STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2011/August 2011/„Traumatisiert sind alle“/
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„Traumatisiert sind alle“

Von: Eva Reithofer-Haidacher

WELCOME. Vor zehn Jahren wurde in Graz ein eigenes Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge eröffnet, das erste in Österreich. Von Anfang an mit dabei: die Psychotherapeutin Karin Zilian vom interkulturellen Berat­ungs- und Therapiezentrum Zebra. Sie zieht knapp nach ihrem Eintritt in die Pension Bilanz.

Die „Jungs“ der Karin Zilian. Das sind Burschen aus Afghanistan, Somalia oder Georgien, die – versteckt in Zügen, LKWs, auf maroden Schiffen und in unwegsamem Gelände zu Fuß – Länder und Meere durchquert haben. Die ohne Angehörige hier gelandet sind und vorerst einmal vor allem ein Gefühl wahrnehmen: allein zu sein. Die nicht wissen, woher die Schlafstörungen, die Kopf- und Rückenschmerzen kommen, die das Wort „Trauma“ noch nie gehört haben. „Traumatisiert sind alle, individuell unterschiedlich, oft auch in mehrfacher Weise“, sagt Karin Zilian. „Schon einmal dadurch, dass sie das Land, die Familie, die Angehörigen verlassen mussten.“ Manche haben außerdem mitangesehen, wie Verwandte ermordet wurden, andere selbst Gewalt erlebt, einige auch sexuellen Missbrauch. Die Palette der Verletzungen ist groß. Ihnen behutsam auf die Spur zu kommen und Linderung zu schaffen war Karin Zilians Aufgabe als Psychotherapeutin im Welcome-Projekt der Caritas, wo unbegleitete Minderjährige Quartier und Betreuung finden.

Der Ruhestand. Die Vergangenheitsform kommt der 59-Jährigen noch schwer über die Lippen, erst Ende Juni ist sie in Pension gegangen. Jetzt heißt es einmal durchatmen, Ruhe finden, Zeit mit der Familie verbringen. So ein Job zehrt, vor allem weil die Abgrenzung mitunter schwierig ist. „Die Geschichten gehen einem grundsätzlich nahe. Wenn der Jugendliche dir sein Herz öffnet und über Dinge spricht, die er höchstens mit seiner Mutter besprochen hätte, berührt das schon“, sagt die gebürtige Deutsche, die selbst sechs Kinder und auch schon Enkelkinder hat.
Ein Jugendlicher fällt ihr ein, dessem Vater vor den Augen der Familie die Kehle durchgeschnitten worden war. Weil er fürchtete, das nächste Opfer zu sein, flüchtete der Bursche mit seinem achtjährigen Bruder. Als sie von Wegelagerern überfallen wurden, ging der kleine Bub verloren und ist nie mehr aufgetaucht. Das traute sich der junge Mann seiner herzkranken Mutter nicht zu berichten und war nahe daran, sich aus Verzweiflung das Leben zu nehmen. Karin Zilian hat ihm wieder auf die Beine geholfen, über einen Dolmetscher mit der Mutter telefoniert und ihm so die Last des Verschweigens genommen. „Er ist natürlich nach wie vor gefährdet“, weiß die Psychotherapeutin. Deshalb will sie ehrenamtlich weiter für den jungen Mann und andere, die sie brauchen, da sein.

Die Geburtshilfe. Wenn Karin Zilian von ihren Jungs spricht, lächelt sie; der Versuch, Distanz zum Thema zu wahren, gelingt nicht ganz. Die Jugendlichen sind ihr ans Herz gewachsen und auch das Welcome-Projekt ist ein wenig ihr „Baby“. Sie war 1999 dabei, als bei einer Konferenz über minderjährige Schubhäftlinge die Idee geboren wurde, eine eigene Unterkunft für jugendliche Flüchtlinge zu eröffnen. Und sie war auch im Team, als Caritas, Omega und Zebra gemeinsam ein Konzept entwickelten. 2001 wurde im Franziskushaus in Graz-Mariatrost das österreichweit erste Quartier für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge eröffnet. Heute ist es in der Keplerstraße 82 untergebracht.
Die Unterbringung in einem eigenen Haus mit verstärkter Betreuung sei unbedingt notwendig, meint Karin Zilian: „Sie sind psychisch labiler als Erwachsene, verunsicherter und haben auch nicht die Fähigkeit, allein Zukunftsperspektiven zu entwickeln.“

Die Pubertät. Schwierig sei anfangs gewesen, dass Burschen und Mädchen gemeinsam untergebracht waren. „Es ist manchmal zu Übergriffen, auch zu ungewollten Schwangerschaften gekommen“, erzählt Zilian. Eine 16-jährige Angolanerin hat die engagierte Therapeutin ein halbes Jahr lang – bis eine Pflegefamilie gefunden war – nachts bei ihrer eigenen Familie einquartiert, um sie zu schützen. Schließlich hat man, als einige Zeit später in anderen Bundesländern ähnliche Unterkünfte entstanden waren, einen Austausch organisiert: männliche Jugendliche nach Graz, weibliche nach Salzburg oder Wien.
Die Burschen, die derzeit in der Mehrzahl aus dem streng religiösen Afghanistan kommen, sind anfangs vom Umgang mit dem Frauenkörper hierzulande überfordert. „Die Freizügigkeit, die es bei uns gibt, irritiert sie. Wenn sie in die Schwimmbäder kommen und Frauen relativ wenig bekleidet sehen, ist das für sie ganz neu“, hat Karin Zilian beobachtet. Doch nachdem ein wichtiger Teil der Sozialisation hier geschehe, gewöhnen sich die meisten rasch und genießen die Freiheit. Religiöser Fundamentalismus als Gegenreaktion entstehe eher, wenn ältere Familienangehörige da sind.

Der Bildungshunger. Doch die Jünglinge im Welcome-Quartier sind allein – und sie sehnen sich nach Familie, die in ihren Herkunftsländern meist einen weit höheren Stellenwert hat als hier. Um ihnen Halt zu geben, hat der Verein Zebra 2002 das Patenschaftsprojekt „Connecting People“ nach Graz gebracht. ÖsterreicherInnen, manchmal mit Familie, begleiten einzelne junge Flüchtlinge beim Einleben, bei Wegen zum Arzt oder zu Behörden und in der Schule. „Meiner Erfahrung nach haben diese Jugendlichen sich leichter getan und schneller integriert als solche ohne Paten“, sagt Karin Zilian.
Vor allem in Bildungsfragen seien die PatInnen eine große Unterstützung. Sie denkt an einen jungen Somalier, der soeben die Hauptschule mit Vorzug abgeschlossen hat und nun unbedingt die Matura machen möchte. Oder an einen der Ersten im Welcome-Projekt, einen Mongolen. Er ist 2001 gekommen und studiert nun an der Montanuniversität in Leoben. Ein nigerianischer Bursche hat, unterstützt von einem Connecting-Paten, nicht nur die Hauptschule abgeschlossen, sondern auch die Ausbildung zum Tagesvater, zum interkulturellen Lebensberater und Konfliktmanager. „Wir haben auch Analphabeten, die den Hauptschulabschluss geschafft haben. Es ist erstaunlich“, bewundert Karin Zilian das Potenzial und den Bildungshunger der oft sehr belasteten Jugendlichen.
Ob sie denn damit gehadert hat, dass es diese jungen Menschen im Gegensatz zu den eigenen Kindern so schwer haben? Karin Zilian überlegt kurz. „Ganz am Anfang war da schon eine ganz starke Betroffenheit. Aber zumindest habe ich gleichzeitig gesehen, dass es für sie besser ist, hier zu sein als in ihrer Heimat. Das hat mir geholfen.“

Informationen unter: http://www.caritas-steiermark.at/caritas-steiermark

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