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„Wir sind am Ende einer Ära“

Von: Annelies Pichler

Interview. Der Umbruch in der arabischen Welt – und nicht nur dort – stellt auch Reisende vor neue Tatsachen, sagt der Tourismus-Experte Harald Friedl.

Im Lauf des vergangenen Jahres hat sich die arabische Welt verändert. Als Reisender und Tourismus-Experte haben Sie viel Wissen über die Region erworben. Was ist anders als im Vorjahr?  
HARALD FRIEDL: Ich glaube, dass sich nicht wirklich so viel in der arabischen Welt verändert hat. Anders geworden ist eher die Wahrnehmung davon. Das Prinzip, dass Revolutionen niemals unmittelbar zu einer Verbesserung führen, zeigt sich auch hier. Es werden ja nur Personen ausgetauscht, Kultur und Strukturen bleiben dieselben. Es braucht noch lange und viel weitere Entwicklung, bis dort Demokratie auch gelebt werden kann. Man sieht das deutlich in Tunesien, wo die Leute signalisieren: Damit, dass Ben Ali gehen musste, ist es nicht genug. Die bisherigen Veränderungen sind nur ein kurzfristiges Aufflackern. Wie bei einer in die Enge getriebenen Maus: Sie hat keine Perspektive und greift an. In Tunesien, in Ägypten, im Jemen – in all den Ländern, in denen demokratische Bedürfnisse derart brutal unterdrückt worden waren, dass die Leute schließlich auf die Straße gegangen sind. Uralte Strukturen haben diese Systeme mit massiver Unterstützung des Wes­tens immer gestützt.

Hat sich im Wesentlichen also nichts geändert?
FRIEDL: Sichtweise und Haltung der breiten Bevölkerung haben sich allerdings geändert. Das ist auch der Grund für die Erfolge der Revolutionen. Durch breitere Bildung, Internet und Migration wissen die Menschen in jenen Staaten auch mehr über die Welt draußen. Das senkt die Toleranz für Unterdrückung. Verändert hat sich auch  das Bild vom Europäer in den Köpfen der Leute. Unter dem Vorbehalt, dass ich jetzt vereinfache: Früher ist der Europäer eher mit einer gewissen Ehrfurcht, mit Distanz gesehen worden. Er ist reich, erfolgreich, kann und weiß so viel mehr als wir. Jetzt sehen sie, wie viele Mängel es in Europa gibt. Das führt zu einer pragmatischen Haltung: Wie können wir Geld verdienen, etwas rausholen. Von Kriminalität  bis zu Kooperationen. Das wird immer differenzierter. Die Zeit schwindet, in der man als Tourist mit der Kamera behängt durch die Gegend geht und die Leute anschaut. Man muss sensibler werden aus reinem Selbstschutz. Wie in Europa. Man muss sich überlegen: Wohin gehe ich, wohin nicht. Genau so, wie man in Graz den Stadtpark in der Nacht meidet.

War das nicht auch früher genau so?
FRIEDL: Das hat es immer gegeben, dass es Orte gegeben hat mit besserer und solche mit schlechterer Sicherheitslage. Das Grundprinzip ist immer dasselbe. Doch die Tourismusindus-­trie verkauft Illusionen gegen Geld. So ermöglicht sie, dass man die sozialen Wirklichkeiten ausblenden kann. Hier stoßen wir an eine Grenze. Genauso wie der Tourismus als Gesamtindus­trie. Es gibt diese Wachstumsgrenzen von immer exotischeren Reisen. Wie das in den letzten zwanzig Jahren gehandhabt wurde, das war im Grunde genommen eine Fortführung der Kolonisation. Jetzt hat sich die Kommunikation und Vernetzung in der Bevölkerung der Reiseländer geändert. Das können die Machthaber nicht mehr verhindern. Immer wieder kommt es vor, dass ein Tourismus-Resort in die Luft gesprengt wird. Man muss sich damit auseinandersetzen und Strateg­ien entwerfen. Die Reisenden müssen sensibler werden. Diese Einstellung: Juhu, die ganze Welt gehört mir, trägt nicht mehr. Momentan ist in den Jemen zu fahren nicht gut. Es kocht. Niger, wo ich gelebt habe, da steht es an der Kippe, momentan kann man hin. Der Premierminister ist ein persönlicher Freund von mir, es besteht große Hoffnung, dass der Demokratisierungsprozess dort weitergeht. Jetzt kommt es darauf an, dass es sich stab­ilisiert, Minen weggeräumt werden. Der Reisende braucht Transparenz. Er muss abwägen können. Absolute Sicherheit gibt es nicht, nirgendwo. Es geht um Wahrscheinlichkeiten. Weil es viele Menschen gibt, die sich damit schwer tun, werden die All-inclusive-Resorts weiter boomen. Sie vermitteln das Gefühl, Bastionen gegen die uneinschätzbare Fremde zu sein.

All-inclusive-Resorts als Illusions-Maschinerie?
FRIEDL: Es gibt auch im All-Inclusive-Bereich verstärkt die Entwicklung, dass man nicht einfach einen Betonklotz hinstellen, sämtliche Lebensmittel einfliegen und Personal hinkarren kann. Wenn ein Unternehmen langfristig bestehen will, muss es mit der Bevölkerung zusammenarbeiten. Über die Diplomarbeiten meiner StudentInnen bekomme ich Einblick und kann sagen: Gewisse Grundstrukturen sind global, wenn auch in unterschiedlichen Weltregionen unterschiedlich stark ausgeprägt. Heute steigt das Bedürfnis nach Partizipation. Der Bewusstseinshorizont der Menschen verändert sich auf der ganzen Welt. Das führt zu plötzlichen Veränderungen. Was sich im arabischen Raum getan hat, war für mich überhaupt nicht überraschend, so wenig wie die Finanzkrise.

Warum nicht?
FRIEDL: Man muss unterscheiden. Öffentliche Diskurse hinterfragen. Es gibt Sprachrituale, die bestärken, dass ohnehin alles in Ordnung sei, dass alle das Richtige täten. Wenn man zugibt, eigentlich haben wir es schon gewusst, gibt man auch zu, dass man nicht gehandelt hat, nicht handeln konnte. Die Lüge ist die wichtigste Kulturkompetenz. Was man in der Zeitung liest, sind auch Sprachrituale. Die bewirken unter anderem, dass man sich im Tourismus in Sicherheit wiegt, weil Organisationen die Komplexität der Welt einfach ausblenden. Viele nehmen dieses Angebot gerne an. Das wird weiter so sein. Doch wird es auch immer mehr Leute geben, die in ihrem Reiseverhalten differenzierter sind. Reisebüros werden substituiert durch Leute, die sich über Internet etwas zusammenstoppeln. Trotzdem werden sie weiter von Experten abhängig sein. Da wird es darum gehen: Wohin kann man warum mit welcher Sicherheit fahren.

Kann man Reisen in den arabischen Raum heute empfehlen?
FRIEDL: Es kommt drauf an. Tunesien und Ägypten, dorthin würde ich sofort ungeschaut fahren. Dort werden die Reisenden gebraucht. Wenn die Menschen dort  das Gefühl haben, der kauft bei mir ein, dann reagieren sie auch mit Wertschätzung. Wenn es wirklich brodelt, muss man natürlich weg. Wenn die Leute hungrig sind, verprügeln sie als Erstes den Bäcker. Aber wenn es sich wieder beruhigt, und es kommt der Bäcker daher, dann kommen sie schon und sagen: Back etwas, ich habe Hunger. Würden die Touristen gänzlich wegbleiben, stiege die Möglichkeit neuer sozialer Unruhen. Aus diesen Überlegungen heraus würde ich auch niemals empfehlen, etwa in Hinblick auf den Klimaschutz: nicht fliegen. Der soziale Effekt, etwa in Thailand, wäre so dramatisch, dass das schließlich mehr negative Auswirkungen auf das globale Klima hätte, als Flugemissionen haben. Sie sind aber ein Problem. Mittelfristig werden Ferndestinationen keine Option mehr sein, außer für sehr Reiche. Wir sind am Ende einer Ära. Bisher haben wir unsere Konflikte exportiert, indem wir billige Ressourcen importiert haben. In den Außenwelten aber hat sich riesiges Konfliktpotenzial aufgestaut. Das wirkt  sich auch auf den Tourismus aus.

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