STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2011/Dezember 2011/Zusammen sind sie weniger allein/
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Zusammen sind sie weniger allein

Von: Nina Popp

WOHNEN FÜR HILFE. Berta lebt seit 93 Jahren in Graz, Mona seit vier. Die alte Dame und die junge Musikerin aus dem Iran bilden eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft. Heuer feiern sie zum zweiten Mal Weihnachten zusammen.

Weihnachten ist immer das Gleiche, freut sich Berta Benesch. Sie feiert es im gleichen Zimmer, im gleichen Haus, mitten in der Stadt. Sie freut sich, dass der große Baum schon draußen am Hautplatz steht, auch wenn sie ihn nur noch unscharf erkennen kann. Leidglich die Zahl der Gäste hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. „Die Kinder“,  eigene und Gastkinder, die die Grazerin im Laufe der Jahre über die Initiative „Wohnen für Hilfe“ kennengelernt hat und die ihr  ans Herz gewachsen sind.

Junges Leben im Haus. Andrea war die erste, die seinerzeit durch Vermittlung der HochschülerInnenschaft bei ihr angeklopft hat. „NichtraucherIn und Führerschein“ hatten die Bedingungen der Vermieterin gelautet. „Und dann stand eine junge Kunstgewerbestudentin in der Tür. Mit Lippen-Piercing und kohlrabenschwarz gefärbten Haaren. Und in der Hand hatte sie einen wunderbaren Kuchen,“ schmunzelt die alte Dame über den Beginn ihres WG-Lebens. Bis heute bereut sie nicht, dass sie sich auf das Wagnis eingelassen hat und auf den Tapetenwechsel, der ihr nach dem Tod ihres Ehemann aus dem tiefen seelischen Loch herausgeholfen hat.

Mit Andrea kam wieder junges Leben ins Haus, Gespräche mit einem Menschen, der von Tag zu Tag vertrauter wurde. Die Studentin half im Haushalt mit und ganz nebenbei brachte sie ihre Mitbewohnerin auf die Idee, mit Ton zu arbeiten. Andrea zog irgendwann weiter, ein Bett ist ihr in Graz geblieben. So schaut sie immer wieder bei ihrer „Oma“ vorbei, genau wie die anderen. Bobby, der bei seiner Gastgeberin allmählich sein Heimweh  vergaß und ihr dafür Gedichte und Aphorismen in der Wohnung zurückgelassen hat. Oder Mona, die junge Musikerin, die vor einem Jahr in die Altbauwohnung gezogen ist und sich zunächst einmal auf die neue Mitbewohnerin einstellen musste, wie sie sich erinnert. An das laute Sprechen und andere Kleinigkeiten, die im Alltag mit älteren Menschen unweigerlich zum Thema werden.

Rücksicht und klare Grenzen. Geduld braucht schließlich jede Wohngemeinschaft, meint die junge Iranerin. Ein gutes Maß an Toleranz gehöre nach Ansicht der Älteren auch dazu. Unbedingt. Das wache Interesse für ihre Umgebung kämen ihr ebenfalls zugute. Ohne Rücksicht und klare Grenzen könne so ein Experiment auf keinen Fall funktionieren, meinen beide. „Es ist eben wie in der eigenen Familie. Manchmal läuft alles wie am Schnürchen und dann kann es wieder anstrengend werden.“ Das Beste an ihrer Gastgeberin? „Seit ich bei ihr wohne, ist mein Heimweh weg“, antwortet Mona ohne zu zögern. Und: „Mit Oma Benesch lässt es sich wunderbar reden.“ Der Draht passt, die Chemie stimmt und die Themen gehen den beiden nicht aus, „obwohl ich ihr schon mehr erzählt habe als meiner eigenen Oma“, meint die junge Iranerin.

Die beiden verstehen einander trotz Schwerhörigkeit und gelegentlicher sprachlicher Unsicherheit. „Wir brauchen einander.“ Win-Win für beide Generationen, die zusammen weniger allein sind. Berta Benesch, gewinnt Sicherheit und Orientierung, da sie sich auf ihre schwächer werdenden Augen und Ohren nicht mehr so gut verlassen kann. Was die Ältere sucht, findet die Jüngere. Mona hat die Kraft Nüsse zu knacken und Berta das Rezept für die Nusskugeln: „Die schmecken und können nicht anbrennen.“ Mona hilft bei den Mahlzeiten, kleinen Besorgungen und als Chauffeuse der alten Dame, die noch gerne unterwegs ist, in Graz und draußen am Land. Im Gegenzug hat sie zwei Zimmer mit dicken Wänden und eine wohl gesonnene Gastgeberin gefunden. Die idealen Bedingungen für eine Geigerin.

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