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Herrschende Sprachen vom Sockel reißen

Von: Annelies Pichler

DIVERSITY. Für eine Renaissance der Vielsprachigkeit weltweit tritt der südafrikanische Bildungsexperte Neville Alexander ein.

Wie sehen Sie die Rolle der Sprachen in unserer Gesellschaft?
Neville Alexander: Die Existenz so vieler Sprachen – weltweit sind es mehr als 6000 – ist einerseits das Schicksal der Menschheit, andererseits aber auch ihre Rettung. Wenn nur eine Sprache vorherrscht, dann ist das eine künstliche Lösung, ohne jede Nachhaltigkeit. Wenn man die Entwicklung lange genug beobachtet, erkennt man, dass es immer wieder korrigierende Impulse gibt, die herrschende Sprachen von ihrem Sockel reißen. Auch das Englische wird sich als „Sprach-Monopol“ nicht halten können. Die Bedeutung der Vielfalt zeigt sich ja in allen Bereichen. Die ökologische Bewegung hat in den letzten Jahrzehnten ein Bewusstsein dafür geschaffen, wie wichtig Diversität für eine lebenswerte Welt ist. Die­se Erkenntnis lässt sich auch auf die Welt der Sprachen umlegen.

Wodurch ist die Vielfalt der Sprachen zu ihrem ganz besonderen Thema geworden?
Alexander: Das hat mit Südafrika zu tun. Schon während meiner Jahre an der Universität, 1953/54, ist mir aufgefallen, wie benachteiligt man war, wenn man sich nicht auf die englische Sprache stützen konnte. Als jemand mit der Muttersprache Afrikaans, der sich aber auch auf Englisch gut ausdrücken konnte, ist mir damals klar geworden, dass all jene, deren Muttersprache zu den Bantu-Sprachen gehört, an der Universität allein durch ihre Sprache sehr unter Druck gerieten.

Hat sich dieser Eindruck auch anderswo bestätigt?
Alexander: Wegen meines Widerstands gegen das südafrikanische Regime war ich lange Jahre im Gefängnis. Dort war die Sprache der Gefängniswärter Afrikaans und jene, die Afrikaans nicht beherrschten, bekamen große Schwierigkeiten. Allein schon, weil sie Befehle nicht verstehen konnten. Wieder einige Jahre später habe ich in Organisationen  gearbeitet, wo LehrerInnen versucht haben, ihre Qualifikationen zu verbessern. Sie wollten ihre Englisch-Kenntnisse vertiefen, obwohl sie in keiner englischsprachigen Umgebung lebten, sie also nie das Sprachniveau erreichen würden, das sie sich wünschten. Diese Erfahrungen haben mir gezeigt, wie wichtig die Sprachplanung als Disziplin ist. Ich begann zu forschen: in Südafrika, in den USA, in Europa und heute natürlich in der Afrikanischen Union.

Viel von dem, was Sie dabei gelernt haben, haben Sie in Südafrika über Ihre Bildungseinrichtung PRAESA anwenden können.
Alexander: Ja, wir haben sehr viel Einfluss auf die Sprachplanung in Südafrika gehabt und haben es noch. Was die Regierungspolitik angeht: Wir treten als Berater und als Kritiker auf. Aber vor allem haben wir viel Einfluss auf die Schulsprachenpolitik gehabt. In der Praxis jedoch ist es sehr schwierig, weil die Ressourcen fehlen. Es gibt nicht genug Lehrer.

Wie schaut Ihr Bildungsmodell aus?
Alexander: Wir haben elf offizielle Sprachen in Südafrika. Unser Ziel ist, dass möglichst flächendeckend muttersprachlich basierter Unterricht die Norm wird. Mindestens sechs Jahre lang soll die Primärsprache auch als Unterrichtssprache eingesetzt werden. Erst allmählich soll dann Englisch eingeführt werden.

Es soll also immer in der Muttersprache unterrichtet werden?
Alexander: Nicht nur, aber auf der Basis der Muttersprache. Wir können nicht und dürfen nicht nur muttersprachlichen Unterricht fördern. Das geht in Südafrika schon deswegen nicht, weil die Muttersprache in der Bantu-Kultur dafür verwendet worden ist, den Kindern rassistisches Material einzutrichtern.

Lassen sich Ihre Erfahrungen auf den Rest der Welt umlegen?
Alexander: Im Lauf der Zeit ist mir klar geworden, dass Afrika auch für andere Kontinente typisch ist: für Europa, für Asien und auch für Lateinamerika. Obwohl in Lateinamerika heute Spanisch und zum Teil auch Portugiesisch dominieren und andere Sprachen marginalisiert wurden. Aber selbst dort macht sich schon eine Renaissance dieser Sprachen bemerkbar.

Österreich ist ein Zuwanderungsland, in dem immer mehr Sprachen gesprochen werden. Was würden Sie so einem Staat raten?
Alexander: Bilinguale Erziehung, und zwar überall dort, wo es möglich ist. Das ist die Antwort auf diese Frage. Denn der Gedanke, dass in einem Staat nur eine Sprache und nur ein Volk vereint werden soll, ist längst überholt, und es ist zweifelhaft, dass er je wirklich funktioniert hat. Wie man die Mehrsprachigkeit in der Praxis fördern kann, ist eine Frage der Geschichte, der bestimmten kulturellen Situation, der Einstellungen zu Sprachenfragen usw. Diese Parameter sind in jedem Land anders. Es gibt keine Blaupausen. Aber im Prinzip würde ich sagen, dass die bilinguale Erziehung, irgendeine Variante davon, den Versuch immer wert ist. Jedenfalls in den Fällen, wo die Zahlen das rechtfertigen. Wenn man bedenkt, dass Österreich in der Geschichte Europas einmal tonangebend gewesen ist! Auf diese Tradition soll man sich wieder besinnen, wenn es heute um die türkische oder um andere Sprachen geht.

Warum messen Sie der Muttersprache eine so große Bedeutung bei?
Alexander: Besonders am Arbeitsplatz zeigt sich, wie sehr es von Vorteil ist, in der Muttersprache angesprochen zu werden. Dadurch können nachweislich Unfälle vermieden werden. Man reagiert direkter und schneller, wenn man in seiner eigenen Sprache angesprochen wird. Vor allem aber sind die Leute wesentlich zufriedener bei der Arbeit: Sie fühlen sich auch allgemein wohler. Auch das ist ein sehr wichtiger Aspekt.  

Was sind die größten Hindernisse, wenn es darum geht, dass in einem Staat mehrere Sprachen anerkannt werden?
Alexander: Im Grunde geht es um die Einstellung der Menschen selber. In Afrika sind sehr viele Menschen wegen der kolonialen Eroberung dazu gebracht worden, zu glauben, ihre Sprachen könnten nie Sprachen der Macht werden. Die Dominanz des Englischen in unserem Land ist eines der größten Probleme, die wir anzusprechen haben.

Ist es nicht einfacher, sich zu entwickeln, wenn alle die gleiche Sprache sprechen?
Alexander: Es ist falsch, wenn man behauptet, dass nur sogenannte monolinguale Staaten sich entwickeln. Das stimmt nicht. Das sieht man an der Schweiz, an der ehemaligen Sowjetunion, Jugoslawien usw. Sogar China. Es gibt viele Länder, wo die Vielfalt der Sprachen überhaupt kein Problem ist.

Wie kommt es, dass Sie so ausgezeichnet Deutsch sprechen?
Alexander: Ich bin Germanist, habe meine Studien ab 1963 nicht weitergeführt, weil ich ins Gefängnis kam und dort keine germanistischen Studien erlaubt waren. Aber ich lese viel auf Deutsch, komme oft nach Deutschland und auch nach Österreich und daher ist mein Deutsch immer noch relativ gut.

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