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Gewagtes  im Schloss

Von: Maria Motter

AUSTAUSCH. Ein Japaner, eine Deutsche und ein palästinens­ischer Jordanier machen seit Ende Juli Kunst im Schloss Hainfeld. Zum Vorschein kommen dabei interessante Gedanken. Text: Maria Motter, Foto: Christopher Mavric

Ich wohne bei einer reizenden Dame. Sie backt viel und ich bekomme jedes Mal einen großen Teller voll herrlicher Mehlspeisen. Es ist perfekt“, schwärmt Raed Ibrahim. „Spricht sie Englisch?“, erkundigt sich Lisa Vanovitch erstaunt. „Wir kommunizieren über den Geschmack“, sagt Ibrahim, und Tetsushi Higashino, der neben ihm sitzt, lächelt still. Die drei sind KünstlerInnen und neu im steirischen Hainfeld. Für zwei Monate haben sie ihr Leben und ihre Arbeit hierher verlegt. Denn diesen Sommer findet erstmals das Artist-in-Residence-Programm „naher osten – naher westen“ im Schloss Hainfeld statt.
Ganz im Sinne des einstigen Bewohners, des Orientalisten Joseph Freiherr von Hammer-Purgstall, soll der Brückenschlag zwischen Nah und Fern versucht werden. Wie AustauschschülerInnen wurden die drei KünstlerInnen von Gastfamilien aufgenommen, auch gegenseitig hat man sich erst vor Ort kennengelernt. „Das Projekt trägt mit ‚naher osten – naher westen‘ diese große Überschrift des interkulturellen Austauschs“, erklärt Ibrahim, der in Saudi-Arabien als Kind palästinensischer Eltern geboren wurde und heute einen jordanischen Pass besitzt. „Für mich ist es ein Arbeitsaufenthalt mit anderen Künstlern, und wir bringen alle unterschiedliche Erfahrungen mit.“ Mit universalen Themen beschäftigen sich die Gäste derzeit.

Spielfeldforschung. Für Tetsushi Higashino dreht sich alles um die Überwindung von Sprachbarrieren, seine Rauminstallationen erschließen sich indes im Auge des Betrachters und der Betrachterin ohne große Worte. Und bei weiteren Fragen stehen ihm Raed Ibrahim und Lisa Vanovitch zur Seite. Vanovitch erforscht das weite Feld der Spiele. Die 25-jährige Deutsche nützt Spiele, um auf Denkstrukturen aufmerksam zu machen. Zu diesem Zweck erfindet sie Spiele oder macht sich für Installationen Symbole bekannter Brettspiele zu eigen. Im Garten des Schlosses hat sie ein Kreuz und eine runde Wiesenfläche entdeckt. „Das repräsentiert Spiele wie Mensch-ärgere-dich-nicht“, sagt Vanovitch. Mensch-ärgere-dich-nicht spiele man seit Tausenden Jahren in beinahe allen Kulturen. „Es verrät uns etwas über die Art und Weise, wie wir miteinander in Verbindung treten. Das Spiel ist durch die Kulturen gereist.“

Im Terror-Shop. Mit einer ganz anderen Idee, die in der Gegenwart um den Globus rast, setzt sich Raed Ibrahim auseinander. Das Konzept des internationalen Terrorismus kommentiert er mit provozierenden, jedoch eindeutig sarkastisch zu verstehenden Objekten. Er fertigt Produkte für TerroristInnen an. „Der Bedarf steigt, jeden Tag hören wir von terroristischen Angriffen“, so der 39-Jährige. Auf den Markt kommen werden seine Produkte selbstverständlich nie, das ist überhaupt nicht die Intention des Künstlers. Sein temporäres Atelier hat den Anschein eines technischen Forschungslabors; meterweise Kabel und in ihre Einzelteile zerlegte elektronische Gerätschaft fügt Ibrahim neu zusammen. Was der Betrachter oder die Betrachterin nicht weiß: Die Teile werden niemals funktionieren, und das ist pure Absicht. „Geheimdienste und Armeen gibt es überall, und ich bin nicht sicher, ob Waffenbedarfsgeschäfte nicht in kommenden Jahrzehnten für normale Bürger zugänglich werden“, fürchtet Ibrahim und zieht den Vergleich zu Sexshops, die man vor wenigen Jahrzehnten für eine Unmöglichkeit hielt. Sein Kurzhaarschnitt ist dabei nicht Teil des Gesamtkonzepts – den hat ihm Kollege Higashino im Zuge einer Haarrasur-Performance verpasst. Manchmal muss man unter Kollegen einfach auch den Kopf hinhalten.

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