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Weihnachten auf der Straße

Von: Bianca Bolduan

TRISTESSE. Eine Hamburger Journalistin näherte sich der Weihnachtsnacht auf besondere Art: Sie traf sich mit sechs Obdachlosen und fragte sie: „Was werdet ihr in der Christnacht machen?“

Ein bisschen mulmig ist mir schon zumute. Dank der Winterzeit ist es nun schon um fünf dunkel, und der Ort, an dem ich mich mit sechs Hamburger Obdachlosen treffe, ist alles andere als einladend. Bei den Landungsbrücken treffe ich auf Kai, Helmut, Biggi, Hartmut, Elena und Heinz. Alle sind zwischen vierzig und fünfzig, alle sind seit Jahren auf der Straße … und eigentlich will keiner von ihnen wirklich mit mir über Weihnachten reden. Schließlich finde ich den Ort, an dem diese sechs Menschen sich eine Art „Zuhause“ gebaut haben; eine Nische unter einer der Brücken, durch Pappkartons und alten Decken hat jeder so etwas wie eine Privatsphäre.
„Wir passen auf einander auf!“, sagt Kai und sieht mich finster an. Er ist der Älteste und „irgendwie schon immer auf der Straße“, sagt er. Bei mitgebrachtem Glühwein und Stollen versuche ich, etwas über „Weihnachten auf der Straße“ zu erfahren.
„Es tut weh!“, sagt Biggi, die früher einmal Versicherungsmaklerin war. Die anderen sehen betreten zu Boden. Mit leiser Stimme erzählt sie, dass sie früher immer Kekse gebacken hat mit den Kindern, den eigenen und denen aus der Nachbarschaft. Bei Liedern von Rolf Zuckowski hätten sie Lebkuchenhäuser und Plätzchen gebacken, gelacht und sich alle auf Weihnachten gefreut. „Das waren die guten Zeiten.“, sagt sie.
Ich wage gar nicht zu fragen, was passiert ist. Versicherungsmaklerin, eigene Kinder … wie kann man da Weihnachten auf der Straße feiern müssen?
Elena, die zweite Frau in diesem Bunde, mischt sich ein. Ihre Stimme ist schrill, als sie Biggi vorwirft, zumindest eine Tochter zu haben, die sie jedes Weihnachten besucht. Besucht? Hier? Helmut und Heinz fangen an zu lachen. Sie amüsieren sich köstlich über meine Sprachlosigkeit, während ich mich frage, wie eine Tochter ihre Mutter auf der Straße leben lassen kann.
„Sie bringt uns Essen und Wein“, sagt Heinz und lacht noch immer. „Seit vier Jahren bringt sie uns allen ein Weihnachtsessen. Aber mit nach Hause nehmen will sie ihre Mutter nicht. „Und wie feiert ihr Weihnachten?“, frage ich. Es gibt an ein paar Stellen rund um die Landungsbrücken Einrichtungen, bei denen sie etwas zu essen bekommen, sich aufwärmen können. Da laufen dann auch Weihnachtslieder und es riecht nach Tanne. Clementinen gibt es und Lebkuchen. In die Kirche dürfen sie nicht, sie sind nicht erwünscht, sie stinken. Als Heinz das sagt, klingt seine Stimme unendlich resigniert. „Die Geburt vom Jesuskind,“, sagt er leise, „aber in die Kirche dürfen nur die, die sowieso schon alles haben.“
„Was würdet ihr euch wünschen?“, will ich wissen. Meine soziale Ader kommt durch und ich denke, dass es doch etwas, irgendetwas geben muss, was ich tun kann. Sechs Augenpaare sehen mich erstaunt an. „Was sollen wir uns denn wünschen? Dass Weihnachten ganz schnell vorbei ist, was sonst?“ Kai sieht mich noch immer finster an.
In diesem Moment kommt eine magere Gestalt um die Ecke, die, wie ich erfahre, der 56-jährige Jens ist. „Ist sein erstes Jahr auf Platte.“ Als Heinz das sagt, klopft er Jens auf die Schulter. „Aber das wird schon, wir werden auf ihn aufpassen. Jens sieht mich aus müden Augen an, und als ihm die anderen erzählen, wer ich bin, lächelt er
traurig. „Ich habe Angst vor Weihnachten.“, sagt er leise und umklammert das Glas mit dem heißen Glühwein. „Wenn ich so dran denke … Vor einem Jahr dachte ich, alles wäre in Ordnung.“ Er sieht auf die Elbe und Tränen treten ihm in die Augen. „Vor einem Jahr habe ich einen Tannenbaum gekauft … und Geschenke. Heute bin ich froh, wenn ich weiß, wo ich schlafen kann.“
Auf meiner Liste stehen eine Menge Fragen, die ich in diesem Interview „abarbeiten“ wollte. Ich lasse es sein. Hier ist so viel Traurigkeit, so viel Angst und Bitterkeit, der tägliche Kampf ums nackte Überleben ist allgegenwärtig, wie kann ich da von „fröhlicher Weihnacht“ reden?
Es mag ja sein, dass in diesem Land niemand wirklich obdachlos sein müsste. Wie haben ein soziales Netz, wir haben entsprechende Einrichtungen und karitative Verbände. Niemand müsste auf der Straße leben!
Doch das sagt sich so leicht. Ich bin auch satt, habe warme Klamotten an und in den neuen Winterstiefeln würde ich wahrscheinlich sogar eine Eiszeit überstehen. Ich kann telefonieren, organisieren, mich kümmern. Aber könnte ich das auch dann noch, wenn ich einen Monat bei diesen Temperaturen auf der Straße gelebt hätte? Wenn ich niemanden hätte, zu dem ich gehen, bei dem ich mich aufwärmen könnte? Wenn mein Geld aufgebraucht, mein Job weg und meine Familie nicht mehr existieren würde?
Als ich wenig später in meinem warmen Auto sitze und in meinen Navi „Heimatadresse“ eingebe, zittern mir die Hände nicht nur vor Kälte. Vielleicht sind diese sieben Menschen selbst Schuld an ihrer Situation, das kann, will und
werde ich nicht beurteilen. Doch, Himmel noch mal, wir haben Weihnachten! Gibt es denn nichts, was wir tun können?
In diesem Jahr werde ich beim Geschenke auspacken wohl an jene Frau denken müssen, deren Tochter ihrer Mutter ein Weihnachtsessen auf die Straße bringt. Was sagt man dann? Frohe Weihnachten, Mutti?

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