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Hört auf, uns zu vergiften!

Von: Birgit Schweiger

ÖLIGE GESCHÄFTE. Sie zerstört die Umwelt, die Wirtschaft und zwingt immer mehr Menschen, das Land zu verlassen. Über die fatalen Auswirkungen der Erdölförderung in seinem Land spricht der nigerianische Umwelt- und Menschenrechtsaktivist Nnimmo Bassey.

Welche negativen Auswirkungen hat das Ölgeschäft auf die Menschen in Nigeria?
Die Ölförderung beeinflusst alles. Das Wasser wird vergiftet. Es gibt fast jeden Tag Ölkatastrophen, Explosionen. Fischer können nicht mehr fischen, Bauern nichts anbauen. Es gibt vermehrt Krebs, Atemprobleme, Asthma etc. Dann bieten die Ölfirmen an, Kliniken zu bauen. Die Menschen sagen aber: „Wie könnt ihr Kliniken bauen und uns gleichzeitig vergiften? Hört auf, uns zu vergiften!“
Allein nach offiziellen Meldungen gibt es 300 Ölkatastrophen pro Jahr! Die Ölfirmen behaupten, sie würden den Schaden beheben, wenn Unfälle passieren. Aber wenn das so wäre, hätte man nicht 2400 Orte, an denen das noch immer nicht geschehen ist. Noch immer sind Ölkatastrophen von vor Jahren nicht aufgeräumt.
Sie sagen: Öl hat die nigerianische Wirtschaft zerstört.
Bis zu den späten 1960ern kam weniger als ein Prozent des nigerianischen Einkommens aus Öl, primär gab es Landwirtschaft. Damals waren die verschiedenen Regionen des Landes sehr produktiv, jeder konnte etwas beitragen, jeder hatte ein Einkommen. Es war auch absolut notwendig, Infrastruktur zu schaffen und zu erhalten, um produktiv zu sein und die Produkte zu verwerten. Aber seit den Siebzigern – damals wurde Öl zum Haupteinkommen – werden produktive Tätigkeiten komplett vernachlässigt: Landwirtschaft, Handwerk, alles, was Wert hat, alles, was wirklich gebraucht wird im Land: Es wird vernachlässigt. Durch das Ölgeschäft wurde es sozusagen unnötig für die Regionen, produktiv zu sein. Nun versucht die nigerianische Wirtschaft gerade, sich zu erholen. Es wird viel Geld aus dem Ölgeschäft lukriert, aber gleichzeitig gibt es einen starken Anstieg von Armut. Geld eliminiert nicht Armut. Es verstärkt die Konflikte.

Sie fordern: „Leave the oil in the soil“, also „Lasst das Öl in der Erde“. Was bedeutet das für Nigeria?
Nigeria produziert zwei Millionen Fässer Rohöl pro Tag. Bis 2015 sollen es fünf Millionen werden. Diese Prognose kann man aber nur machen, wenn man genau weiß, wie viel Öl es noch gibt. Aber die Ölfirmen lügen bei ihren Angaben dazu – um ihre Aktien wertvoll zu halten.
Unser Vorschlag von „Friends of the Earth“ ist: Wir akzeptieren die fünf Millionen – aber wir sagen ausdrücklich: Man braucht nicht nach neuen Quellen zu bohren, um das zu erreichen!
Ebenso viel, wie offiziell gefördert wird, wird pro Tag zusätzlich gestohlen. Also: Wir müssen den Öldiebstahl stoppen! Wenn das gelingt, können zwei Millionen Fässer pro Tag sozusagen gewonnen werden.
Und die Nigerianer sollen durchaus zahlen dafür, dass nicht mehr neu gebohrt wird. Wir haben Rechnungen angestellt: Wenn jeder 256 Dollar pro Jahr zahlt, dann kann das Öl in der Erde bleiben, der beste Schutz vor Ölkatastrophen; etwa 60 Prozent der Nigerianer könnten das zahlen. Das würde die Welt auch vor dem Klimawandel schützen. Dieser Vorschlag ist überhaupt nicht radikal. Er bringt einen großen Vorteil für die Wirtschaft. Und es gäbe eine Verbindung zwischen den nationalen Ressourcen und dem Geld der BürgerInnen, die – ich hasse es, das zu sagen – derzeit selten Steuern zahlen.

Stößt diese Idee auf Akzeptanz?
Die Idee ist inzwischen vielerorts akzeptiert und auch akzeptierbar. In Norwegen gibt es sehr viel Kabeljau, dann hat man Öl gefunden – Bohrungen würden die Fischer vertreiben, die Norweger ziehen es vor, ihren Fisch zu behalten. Auch in Italien wurde Öl gefunden, wird aber nicht abgebaut, weil sich die Bevölkerung gewehrt hat. Und in Ecuador gibt es eine ähnliche Situation. Der Gedanke, auf neue Bohrungen zu verzichten, wird globalisiert werden. Er wird über den Kontinent gehen und überall hin.

Wann wurde Ihnen der Zusammenhang zwischen Umwelt- und Menschenrechten bewusst?
Als ich Anfang der 1990er in Nigeria studiert habe, haben die Militärregierung und die Ölfirmen eng zusammengearbeitet; das Militär hat die Firmen geschützt. Nicht nur einzelne Menschen, sondern die gesamte Gesellschaft wurde brutal ruhiggestellt, um die Leute davon abzuhalten, gegen Aktionen der Ölfirmen zu protestieren. Viele Dinge kamen zusammen, um mich klar sehen zu lassen, dass Aktionen, die die Umwelt zerstören, auch Menschenrechte verletzen.

Immer mehr Menschen müssen wegen des Klimas auswandern.
Ja, in Nigeria rückt wegen der Erderwärmung vom Norden die Wüste immer weiter ins Land und macht Landwirtschaft unmöglich, die Lebensgrundlagen der Menschen werden vernichtet. So etwa ist einer der ehemals größten Seen Nigerias inzwischen fast ausgetrocknet. An der Atlantikküste gibt es einerseits immer mehr Überschwemmungen, und andererseits wird dort eben nach Öl gebohrt – die enormen Verschmutzungen und „gas flares“ (Unmengen an Erdgas werden als Nebenprodukt der Erdölgewinnung einfach abgefackelt, Anm.) zwingen die Leute auch dort zu flüchten. Der Druck in der Mitte des Landes wird also immer größer: Immer wieder hört man von religiösen Konflikten in diesem Gebiet, diese Konflikte haben ihre Ursachen aber im Klimawandel und im Erdölgeschäft!

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