STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2011/Juli 2011/Frühstück am Grünanger/
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Frühstück am Grünanger

Von: Eva Reithofer-Haidacher

PROBLEMVIERTEL. Von Wohnungsbränden, Ausländerfeindlichkeit und Alkoholexzessen erzählen sie, aber auch von Freiheit und dörflichem Charme. BewohnerInnen der Grazer Stadtviertel Grünanger und Schönau treffen einander donnerstags beim Bio-Brunch, zu dem das Sozialmedizinische Zentrum (SMZ) Liebenau einlädt. Wir waren dabei.

Unter der ausladenden Linde im eingezäunten Garten in der Andersengasse stehen drei Holztische: Auf einem ist ein nettes Frühstücksbuffet angerichtet, am zweiten sitzen ein paar Männer, am dritten Frauen und Kinder. Zwei unterschiedliche Lebenswelten sind hier beisammen und jede hat ihren eigenen Platz.
Von der einen erzählt Konstantin Kurda. Er ist 43 Jahre alt, gibt als Beruf Masseur an und lebt seit 2005 am Grünanger. 187 Euro zahlt er Miete für eine Baracke, die offiziell 32,7 Quadratmeter groß ist. Doch Baracke ist sein liebevoll eingerichtetes Domizil schon lange keine mehr, aus den 30 Quadratmetern sind über 80 geworden, dazu ein großer gepflegter Garten. „Das ist das Schöne am Grünanger“, sagt er, „dem Wildwuchs wird nicht Einhalt geboten, sondern man wird sogar augenzwinkernd dazu motiviert, es nach seinen eigenen Bedürfnissen schön herzurichten.“ Jeden einzelnen Handgriff habe er beim Ausbau selbst gemacht, sogar das Baumaterial eigenhändig gegossen. Geworden ist daraus, was er sein „kleines Paradies“ nennt.
Doch dieses sieht der redegewandte Halb-Russe-halb-Grieche bedroht: „Wenn man weder zu den Junkies noch zu den Alkoholikern gehören will, ist man leider gezwungen, Mauern, Wände, Wälle, Zugbrücken, alles Mögliche zu bauen. Weil es ist ratsam, sich nicht mit den Einheimischen einzulassen, weil sonst kommt man in den Sog ganz leicht rein, dass der Tag schon um 9, 10 Uhr mit einer Kiste Bier beginnt.“ Sein Nachbar etwa schlafe regelmäßig mit der Zigarette ein und musste schon mehrmals von der Feuerwehr gerettet werden. „Deshalb habe ich bei mir eine Feuerschutzmauer auf eigene Kosten einrichten müssen. Es gibt hier Dinge, die eigentlich nicht toleriert gehören, weil es gibt Menschen, die diesen wunderschönen Fleck, der es auch sein kann, nutzen wollen.“
Könnte er sich vorstellen, anderswo in Graz zu leben? Konstantin Kurda verneint vehement: „Nein, um Gottes willen, der Muff ist ja überall in Graz. Den Grünanger als Lebensraum kann man nicht vergleichen mit anderen Wohnghettos sonst, das ist auch jedem hier bewusst.“
Genauso sieht das der ältere Herr neben ihm, der sich mit Dr. Horst Schlosser vorstellt, 71 Jahre alt, Mediziner und Theologe, früher Missionsarzt in Afrika, Buchautor: „Es ist ein freieres, ein ungezwungeneres Leben als in der Stadt und vor allem die Annäherung von Nachbarn findet natürlicher statt.“ Der Brunch am Donnerstag erinnere ihn an eine spanische Fiesta im Freien. Ihm falle nichts Negatives ein, aber er lebe schließlich erst ein halbes Jahr hier.

Am Nebentisch. Die Themen der Frauen sind anders und doch ähnlich, handfester, alltäglicher: die Raufereien am Fußballplatz, die Polizeieinsätze, der Alkoholkonsum der Jugendlichen, der Müll, wo er nicht hingehört. „An der Mur kann man nicht gehen, ich habe so viel Angst, da sind viele Junge mit Alkohol“, sagt Nurgül Atas.
Die 31-Jährige ist die Netzwerkerin in der Community. Sie kommt jedes Mal zum Brunch, wenn es sich zeitlich ausgeht, und bringt Freundinnen, Nachbarinnen, Verwandte mit. Fast alle kommen aus Anatolien, sind gläubige Musliminnen und möchten den österreichischen Männern nicht zu nahe kommen. Weil es in ihrer Kultur nicht gerne gesehen werde, aber auch, „weil mir ihr Sprechen nicht gefällt“, so Nurgül Atas.
Ihre Schwägerin Emine Atas ist mit ihrer Mutter und der einjährigen Tochter da. Sie hat vor Kurzem eine Gemeindewohnung in der Nähe bezogen: „Privat können wir nie eine Wohnung finden, sofort fragen sie: Woher kommen Sie? Sie wollen keine Ausländer.“ Auch auf der Straße werde sie angepöbelt: „Ich höre viele schlechte Wörter über das Kopftuch, meine Religion oder Ausländer; von Menschen, die ich nicht kenne.“ Mehr Offenheit wünscht sie sich, dass die Menschen mehr miteinander reden. Kürzlich habe sie am Freitagabend Besuch gehabt. Niemand habe sich beschwert, doch als die Gäste gehen wollten, erlebten sie Unliebsames: „Meine Cousine hat die Tür aufgemacht und die Polizei steht da. Das war ein Schock.“ Die Nachbarin hatte sie wegen Lärmbeläs­tigung angezeigt.
Ablehnung dort, Annäherung hier. Edeltraud Tscherne sitzt mit den Frauen am Tisch, weil sie vieles wissen möchte: „Mich interessiert alles, wie sie ihr Leben gestalten und wie sie den Tagesablauf machen. Mich haben immer schon alle Kulturen interessiert.“ Nurgül Atas hat sie hier kennengelernt und sie hat sie auch schon zu sich nach Hause eingeladen, gemeinsam haben sie gegrillt. Und bald soll sie wieder kommen und ihr zeigen, wie man diese herrlichen Burek kocht, die sie zum Brunch mitgebracht hat.

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