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Freiraum für Groß und Klein

Von: Christof Huemer

ELTERN-KIND-TREFF. Das „Stadt.Wohnzimmer“ ist ein offener Begegnungsort für Eltern mit ihren Babys. Ein Besuch.

Es wird hier gleich vollkommen unaufregend, nicht tragisch und auch nicht im Geringsten gefährlich. Es wird nichts Erschütterndes zu berichten geben, nichts Schlimmes wird passieren, hoffentlich. Ja, man sollte es als Erfolg verbuchen, wenn diese tolle Brisanzlosigkeit möglichst lange anhielte; doch wenn man schon beim Wünschen ist: Eine Nacht durchschlafen wäre spitze.
Es werden, um die Gemengelage weiter darzustellen, keine Männer vorkommen, höchstens in Erzählungen, aber auch das nicht wirklich; und die Frauen, die hier sind, haben sich die Straßenschuhe ausgezogen und tragen Patschen, denn so macht man das in einem Wohnzimmer, zumal, wenn man kleine Kinder hat, die am Boden leben: Man zieht Patschen an, macht sich einen Kaffee (50 Cent) und fühlt sich zu Hause.
Den Kaffee macht man sich in der Küche. Einfach die paar Stufen hinauf, die Alexander sich weigert so hinunterzukrabbeln, wie man das tun sollte als vernünftiges Kleinkind, mit dem Kopf zuletzt, und dann gleich die Tür links. Nett ist es hier, sagen die Frauen und verteilen geriebenen Käse an Münder mit vier bis acht Zäh-
­n­en, die Leute, das Umfeld, sehr nett alles, man könne sich austauschen, alles sei unproblematisch, alles angenehm. Dann auf einmal Weinen. Ronja, im Wohnzimmer, hat Simone nicht gesehen, weil die sich in der Küche gerade den drei verschiedenen Sorten Polenta-Pizza widmet. Ein paar bange Sekunden, dann haben sich Mutter und Tochter gefunden. Schlimmeres wird nicht passieren an diesem Dienstag in diesen Zimmern, die für alle Anwesenden Zweit-Wohnzimmer sind. Man muss sich das mal vorstellen: zwei Wohnzimmer. Das ist Luxus. Selbst wenn sich, wie in Barbaras und Jonathans Fall, ein Wohnzimmer in Andritz und das andere am Karlauplatz 1 befindet.
„Stadt.Wohnzimmer“, so nennt sich dieser Luxus auch beinahe selbsterklärend, wobei Luxus hier sowohl ironisch als auch ernst gemeint ist und sich das „Stadt.Wohnzimmer“ als „offener Begegnungsort für (werdende) Mütter und Väter mit ihren Babys“ versteht. Wie so oft, wenn schon im Namen überraschende Interpunktion auftritt, ist im Untertitel jedes Wort wichtig. Vor allem das Duo „offener Begegnungsort“, denn tatsächlich – und gegen die Gepflogenheiten karitativer Trägerorganisationen wie in diesem Fall der Caritas – muss man, um hier sein zu dürfen, kein irgendwie geartetes Defizit oder Bedürftigkeit aufweisen, vor allem aber muss man schon gar nichts zahlen. Jede/r kann kommen, zwei, in Zukunft sogar drei Mal die Woche. Und dabeihaben sollte man hauptsächlich sein kleines Kind; das allein kann ja schon schwer genug sein. Oder, um es mit einer Anwesenden zu formulieren: „Allein mit einem Baby ist auf Dauer echt zach.“
Und in der Tat muss man sich hier nur kurz durch die Anwesenden plaudern, um all die bestehenden Unsicherheiten und Sorgen zu sehen, die junge Eltern so plagen. Allerdings, und das macht die Situation hier so undramatisch, sieht man im selben Raum gleichzeitig auch die Lösungen. Klar, es mag mit Baby alles neu und manches beängstigend sein; womöglich muss man all dies auch noch allein bewältigen, weil die Kernfamilie fehlt, der Freundeskreis kinderlos ist und/oder der oder die PartnerIn viel arbeitet. Man fühlt sich, anders gesagt, also vielleicht isoliert und vermisst schlicht jemanden mit denselben brennenden Interessen. Doch dann kommt man in dieses Wohnzimmer, am Boden überall Spielzeug mit angedockten Kindern, und das Wenigste, das passiert, ist, dass man ein Glas Saft und etwas sehr Richtiges gesagt bekommt: dass es nämlich ganz normal ist, wenn man sich hin und wieder überfordert fühlt.
Diese oft wichtige Information kommt mitunter von „Stadt.Wohnzimmer“-Leiterin Michaela Rachdi-Sakac. „Es geht uns um soziales Wohlbefinden“, erklärt sie den hier gepflegten frühen Ansatz in puncto Armutsprävention, „um Stärkung der elterlichen Kompetenzen als Grundlage für gesunde Entwicklung der Babies“. Und dann formuliert sie einen der Leitsätze der Einrichtung: „Mutter zu sein ist etwas, das verbindet. Und zwar unabhängig von Herkunft, ethnischer Zugehörigkeit, Hautfarbe, Status und Bildungsgrad.“ Um es anders zu sagen: Es ist nicht so, dass die genannten Lebens­umstände hier niemanden interessieren: Farina stammt aus Afghanistan; Karoline kommt regelmäßig, seit sie über eine andere Caritas-Organisation, die Mutter-Kind-WG, davon erfahren hat, und wieder andere sind womöglich einfach zum Spaß hier. Es spielt nur keine Rolle. Wer kommen will, ist willkommen, egal, wie dringend er oder sie dieses Wohnzimmer braucht.
„Die ersten ‚Stadt.Wohnzimmer‘-Termine“, erinnert sich Rachdi-Sakac, „fanden in Parks statt, und nicht wenige derer, die nun regelmäßig kommen, haben wir dort angesprochen“. Zweimal im Monat werden Interessierte per SMS über die Aktivitäten des „Stadt.Wohnzimmers“ informiert. Mehr als 70 KlientInnen nehmen dieses Angebot in Anspruch, und manchmal, so Rachdi-Sakac, platzen die hellen Räumlichkeiten „aus allen Nähten“. Plötzlich ein großes Hallo. Fatima ist da, mit den Zwillingen Aaron und Martha. Die haben gestern ihre erste Sechsfach-Impfung bekommen, hoch gefiebert und die ganze Nacht nicht geschlafen.
Impfungen. Ein großes Thema. Wie auch Ernährung, Schlafen, Zähneputzen. Donnerstagnachmittag kommen daher oft ExpertInnen in Sachen Elternbildung zu Wort und vermitteln Fachwissen an Menschen, die Vorträge zu Themen wie Ergonomie schon aus Zeitmangel nicht besuchen könnten. Am besten aber, das gilt unter Müttern als gesichert, lernen Eltern voneinander, durch das Abschauen kleiner Reibungslosigkeiten. Insofern hat vieles, das hier passiert, auch den gut kostümierten Charakter einer didaktischen Intervention, und wenn es nur ist, Alexander wieder einmal umzudrehen, bevor er Kopf voraus die Stufen hinunter­kullert.
Ermöglicht wurde das „Stadt.Wohnzimmer“ bislang durch die Anstoßfinanzierung einer Stiftung, die aber mittlerweile verbraucht ist. Sollten sich keine weiteren finanziellen Ressourcen auftun, ist die Caritas, der Trägerverein, bereit, für das restliche Jahr einen Teil der Kosten mitzutragen. Wie genau es mit dem Stadt.Wohnzimmer aber weitergeht, ein offenes Begegnungszentrum also in ironischer oder doch ernster Weise Luxus ist, steht derzeit noch nicht fest.

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