STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2011/Juli 2011/„Reden wir über die Absurditäten“/
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„Reden wir über die Absurditäten“

Von: Annelies Pichler

Interview. Am Rande des Theaterworkshops „Doors“ trafen wir im steirischen Übelbach den schwedischen Erfolgsautor Henning Mankell und Theatermacherin Manuela Soeiro aus Mosambik.

Die Sonne brennt auf das Gelände des Fenster- und Türenherstellers Gaulhofer. Freitagnachmittag. Keine Produktion. Bis auf jene der ganz anderen Art: In Halle 10 wird Theater gespielt. Beim Eingang sitzt Henning Mankell, Autor der weltweit erfolgreichen Wallander-Krimis, und gleich neben ihm Manuela Soeiro, Leiterin und Gründerin des berühmten Teatro Avenida in Mosambik. Beide waren schon 2003 in der Steiermark, als Graz Kulturhauptstadt war und am Schauspielhaus ihre Produktion „Butterfly Blues“ Furore machte. Jetzt, fast acht Jahre später, führte sie eine Produktion ganz anderer Art nach Öster­reich: ein dreiwöchiger Theater-Workshop, den der Unternehmer Manfred Gaulhofer initiiert hatte und dessen Abschluss im vergangenen Juni die öffentliche Aufführung des von Mankell verfassten Stücks „Doors“ darstellte. Noch aber ist es nicht so weit, als wir mit Mankell und Soeiro vor der Halle 10 über das Stück, die Welt und über jene traumatische Erfahrung sprechen, die Mankell als Aktivist genau ein Jahr vor unserem Treffen an Bord eines der Schiffe der „Gaza Flottille“ gemacht hat.  

Herr Mankell, was hat Sie dazu bewogen, bei dieser Produktion mitzumachen?
MANKELL: 2003 haben wir Manfred Gaulhofer als Geschäftsführer der Kulturhauptstadt Graz kennengelernt. Vor zwei Jahren hat er mit Manuela wieder Kontakt aufgenommen und sie gefragt, ob sie Inter­esse an diesem Projekt hat. Uns hat beeindruckt, dass jemand, der einen Industriebetrieb führt, Geld für ein Theaterprojekt mit seinen Mitarbeitern ausgibt. Das nährt die Hoffnung, dass dadurch auch Menschen, die an sich keinen guten Zugang zur Kultur haben, bemerken: Das kann eine gute Investition sein! Also haben wir gesagt: Versuchen wir es. Lassen wir professionelle Schauspielerinnen und Schauspieler aus Mosambik auf die Laiendarsteller der Firma treffen. Stellen wir uns der Frage: „Was ist hinter den Türen?“ Sprechen wir über Absurditäten des Lebens. Das hat allen Beteiligten Spaß gemacht. Von Anfang an. Ein Workshop wie dieser verjagt viele böse Geister – Vorurteile, die einen den Blick auf den anderen verstellt hatten.

Glauben Sie, dass eine Produktion wie die­se auch in Mosambik möglich wäre?
MANKELL: Ja, unbedingt. Nur: Es gibt dort nicht gerade viele Unternehmen, die finanziell dazu in der Lage wären.

Als Straßenzeitung versteht sich das MEGAPHON auch als Teil einer weltweiten Initiative zur Bekämpfung der Armut. Sie engagieren sich sehr für Afrika und leiten ehrenamtlich das Teatro Avenido in Maputo, Mosambik. Sehen Sie Ihr Engagement ebenfalls als Mittel zur Bekämpfung der Armut?
MANKELL: Das ist eine Frage, die ich an Manuela weitergeben möchte.
SOEIRO: Auf jeden Fall. Unsere Aufführungen spiegeln das Leben jener Menschen, auf die Politiker so oft vergessen! Alles, was wir im Theater machen, hält der Gesellschaft einen Spiegel vor.

In Nordafrika haben sich in den vergangenen Monaten bedeutende Protestbewegungen gebildet, die viel bewirkt haben. Wäre so etwas auch in Mosambik denkbar?
SOEIRO: Die jungen Menschen bei uns sehen jetzt ganz klar: Man kann die Welt verändern. Und jene, die sich dafür einsetzen, werden auch in dieser anderen, zukünftigen Gesellschaft leben. Das inspiriert sie. Aber man kann das nicht so einfach vergleichen. Wir haben heute in Mosambik eine recht offene Gesellschaft. Auch wenn es schwer zu glauben ist: Heute ist es bei uns leichter, an Informationen zu kommen, als in Südafrika. Aber wir wissen auch: Das kann sich rasch ändern. Da besteht immer eine gewisse Gefahr. Und unser Präsident hat ja auch erst kürzlich eine deutliche Drohung ausgesprochen.

Herr Mankell, in Ihrer Jugend waren sie selbst sehr rebellisch, sind von zu Hause ausgerissen und sind Ihren eigenen Weg gegangen. Fühlen Sie sich der protestierenden Jugend verwandt?
MANKELL: Für mich ist es ein glückliches Erlebnis mitzubekommen, was die Jungen und auch Ältere in Nord­afrika machen. Wir wissen nicht, wie es ausgehen wird. Aber wir sehen eines. Es wird niemals wieder so, wie es vorher war. Wir erleben einen enormen Wandel in Nordafrika, und Sie können sicher sein, dass die Regierungen in Südafrika genau darauf achten, was da vor sich geht. Es ist wunderbar zu sehen, dass junge Menschen Verantwortung übernehmen wollen.

Auch Sie selbst setzen Aktivitäten. Vor einem Jahr waren Sie als Aktivist auf der Flottille für Gaza. Mit Hilfsgütern beladene Schiffe wollten eine Seeblockade brechen, die Israel nach der Machtübernahme der Hamas eingerichtet hatte. Die Aktion wurde von der israelischen Armee blutig beendet. Neun Menschen starben. Organisiert worden war der Konvoi von einer türkischen Organisation, die der Hamas und islamistischen Gruppierungen nahestehen soll.
MANKELL: Wir haben in Gaza mit der Zivilgesellschaft zusammengearbeitet. Nicht direkt mit dem Hamas-Regime. Der Hamas stehe ich sehr kritisch gegenüber, ich halte sie für sehr reaktionär. Aber es gibt auch Teilorganisationen der Hamas, die reden möchten. Wir wollten eine Reaktion der Zivilgesellschaft. Das Einzige, was ich sagen kann, ist: Es gibt eine Lüge. Dass Leute von unserem Schiff angegriffen haben sollen, ist eine glatte Lüge. Der einzige Angriff kam von den Soldaten, die unser Schiff geentert und neun Menschen getötet haben. Das war eine Piraterie Israels. Sie waren Mörder und Diebe. Ich habe meine Sachen bis heute nicht zurückbekommen. Aber ich stehe der Hamas sehr kritisch gegenüber und hätte nicht teilgenommen, wenn es eine Aktion für die Hamas gewesen wäre. Doch die Okkupation des Gaza-Streifens ist für mich genauso ein System, wie es jenes der Apartheid in Südafrika war. So, wie ich damals solidarisch dagegen aufgestanden bin, muss ich das auch heute tun.

Wird es ein Buch darüber geben?
MANKELL: Ja, das wird es.

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