, seit im Sommer die Vielfalt blüht und rankt – inzwischen bekommen Interessierte Führungen durch das Lebensgartl. „Es entwickelt sich aber immer weiter. Es ist ein stetiger Lernprozess, mit natürlichen Methoden und eigenem Saatgut zu arbeiten“, sagt Christoph Harb. Ein Kurs beim Pflanzenerhalter-Verein Arche Noah hat ihm nötiges Wissen gebracht, dieses Jahr musste er nur noch „ein kleines bisserl“ Saatgut zukaufen.

Unfruchtbares Saatgut. „Angefangen hat es für mich damit, dass ich Mais für unsere Hühner anbauen wollte, den wir dann selber wieder aussäen können“, sagt Kathi Soos, die seit zweieinhalb Jahren in der Hofgemeinschaft Wieserhoisl bei Deutschlandsberg lebt. Das war aber nicht einfach, denn seit Saatgut kein freies Gut mehr ist, setzen die großen Saatgutfirmen auf Hybridsamen. Das bedeutet, das Saatgut entsteht im Labor, und die daraus wachsenden Pflanzen sind sehr ertragreich und einheitlich – der Nachteil: Weiterzüchten damit ist kaum möglich. Deshalb gibt es weltweit mehr und mehr Bauern und Bäuerinnen, die kein eigenes Saatgut mehr haben bzw. produzieren können, weil sie in einem Vertrag mit einer Saatgutfirma stecken. Sie sind nach kurzer Zeit also gezwungen, Jahr für Jahr ihr Saatgut zuzukaufen. Kathi Soos hatte Glück: „Ein Bauer aus Wildon hat mir einen Sack alten Mais geschenkt. Und dieses Jahr bauen wir ihn zum ersten Mal an.“ Soos und ihre Hofkollegin Tina Ehgartner haben sich für die Arche Noah verpflichtet, drei Pflanzensorten zu erhalten, also regelmäßig anzubauen, Saatgut daraus zu gewinnen und weiterzugeben. Ein alter Salat aus den fünfziger Jahren ist dabei, „den haben wir von den Nachbarn“. Das Ziel von Soos und Ehgartner: Sie wollen sich und ihre HofkollegInnen selbst mit eigenem Gemüse und Kräutern versorgen; teilweise gelingt das schon, nur für den Winter müssen noch Rüben und Wurzeln gedeihen. Bohnen, von denen es hunderte ganz unterschiedliche Sorten gibt, Gemüsemalve, Borretsch und Fenchel zählen zu den Lieblingspflanzen der beiden jungen Frauen. „Anfangs ist es uns zufällig passiert, dass wir eine Pflanze übersehen haben, und plötzlich blüht sie und sät sich aus. Uns taugt das. Man muss die kleinen Pflänzchen teilweise nur noch umsetzen“, erzählen sie.

Vielfalt am Balkon. Patentierten Samen kann auch Christoph Harb nichts abgewinnen: „Jeder Mensch hat das Grundrecht auf Nahrung – dazu gehört eigentlich, eigenes Saatgut verwenden zu dürfen.“ Einheitliche Hybride sind außerdem zwar ertragreich, aber in der Regel nur unter massivem Einsatz von Dünger und Spritzmitteln. „Es sind verhätschelte Pflanzen, die sich nicht über Generationen an einen Standort anpassen können. Alte oder regionale Sorten sind oft stärker und angepasst an Boden und Schädlinge.“ Er gerät ins Schwärmen, während er vom Lagerkeller zur riesigen Saatgutsammlung führt, erzählt vom hundert Jahre alten, hier heimischen Knollenziest und von der Scheibengurke, die viele kleine Früchte trägt. Sowohl Christoph als auch Manuela Harb sind berufstätig, das Gärtnern ist für sie aber mehr als ein Hobby. „Das uralte Wissen, wie Pflanzen auf natürlichem Wege angebaut und vermehrt werden, verschwindet langsam“, fürchten sie.
Das Interesse an der Vielfalt wird aber wieder stärker, wie viele ErhalterInnen alter Sorten aus ihrer Erfahrung berichten. Vor allem junge Leute haben den pflanzlichen Einheitsbrei aus dem Supermarkt satt und schauen sich nach geschmacklichen und optischen Alternativen um. Und eine gute Nachricht für humane Stadtpflanzen: Die grüne Vielfalt wächst und gedeiht auch auf Terrassen und Balkonen in Töpfen oder Kübeln. Bio-Gärtner Harb ist überzeugt: „Letztlich kann man den nächsten Wirtschafts- oder Ressourcenkrisen trotzen, sich einen Garten machen und was tun.“

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