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Schulfach Glück

Von: Henric Wietheger

INNOVATION. Seit 2010 lehren 48 steirische Schulen, wie man mit sich, anderen und der Welt glücklich wird. Das Fallbeispiel einer Volksschule aus ungewöhnlicher Perspektive.

Ich bin ein Löwe. Ein runder orangefarbener Papierkranz ziert meinen unverhältnismäßig großen Kopf. Ich stehe auf vier dicken gelben Stelzen in giftgrünem Papiergras. Meine Steppe ist eine Schrankwand aus hellem Holz. Was mich dort hält, sind nicht mehr als drei zusammengefaltete Klebestreifen. Im echten Leben, auf freier Wildbahn, würde ich elendig eingehen. Darüber mache ich mir aber selten Gedanken. Ich lächle einfach. Ich lächle, weil sich das so gehört für einen einfachen Papierlöwen im Klassenzimmer einer Volksschulklasse.
Von meiner Schranksteppe aus habe ich einen guten Überblick über den gesamten Raum. Er ist leer. Kein Schüler sitzt auf seinem Stuhl, keine Lehrerin steht vorne am Pult. Ich wittere Revolution. Einzig die bunten Schultaschen, die verlassen an den niedrigen Tischen baumeln, deuten darauf hin, dass die Stunde bereits begonnen hat. An der Tafel steht in großen Lettern: 1. Glück, 2. Religion.

Fee und Fuchs – Geschichten vom Glück.
Der hintere Teil des Klassenzimmers, direkt vor dem Regal mit den Brettspielen und den seltsam lächelnden Püppchen, erhärtet meinen Verdacht. Friedlich sitzt die gesamte Klasse 2a in Kreisformation auf dem Boden. Ein Sit-in? Inmitten des Kinderkreises liegt ein rundes rotes Tuch. Darauf angerichtet: eine kleine Holzkiste. Lehrerin Leinweber sitzt auf einem Stuhl zwischen den Buben und Mädchen. Sie liest eine Geschichte vor. Ich höre nicht richtig hin, bin abgelenkt von den SchülerInnen. Keine Unruhe, keine Streitereien, keine Störungen. Sie lauschen gebannt der Geschichte. Ihre Augen glänzen, die Münder sind offen und hier und da schleicht sich ein Lächeln ein. Wahrscheinlich gehört sich das so für Kinder in der Volksschule.
„Fee, Habicht und Fuchs lebten vergnügt bis ans Ende ihrer Tage.“ Frau Leinweber legt das Buch beiseite und wendet sich an die Kinder: „Und welche Moral finden wir jetzt wohl in unserer Schatztruhe?“ Sie redet bewusst langsam und betont. Wahrscheinlich gehört sich das so für eine Lehrerin einer Volksschulklasse. „Ich weiß es schon“, murmeln Einzelne. Ein blondes Mädchen lehnt sich vor, grapscht nach der kleinen Holzkiste, öffnet sie, holt einen Zettel heraus und liest vor: „Zusammenhalten macht stark.“
Ich schalte kurz meinen Pappkopf aus. Meine Gedanken schweifen ab, als die Kinder unruhig werden und wild durcheinander reden. Die lernen, wie man mit sich selbst und anderen Menschen umgehen kann. Kurz: Die lernen von klein auf, wie sie glücklich werden. Das gehört sich doch eigentlich nicht für eine Volksschulklasse. Was steckt dahinter?
Die Praxisvolksschule der Pädagogischen Hochschule Steiermark, zu der auch die Klasse 2a von Frau Leinweber gehört, ist eine der Schulen in der Steiermark, die im Rahmen des Projekts „Glück macht Schule“ aktiv Glück lehrt. Inspiriert wurde das ungewöhnliche Unterrichtsmodell vom deutschen Pädagogen Ernst-Fritz Schubert. In dem Fachbuch „Schulfach Glück“ erklärt er: „Der [Glücks-]Unterricht fußt auf dem Prinzip der Selbsterfahrung und ist mit erlebnisorientierten Projekten gestaltet. Durch Rollenspiele, Konzentrations- und Wahrnehmungsübungen, Sport oder Musik bekommen die Schüler Selbstvertrauen, übernehmen Verantwortung und üben sich in kollektivem Verhalten.“ SchülerInnen sollen so von der Volksschule bis zur weiterführenden Schule nicht nur auf den späteren Beruf, sondern vor allem auf das Leben vorbereitet werden. 2007 führte Schubert erstmals das berufsbildende Fach „Glück“ an einer Heidelberger Schule ein.
Das Konzept findet großen Anklang – auch in der Steiermark. Die Grazer Pädagogin Eva-Maria Chibici-Revneanu legt  die Idee dem Landesschulrat Steiermark vor, 2009 bieten schließlich sechs steirische Pilotschulen Glücksstunden an.

Die lächelnde Erkenntnis. Meine schwarzen Punktaugen verfolgen wieder die 2a von Frau Leinweber. Alle GlücksschülerInnen bekommen einen weißen Zettel auf den Rücken gepickt. „Jeder schreibt jedem etwas Nettes auf den Rücken“, erklärt die Lehrerin. Die Aufgabe scheint den Kindern nicht allzu schwer zu fallen. „Wie schreibt man ‚cool‘?“, fragt ein Bub. Ein anderer erklärt es ihm und wenige Minuten später liest man auf jedem dritten Zettel: „du bist cool.“ Auf anderen Nettigkeitsbögen entziffere ich:  „Mathias ist der beste Freund“, „Glüg“, „Glück“ und „du bist liebe“.
Vollkommen gleich was sie schreiben, man merkt abermals jedem Einzelnen die Aufregung, die Freude und den Elan an. Sie scheinen zu verstehen, warum sie machen, was sie machen. Sie fühlen sich wohl dabei, spielerisch zu hinterfragen, warum sie so handeln, wie sie handeln. Sie denken nach und finden heraus. Während ich beobachte, wie die Kinder herumwuseln, frage ich mich, wie die Zukunft des Schulglücks ausschaut.
Mittlerweile gibt es 48 steirische Schulen, die ihre SchülerInnen glücklich machen wollen. „Trotz des finanziellen Aufwands und der Unsicherheiten rund um das Glückskonzept ist die Resonanz der Schulen und Institutionen gewaltig“, sagt Projektleiterin Chibici-Revneanu. In Zukunft werden fixe Lehrhandbücher ausgearbeitet und der Glücksunterricht auf verschiedene Fachgebiete ausgeweitet.
Ich lächle immer noch. Ich lächle nicht mehr, weil es ins Bild passt, weil es sich so gehört oder weil die Kinder es brauchen. Ich weiß, im echten Leben, auf freier Wildbahn, würde ich elendig eingehen. Darüber mache ich mir jetzt Gedanken.

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