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„Maria Fekter ist nicht das Problem“

Von: Christian Maier

INTERVIEW. Susanne Scholl hat kürzlich ein Buch über Flüchtlinge in Österreich veröffentlicht. Im MEGAPHON spricht sie über ihre jüdischen Eltern, ihr Engagement für vertriebene Menschen und warum strengere Gesetze die ÖsterreicherInnen nicht beruhigen.

Frau Scholl, stimmt es, dass Ihre Eltern selbst Flüchtlinge waren?
Ja, meine Mutter ist 1938, also im letzten Moment, den Nazis entkommen und nach England geflohen. Ihre Flucht erwies sich als schwierig, weil England damals nur jene jüdischen Flüchtlinge aufnehmen wollte, die das Land wirtschaftlich brauchen konnte. Meine Mutter bekam zum Glück als Haushaltshilfe ein Visum. In England lernte sie dann meinen Vater kennen, der als Jude aus Österreich geflohen war.

Sind Ihre Eltern gemeinsam mit Ihren Großeltern geflohen?
Nein, meine Großeltern mütterlicherseits haben gar nicht erst versucht zu flüchten. Sie wurden von Wien aus nach Minsk deportiert und dort ermordet. Meine anderen Großeltern sind zunächst noch nach Belgien entkommen. In Belgien haben sie aber die Nazis eingeholt. Mein Großvater ist dann bei einem Bombardement umgekommen und meine Großmutter ist in Auschwitz vergast worden.

Trotzdem sind Ihre Eltern nach dem Krieg wieder nach Österreich zurückgekommen.
Ja, meine Eltern waren entschiedene österreichische Patrioten. Sie sagten sich: Das ist unser Land und das überlassen wir nicht kampflos den Menschen, die die Eltern ermordet haben! Hinzu kam, dass sie einfach dorthin zurückkehren wollten, wo sie hergekommen sind. Das geht fast allen Flüchtlingen so.

Haben Sie als Jugendliche mit Ihren Eltern viel über die Flucht und den Holocaust gesprochen?
Ja, ich habe mit meinen Eltern viel über ihre Flucht geredet. Aber bestimmte Themen konnte man nicht besprechen.

Also über die Großeltern und Auschwitz wurde nicht geredet?
Doch, dass meine Großeltern ermordet worden sind, wurde mir schon als Kind erzählt. Das hat auch dazu geführt, dass ich jahrelang davon geträumt habe, dass die Nazis uns holen kommen. Worüber meine Eltern nicht sprechen konnten, waren eher ihre eigenen Schuldgefühle. Weil sie überlebt haben.

Sie haben vor Kurzem ein Buch über Flüchtlinge in Österreich geschrieben, setzen sich immer wieder für verfolgte Menschen ein. Kommt Ihr Engagement aus der eigenen Geschichte?
Das lässt sich teilweise so erklären. Teilweise liegt es aber auch daran, dass ich als ORF-Korrespondentin in Tsche­- ­­­­­­ts­chenien war und die Lage hautnah mitbekommen habe. Ich habe Frauen in Flüchtlingslagern gesehen, die nicht wussten, ob ihr Haus noch steht oder ob der eigene Mann noch lebt. Diese Frauen haben oft jahrelang Angehörige, vor allem männliche Angehörige, gesucht – sei es auch nur, um ein Grab zu haben. Wenn man das einmal sieht, dann weiß man, was es bedeutet, Menschen zurückzuschicken. So wie in Tschetschenien geht es ja in vielen anderen Ländern der Welt zu.

Sie waren jetzt fast zwanzig Jahre lang in Russland, sind vor Kurzem erst zurückgekommen. Überrascht es Sie, wie ausländerfeindlich die Stimmung hier geworden ist?  
Ja und nein. Ausländerfeindlichkeit gab es in Österreich schon früher, heute wird sie aber sicher offener ausgesprochen. Vor Kurzem nahm mich ein ehemaliger österreichischer Diplomat in seinem BMW mit. Als wir an einem Strache-Plakat vorbeikamen, sagte er: „Strache hat völlig recht in der Ausländerfrage. Die Ausländer gehören alle hinausgeschmissen.“ Da habe ich mir gedacht: Vor zwanzig Jahren hätte er das noch nicht gesagt.  

Kann man den Leuten die Angst nehmen, indem man strengere Fremdenrechtsgesetze erlässt?
Nein, das glaube ich nicht. Ich habe das letzte Fremdenrechtspaket durchgelesen und behaupte: Das beruhigt keinen Bürger. Das verstehen ja nicht einmal die Juristen. Hinzu kommt, dass die Bürger zwar einerseits strengere Gesetze fordern, deren Anwendung aber ablehnen, sobald sie mit den Flüchtlingen in Kontakt kommen.

Die Leute denken nicht, wie die Kronen Zeitung schreibt?  
Zumindest nicht nur. Ich habe die Gemeinde Röthis in Vorarlberg besucht. Dort sollte voriges Jahr eine Familie mit zwei kleinen Mädchen abgeschoben werden. Die Abschiebung wurde aber verhindert, weil sich fünfzig Freunde der Familie und auch der Bürgermeister dagegen gewehrt haben. Ähnliche Solidarisierungen kennen wir von der Familie Komani und vielen anderen Fällen. Ich denke, dass die Leute unterscheiden können und nicht wollen, dass anständige Menschen abgeschoben werden.

Dennoch hat die Regierung diesen Februar im Ministerrat eine weitere Verschärfung des Fremdenrechts beschlossen.
Ja, das empört mich. Vor allem, wenn ich höre, dass Jugendliche bereits mit 16 Jahren in Schubhaft genommen werden sollen. Junge Flüchtlinge gehören nicht eingesperrt, sondern sozial betreut. Hinzu kommt, dass sich niemand auskennen kann, wenn die Regierung alle sechs Monate die Gesetze ändert. Diese Änderungen verlängern ja auch die Verfahren.

Glauben Sie, dass die Gesetze humaner werden, wenn Maria Fekter eines Tages nicht mehr Ministerin ist?
Nein, das denke ich nicht. In Wahrheit macht sie nur die Drecksarbeit, die andere von ihr verlangen. Auch in der ÖVP und der SPÖ gibt es viele Politiker, die Ausländern an allem die Schuld geben. Das sehen wir in ganz Europa. Darum wird die Stimmung immer besorgniserregender.

Haben die Österreicher nicht auch deswegen Angst, weil die Regierung die Probleme, die beim Zusammenleben etwa im Gemeindebau entstehen, anscheinend nicht lösen kann?
Also ich weiß noch, dass in den Siebziger- und Achtzigerjahren in den Gemeindebauten kein einziger Ausländer gelebt hat und es dort genauso zugegangen ist wie jetzt. Ich denke, den Leuten geht es nicht schlecht wegen der Ausländer, sondern weil es hier eine verfehlte Sozialpolitik gibt. Nur sagen das die Politiker nicht. Stattdessen sagen sie: Die Ausländer sind an allem schuld. Und das befriedigt dann wieder die Leute.

Wie kann man diesen Teufelskreis durchbrechen?
Ich denke, dass die realen Zahlen die Bevölkerung bereits beruhigen würden. Man muss den Leuten nur vorrechnen: In Österreich leben acht Millionen Menschen und 2010 gab es 11.000 Asylanträge. Dass wir von Ausländern überrannt werden, stimmt einfach nicht. Das Volk glaubt dem Herrn Strache, weil er lauter schreit. Dagegen müssten sich die Linken viel vehementer wehren.

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