STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2010/November 2010/Vor Angst gestorben/
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Vor Angst gestorben

Von: Birgit Schweiger

GEDENKEN. Das Projekt „Agony of the beloved“ erinnert an sechs junge AfrikanerInnen, die in Österreich unter teils widrigen Umständen verstorben sind – und an den Schmerz der Hinterbliebenen.

Er sei ein fröhlicher Mensch, sagt Osaro Osaghae von sich selbst. Einer, der andere zum Lachen bringen will, der seinen Optimismus nie verliert. Er lächelt auch, als er erzählt, dass er im letzten Monat vier Mal von der Polizei mit auf den Posten genommen wurde; einmal während seiner Arbeit als Zeitungsausträger. Als er vom Tod seines Freundes Lucky Omoregbe erzählt, ist sein Blick auf den Boden gerichtet und die Stimme leise. „Lucky ist wie ein Bruder, er ist ein guter Mensch, ermutigt andere und versucht, ihnen zu helfen.“ Voriges Jahr ist der gebürtige Nigerianer mit 38 Jahren gestorben, in der Erinnerung und der Sprache des Freundes ist er aber gegenwärtig. Vier Jahre lang haben die beiden Männer in Österreich zusammengewohnt, am selben Tag waren sie ins Flüchtlingsheim gekommen. „Wir haben zusammen gegessen, gearbeitet, unsere Gedanken und Gefühle miteinander geteilt.“ Dann bekam Lucky Omoregbe einen negativen Asylbescheid. Und das jahrelange bange Warten und Hoffen verwandelte sich in nackte Angst. „Lucky hatte es schon so oft erlebt, dass jemand ausgewiesen wurde. Er war bald nur noch auf der Flucht. Er hat nicht mehr gut geschlafen, und wir konnten nicht mehr in Ruhe essen, weil er ständig Angst hatte, dass die Polizei plötzlich hereinkommt.“ Einmal wollte Osaro Osaghae für seinen Freund die Rettung rufen, aber der verweigerte. Seine Daten könnten doch an die Polizei weitergegeben werden. Wenig später war Lucky Omoregbe tot. „Die Angst hat ihn umgebracht“, ist Osaghae überzeugt.

Unterstützung. Auch der nigerianische Bildhauer Samson Ogiamien war eng mit Lucky Omoregbe befreundet. Dessen unerwarteten Tod nahm er zum Anlass, auf die afrikanische Tradition aufmerksam zu machen, Verstorbenen intensiv zu gedenken, sie lebendig in Erinnerung zu behalten und den Hinterbliebenen zu helfen. Im Rahmen seines Projekts „Agony of the beloved“ gestaltete er Büsten von sechs in Österreich gestorbenen AfrikanerInnen, der Grazer Regisseur Fritz Aigner drehte einen Film, in dem Freunde und Angehörige zu Wort kommen. Denn nicht nur die Schicksale der Verstorbenen sind tragisch, auch die Situation der Hinterbliebenen ist von Schmerz, Sorgen und Unverständnis geprägt. Dazu tragen die schwierigen Bedingungen für AsylwerberInnen in Österreich bei – und Kulturunterschiede: „In unserer Heimat kümmert sich die ganze Gemeinschaft um die Angehörigen Verstorbener, vor allem um die Kinder. Sie werden versorgt und von vielen Seiten getröstet“, sagt Samson Ogiamien.
Joy Nosa und ihr achtjähriger Sohn Osaheni wissen nicht, was ihre Zukunft bringt, nicht einmal, ob sie in Österreich bleiben dürfen. Osahenis Vater Kennedy Imafidon wurde von den heimischen Behörden nie als Vater anerkannt, nach seinem Tod hängt die Familie in der Luft. „Jedes Mal, wenn ich an Kennedys Tod denke, schmerzt es so sehr. Deshalb will ich nicht darüber sprechen“, sagt die alleinerziehende Mutter im Film. Samson Ogiamien hat dem Familienvater eine Büste gewidmet, auch um die Gesellschaft auf den Sohn aufmerksam zu machen, der dringend Unterstützung braucht. Nach kurzer Krankheit war Kennedy Imafidon 47-jährig gestorben, auch über ihn heißt es, die Sorgen und die Angst hätten ihn das Leben gekostet.

Alleingelassen. „Flüchtlinge sind von vornherein mehrfach traumatisiert“, erklärt Livinus Nwoha, Leiter des interkulturellen Vereins IKEMBA und seit 17 Jahren in der psychosozialen Arbeit mit ÖsterreicherInnen und Migrant­Innen tätig. Der Grund für die Flucht sei die erste traumatische Erfahrung, die zweite die Zeit auf der Flucht. Darauf folgen Erfahrungen von Diskriminierung, Ausgrenzung und Ohnmacht im Aufnahmeland. Psychische Probleme, die auch zu körperlichen Beschwerden und Krankheiten führen können, seien daher sehr verbreitet. Es gebe aber ein viel zu kleines Angebot an Beratungen und Therapien in der Muttersprache und von interkulturell geschultem Personal, beklagt Nwoha. Bei einem Todesfall kümmere sich niemand um die Trauerarbeit, und auch die wichtige afrikanische Tradition des Gedenkens könne nicht ausreichend gepflegt werden. „Nicht nur die Migrantinnen und Migranten selbst leiden unter den Auswirkungen von psychischen Problemen. Auch das Zusammenleben in der Gesellschaft wird negativ beeinflusst.“ Ein Projekt von IKEMBA, das sich um die psychische Gesundheit von MigrantInnen kümmert, sei in diesem Jahr aber auf ein Zehntel gekürzt worden.
Alleingelassen fühlt sich auch Michael E. Osawe. Vor vier Jahren hatte er seine Frau Sophia zum gemeinsamen Arbeitsplatz in einer Lederfabrik gebracht, abholen konnte er sie nie mehr: Sie starb bei einer Explosion. An die Wand in der Galerie nextAndrä gelehnt, in der die Büsten zu „Agony of the beloved“ momentan ausgestellt sind, kann er den Blick kaum von seiner in Beton gegossenen Frau abwenden und sagt: „Ich denke jeden Tag an sie, ich kann es nicht verkraften.“ Das Paar hatte ein Haus gekauft und die Kinderzimmer schon in Blau und Rosa eingerichtet, jetzt arbeitet Michael Osawe nachts in Graz als Taxifahrer und kann sich sein Zuhause in Flöcking bei Gleisdorf nicht mehr leisten. Von der Firma, in der seine Frau gestorben ist, hat er nichts bekommen, „nicht einmal einen Brief“.

INFO
„Wasted lives“ Ausstellung mit Büsten und der Film „Agony of the beloved“ bis 17. November, Di – Sa, 14 – 18.30 Uhr, Galerie nextAndrä, Kernstockgasse 20, 8010 Graz, www.akademie-graz.at „Tod in der Fremde“ Filmvorführung „Agony of the beloved“ und Publikumsdiskussion mit Regisseur Fritz Aigner und Michael Osawe, 26. November, 18 Uhr, Auschlössl, Friedrichgasse 36, 8010 Graz, www.megaphon.at Verein IKEMBA www.ikemba.at

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