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„Es gibt keine psychisch Kranken“

Von: Eva Reithofer-Haidacher

WEGLAUFHAUS. Frauen, die es in der Psychiatrie nicht aushalten, finden seit Ende April Unterschlupf im VinziLife in Unterpremstätten. Gründer ist Pfarrer Wolfgang Pucher. Er macht seinem Ruf als Querdenker im MEGAPHON-Gespräch alle Ehre.

Sie haben Ende April mit dem VinziLife das erste österreichische Weglaufhaus für Frauen eröffnet. Was kann man sich darunter vorstellen?
Das ist nach dem Berliner Vorbild ein Haus für Psychiatrie-Flüchtlinge. Das heißt nicht unbedingt, dass sie dort weggelaufen sind, sondern dass sie der Psychiatrie in weitem Bogen aus dem Weg gehen. Und wenn sie zwangsweise eingeliefert werden, was immer wieder vorkommt, dann setzen sie alles daran, wieder wegzukommen. Denn dort werden sie behandelt und nicht gefragt: „Was has­t du? Was brauchst du? Was willst du?“ Diese Menschen fühlen sich nicht krank, sie sind es auch gar nicht, sie haben nur eine andere Sicht der Wirklichkeit.

Eine These, der nicht nur die Fachkräfte in der Psychiatrie heftig widersprechen würden.

Ich bin weder Therapeut noch bin ich Arzt, ich kann nur sagen, dass die Theorie hinter dem Berliner Weglaufhaus so lautet: Psychische Erkrankungen gibt es nicht. Sie verweigern auch jede Diagnose. Die Benennung eines Zustandes mit „Schizophrenie“ zum Beispiel ist eine Beschreibung und nicht die Bezeichnung einer Krankheit. Es sagt, dass sich jemand in zwei Welten aufhält und die Welten wechselt. Das habe ich bei meiner Schwester immer erlebt. Sie war von ihrem 26. Lebensjahr bis zu ihrem 68. Schwerstbetroffene. Ich habe sie wiederholt in verschiedensten Psychiatrien Österreichs aufgesucht und habe ihr Leiden, ihre furchtbaren Ängste, dort bleiben zu müssen, miterlebt.  Diese Menschen finden es überhaupt nicht notwendig, im Krankenhaus zu bleiben, weil sie das, was sie erleben und wie sie leben, nicht als krankhaft empfinden. Sie merken aber, dass sie in der Gesellschaft nicht normal behandelt werden – weil sie eben anders sind.

Wie werden die Frauen im Weglaufhaus behandelt?
Wir betreuen keine Fälle und keine Klienten, sondern Menschen. Und die betreuen wir auch nicht, sondern wir teilen mit ihnen ein Stück ihres Lebensschicksals, und zwar so intensiv wie möglich. Es geht nur darum: Gibt es einen Ort, an dem ein Mensch mit einer bestimmten Lebensweise so leben kann, dass er sich selber wohlfühlt und dass auch andere mit ihm zusammenleben können?
Wir nehmen zunächst nicht mehr als fünf Personen auf, weil wir Angst haben, dass wir es nicht schaffen. Wir haben bereits das Team beisammen, es sind aber noch zu wenige, wir müssen noch mehr finden. Vorläufig sind es 20 Personen, die bereit sind, durchgehend zu zweit Dienst zu machen. Alle ehrenamtlich, nur die Hausleitung wird bezahlt – jemand muss ja das Ganze verantworten und organisieren.

Wer sind die Ehrenamtlichen?

Es sind keine Fachleute, die werden prinzipiell nicht als Mitarbeiter genommen. Das gilt für fast alle unsere Vinzi-Einrichtungen. Und zwar nicht, weil sie es nicht können, sondern weil es auch noch eine Ergänzung gibt. Das ist ungefähr so, wie wenn in einer Familie ein Kind aus der Reihe tanzt und extrem schwierig ist. Dann hat man natürlich die Möglichkeit, Fachleute beizuziehen. Aber in den allermeisten Fällen geht die Mutter mit diesem Mitglied der Familie am besten um.

Warum sind Sie Fachkräften gegenüber so skeptisch?
In der Welt gibt es für alles fachliche Kompetenz und die ist absolut notwendig. Aber es gibt überall Grenzbereiche, die von den Fachleuten nicht berührt werden, weil sie es nicht können oder nicht wollen. Wenn jemand anderer merkt, dass er auf seine Weise etwas weiterbringt, dann wäre es ein Wahnsinn, dieses alternative Denken und Handeln abzuwürgen.

Was müssen Ihre MitarbeiterInnen mitbringen?
Vorausgesetzt ist bei allen Betreuern ihr Wissen um ihre Stärken und Schwächen. Und zweitens müssen sie vollkommen ehrlich sein, sie müssen dem anderen von Aug zu Aug begegnen. Das ist sehr wenig. Das Wenige ist aber ungeheuer viel, nämlich der ganze Mensch.

Was ist das Ziel von VinziLife?
Ich verfolge nicht die Absicht, dass ich den einen vom Alkohol wegbringe, den anderen dazu bringe, dass er sich mehr pflegt, den dritten, dass er nicht den ganzen Tag fernsehschaut oder herumliegt oder so viel raucht. Wir haben keine Ziele, wir leben zusammen wie in einer größeren Familie und wir versuchen, das Leben miteinander zu teilen.

Das heißt, es gibt keine Form der Therapie dort?
Ich habe im Weglaufhaus in Berlin zu meinem größten Erstaunen festgestellt, dass die seit zehn Jahren mit Erfolg den Bewohnern nichts anbieten. Es gibt keine irgendwie gearteten Therapiegeschichten. Sie tun gar nichts, überhaupt nichts. Sie leben mit ihnen zusammen, und die Aufgabe des Mitarbeiters ist es, mit denen, die da sind, ein Stück des Lebens zu gehen. Das Einzige, was sie als „Therapie“ haben, ist kochen, putzen, reparieren. Das ist alles und das alles gemeinschaftlich.

Welche Frauen leben im VinziLife?
Die Frauen, die wir in unser VinziLife aufnehmen, sind teilweise schon in unserer Einrichtung Haus Rosalie gewesen. Eine ist, ich will jetzt einmal einen Namen für sie erfinden, Silvia. Sie ist hochintelligent, hat die Matura, hat immer wieder recht renommierte Arbeitsplätze gefunden und jeden Arbeitsplatz rasch wieder verloren. Sie hat bereits vier Psychiater zur Verzweiflung gebracht. Es versteht sie niemand, es akzeptiert sie niemand auf Dauer. Was macht man mit so jemandem? Die Eltern können mit ihr nicht umgehen, die Psychiater können mit ihr nicht umgehen, die Psychiatrie behält sie nicht und ein normales Leben kann sie nicht leben. Was macht man mit so einem Menschen? Dafür gibt es das Weglaufhaus.

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