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Haiti in Zeiten der Cholera

Von: Daniela Pamminger

VOR ORT. Erdbeben, Cholera, Wahlbetrug. Wie lebt es sich in einem Land, das aus den Negativschlagzeilen gar nicht mehr herauszukommen scheint? Aus dem Leben einer Caritas-Mitarbeiterin

Seit gut drei Monaten lebe und arbeite ich jetzt in Haiti, in dem wunderschönen Land in der Karibik, aber an ein paar Gegebenheiten gewöhne ich mich nicht. Beispielsweise an diese Brüchigkeit in der Wasserzu- und -abfuhr. Jeder Klo- und Duschbesuch ist begleitet von der Spannung: „Funktionierts? Ja oder nein?“ Dabei: Wir wohnen in einem Haus, in das es nur sehr selten hineinregnet. Wir haben existierende Sanitäranlagen. Mit Schaudern denke ich dann an die Menschen, die etwa in den schrecklichen Slums von Port-au-Prince leben: Wasser bei Regen von oben –, Zeltplanen oder verrostete Wellblechhüttendächer tröpfelnd –, Grundwasser von unten, dazwischen Müll & Dreck & friends.

Lebensquell. Dass sich Haiti nun auch noch in Zeiten der Cholera wiederfindet, ist somit nur begrenzt überraschend, außer dass diese eh ziemlich lang auf sich warten ließ. Und jetzt Menschen manchmal innerhalb von Stunden sterben lässt – je nachdem, ob man es in ein Cholera-Treatment-Centre schafft oder nicht.
Für uns heißt dies beispielsweise auch: zum Zähnebürstln Trinkwasser verwenden, unter der Dusche mit geschlossenem Mund jodeln, einen leichten Händewaschzwang entwickeln etc. Und sich nach Öster­reich sehnen. Zu den Seen mit Trinkwasserqualität. Dem heißen Guss aus der Dusche. Zum allerbesten Getränk, das in jedem Haushalt fast unbeschränkt zur Verfügung steht: Leitungswasser. Um noch viel verwunderter als zuvor an all die Leute zu denken, die Plastikmineralwasserflaschen in Dutzenden nach Hause tragen. Hier in Haiti kriege ich eine Ahnung davon, dass Kriege aufgrund von Wasserknappheit geführt werden. Ohne Strom lässt es sich leben, ohne Wasser schlicht und ergreifend nicht.

Schulfrei. Eine andere Tatsache, die mich hier auch – unter anderem jobbedingt – sehr beschäftigt: In Haiti kann rund die Hälfte der Bevölkerung weder lesen noch schreiben. Das Schulsystem rangiert laut einer vor Kurzem veröffentlichten Studie weltweit auf den hintersten Plätzen, in prominenter Nachbarschaft zum Sudan. „Weniger Staat, mehr privat“ heißt es hier: Ganze acht Prozent der Schulen werden vom Staat betrieben. Jede Privatperson kann eine eigene Bildungseinrichtung eröffnen – ohne dass Standards eingehalten werden müssten. LehrerIn sein ist somit oftmals ein Job, wenn es sonst keinen gibt (die ungefähre Arbeitslosenrate liegt bei 70 Prozent). Staatliches Curriculum: nix. Notwendige Ausbildung und regelmäßiges Gehalt der Lehrenden: selten. Dass eine tatsächlich nennenswerte Bildung somit eher Glücks- und auch Geldsache ist, liegt auf der Hand.
Wie so oft sind es – auch – katholische Organisationen, die da Löcher stopfen, die minimalstes Schulgeld verlangen, ihre LehrerInnen ausbilden, den Kindern warme Mahlzeiten verabreichen, in den wildesten Slumgegenden auch nach persönlichen Übergriffen noch immer nicht die Flucht ergriffen haben ...

Tagwerk. Grundsätzlich ist Haiti ein karibisches Schmuckstück, mit beruhigendem Meeresblau rundherum, mit saftigen grünen Bergen, mit roter Erde. Mit wunderschönen Menschen, die sich beim Tanzen tatsächlich bewegen und beim Singen lauthals trällern und nicht nur den Mund verschämt auf- und zuklappen. Die locker-lässig in Flip-Flops auf Berghängen an uns vorbeiziehen, teilweise mit schweren Wassergefäßen am Kopf und/oder Kindern am Arm. Die Unglaubliches ertragen und dennoch jeden Tag neu aufstehen, um ihrem Tagwerk nachzugehen.
Ja, es leben noch immer hunderttausende Menschen unter Planen und in Zelten. Ja, der Wiederaufbau braucht viel Zeit. Ja, wir „Internationals“ sind nicht immer gern gesehen. Ja, die Verbrechensrate ist oft erschreckend und die Sicherheitsmaßnahmen mühsam. Ja, der Großteil der Haitianer­Innen lebt unter dem Existenzminimum, und ja, PolitikerInnen sind korrupt. Doch so vieles trifft auch auf so viele andere Länder zu. Unter anderem auch auf die gelobte Alpenrepublik. Die es auch als siebtreichstes Land weltweit nicht schafft, die zumindest zehn Prozent armutsgefährdeter Menschen zu inkludieren. In der gerade MigrantInnen als Sündenböcke für „quasi eh alles“ herhalten müssen. Und so weiter und so fort. Wie arm ist DAS eigentlich?  

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