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Nichts unter  den Teppich kehren

Von: Birgit Schweiger

VERANTWORTUNG. Sie hilft pakistanischen TeppicharbeiterInnen, sich zu organisieren und ihre Rechte zu verbessern: Tanveer Jahan ist seit 25 Jahren Aktivistin mit Leib
und Seele.

Warum kämpfen Sie gerade für die Rechte von TeppichweberInnen?
Arbeitsrechte sind in Pakistan eine sehr, sehr wichtige Angelegenheit; wenn man für Menschenrechte kämpft, darf man den wichtigen, vernachlässigten Bereich der Arbeit hier einfach nicht übersehen. Wenn man über Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Transparenz spricht – das sind alles Themen, die eng mit dem Fair-Trade-Konzept zusammenhängen.

Wie gehen Sie in Ihrer Arbeit mit den produzierenden Betrieben vor?
Als wir gestartet haben, waren unsere Anliegen sehr neu in Pakistan. Damals haben uns die Exporteure als Bedrohung gesehen – sie hatten Angst vor uns, haben uns nicht in die Fabriken gelassen. Nach Jahren haben wir es geschafft, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und akzeptiert zu sein. Wir müssen mit den Firmen zusammenarbeiten. Denn normalerweise dürfen wir nur nach Voranmeldungen zu Kontrollen kommen. Und wir haben die Information von den Leuten gesucht, die die Situation in den Fabriken jeden Tag erleben. Also haben wir angefangen, den Teppichwebern zu helfen, sich zu organisieren. Wir haben Treffen in 50 verschiedenen Gemeinden veranstaltet, an denen Menschen teilgenommen haben, die unterschiedliches Interesse an den Lebens- und Arbeitsbedingungen von Teppicharbeitern haben. Wir haben mit ihnen auf Basis der Allgemeinen Menschenrechte über Grundrechte, Frauenrechte, Gesundheit und Lebensbedingungen gesprochen, auch Workshops veranstaltet. Es haben sich dann Vertreter aller Dörfer getroffen, und das Teilen der Information über Arbeits- und Lebensbedingungen hat viel ausgelöst: Zum Beispiel ist ihnen bewusst geworden, dass gewisse Unternehmer ganz unterschiedliche Löhne in verschiedenen Gegenden zahlen – und die Arbeiter konnten anfangen zu argumentieren und zu verhandeln und haben schließlich eine Erhöhung der Löhne erreicht.

Wo gibt es Probleme?

Der Teppichsektor ist prinzipiell sehr schwierig zu kontrollieren: 85 Prozent der Arbeiter sind Frauen, die meis­ten davon arbeiten von zu Hause aus. Das Arbeitsrecht greift hier nur schwer, und es kann fast nicht kontrolliert werden, wenn man nicht zu jedem Haus Zugang bekommt.
Es gibt viele andere wichtige Bereiche, über die wir informieren: in der Gesundheitsvorsorge etwa mit vielen Kleinigkeiten, die das Leben der Arbeiter verbessern können. Viele Weber schlafen und arbeiten im selben Raum. Wie geht man damit um, wenn überall kleine Wollpartikel herumfliegen? Wie lüftet man am bes­ten, wie geht man mit Chemikalien um?

Und die Löhne?

Es gibt für die Teppichknüpfer in Pakistan noch immer keinen gesetzlich festgelegten Mindestlohn, von dem man leben kann. Wir fordern einen solchen und bessere Sozialbedingungen von der pakistanischen Regierung – das werden wir aber noch lange nicht erreichen, wir haben bis jetzt keine guten Rückmeldungen bekommen.
Wir haben bisher direkten Kontakt zu 10.700 Arbeitern von zwei Millionen Leuten in der Teppichproduktion – das wirkt nicht viel, aber damit haben wir schon viel erreicht. Kleine Verbesserungen betreffen dann ja oft die ganze Branche. Und die 10.700 Leute, die bei uns im Netzwerk sind, sind eindeutig selbstsicherer, haben bessere kommunikative Fähigkeiten – es ist allein schon deshalb ein wahnsinniger Unterschied.

Was hilft es, in Österreich einen fair produzierten Teppich zu kaufen?
Unsere Partner sagen uns genau, wo sie was beziehen, und wir schauen nach, ob das stimmt. „Fair Trade“ ist eine direkte Verbindung zwischen den Arbeitern und den Käufern. Vom Finanziellen her ist es überhaupt kein großer Unterschied. Ich habe hier in Graz selbst nachgeschaut: Der Preis für faire Teppiche ist fast gleich hoch wie der für herkömmlich produzierte. Aber von der jeweils eigenen Verantwortung her ist es ein wichtiger Schritt, einen fairen Teppich zu kaufen. Das Engagement kann das Leben der Menschen in den Produktionsländern wirklich ändern.

Es war sicher nicht immer einfach für Sie, als Aktivistin für Frauen- und Menschenrechte zu kämpfen?
Die Probleme haben zuerst innerhalb der Familie angefangen – es ist immer so, dass es einfach ist, für die Rechte von jemand anderem zu kämpfen, es ist schwieriger, innerhalb der Familie was zu ändern. Ich bin auf Widerstand damit gestoßen, Bildung zu wollen, mich als Rechtsaktivistin zu engagieren, in die Politik gehen zu wollen: Meine Familie war der Meinung, es sei zu risikoreich. Als ich anfing, gab es gerade eine Diktatur, diese Phase war überhaupt nicht ideal für Rechtsaktivisten, obwohl es natürlich mehr als genug Themen für uns gab ... Ich führte also meinen ersten schwierigen Kampf in meiner Familie, meinen Weg überhaupt einschlagen zu können.

Wie viele andere pakistanische Frauen?

Es gibt tausende Frauen in Pakistan, die sich für Frauenrechte engagieren. Damit ist die Bewegung der Frauenrechte in Pakistan viel stärker als andere Bewegungen. Es waren Frauen, die während der Militärdiktatur gegen diese gekämpft haben – als nicht einmal die demokratischen Kräfte sie bekämpft haben. Es ist schwierig, wenn man in Pakistan halbwegs angenehm lebt und das Wichtigste hat, die bewusste Entscheidung zu treffen, auf die Straße zu gehen und sich für Frauenrechte einzusetzen. Es gibt zum Glück tausende pakistanische Frauen, die sich für kleine Verbesserungen einsetzen. Stark verbessern können wir die pakistanische Gesellschaft momentan nicht, aber ich bin dankbar dafür, dass wir uns in Pakistan über die Generationen hinweg einen kleinen Raum geschaffen haben, in dem wir uns jetzt bewegen können – und den müssen wir kontinuierlich erweitern. Das müssen wir machen, um vielen anderen Menschen das Leben zu erleichtern.
Gerade in Pakistan, wo wir zwischen traditionell und modern stehen, nimmt einem der tägliche Kampf aber viel Energie: Von uns Frauen wird nach wie vor erwartet, dass wir gute Ehefrauen, gute Mütter und gute Töchter sind, wir zahlen also einen hohen Preis für ein wenig Freiheit und Unabhängigkeit, Gleichberechtigung ist wirklich eine große Herausforderung. Ich kämpfe seit 25 Jahren, und zwar jeden Tag mehr: Je mehr man sich der Ungerechtigkeiten bewusst wird, desto mehr fühlt man sich auch verantwortlich. Die nächste Generation kann den Vorteil daraus ziehen – von meiner Tochter wird viel davon nicht mehr erwartet, was bei mir noch selbstverständlich war –, ich hoffe, sie sieht das als so wertvoll an, wie es ist.


INFO:

Tanveer Jahan ist die Koordinatorin in Pakistan für die Fair-Trade-Organisation „Label STEP“ und setzt sich in dieser Funktion auf allen Ebenen für bessere Arbeitsbedingungen pakistanischer TeppichknüpferInnen ein. Jahan kämpft in Pakistan seit 25 Jahren in unterschiedlichen Organisationen für Menschen-, Frauen- und Arbeitsrechte.

Faire Teppiche in Österreich In Österreich stammt jeder zweite verkaufte handgeknüpfte Teppich aus fairer Produktion, das ist mehr als in jedem anderen Land.

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