STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2011/Juni 2011/Warten auf Schwarzarbeit/
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Warten auf Schwarzarbeit

Von: Matthias Alber, Henric Wietheger

ARBEITSTOURISTEN. Filip* kommt aus Bukarest. Wie viele andere Rumänen, die in Graz leben, wartet er am Eggenberger Gürtel auf Arbeit, um sein Leben finanzieren zu können. Für Rumä­-
n­Innen und BulgarInnen wird der österreichische Arbeitsmarkt voraussichtlich erst 2014 geöffnet.

Warten. Die Zigarette qualmt. Die Autos brausen vorbei. Der Asphalt glüht. Die Zigarette erlischt. Zeit verrinnt. Was? Wer? Wann? Wie viel? Wo? Mit wem? – Warten  ist mehr als die Spanne zwischen dem Einen und dem Anderen, mehr als nur Zeitmord. Warten ist zuerst Hoffnung, dann Unsicherheit, schließlich Verzweiflung. Für die Männer vom Grazer Arbeiterstrich ist das jeden Tag aufs Neue bittere Realität. Sie warten, bis jemand stehen bleibt, ihnen Arbeit gibt.  

Filip ist einer von ihnen. Frühmorgens bezieht er Stellung am Arbeiterstrich. Um diese Zeit sind die Chancen am besten, von jemandem abgeholt zu werden. Wer ihm die Arbeit geben wird, ob und wie viel er verdienen wird, das weiß er noch nicht. Er weiß nur, dass er hier stehen muss, um überleben zu können. Von Montag bis Sonntag. Ohne Urlaub und ohne Sicherheit. „Ich brauche nonstop Arbeit“, sagt er nickend und schaut zu Boden, als würde er sich dafür schämen.

Warten auf Arbeit. Filip ist 35 Jahre alt und nutzt seit mehreren Jahren den Grazer Schwarzarbeiterstrich an der Kreuzung Eggenberger Gürtel – Friedhofgasse. Der gebürtige Rumäne hat vor fünf Jahren seine Heimatstadt Bukarest verlassen, um in Österreich Beschäftigung zu finden. Nun steht er mit vielen anderen an der Straße und hofft, dass er mit jemandem mitfahren kann, um für ihn einige Stunden zu arbeiten. Warten, arbeiten, schlafen. Das ist sein Leben. Und wenn er keine Arbeit bekommt, dann verbringt er am nächsten Tag wieder so viele Stunden wie möglich auf Arbeitssuche. „Wenn ich Geld habe, schicke ich es heim zu Mama“, sagt er.

Arbeitstourismus. Der Grazer Arbeiterstrich besteht beinahe ausschließlich aus rumänischen Männern. In Rumänien ist die wirtschaftliche Situation sehr schlecht, wissen Christian Lang und Stefan Bottler von der Notschlafstelle Arche 38. Deshalb gehen viele ins Ausland, um schwarz ihre Dienste anzubieten. Manche bleiben nur für kurze Zeit, manche für mehrere Jahre. Immer wieder sehe man neue Gesichter auf der Straße. „Das sind Arbeitstouristen“, meint Christian Lang, „sie fah­ren alle Wochen oder Monate zu ihren Familien und bringen Geld und auch Kleidung mit.“
Für ArbeitstouristInnen ist die Arche 38 eigentlich nicht zuständig – sie sieht sich als Reintegrationseinrichtung für Obdachlose. Von vielen Menschen werde dies missverstanden. „Da rufen Leute an und wollen, dass wir ihnen Schwarzarbeiter vermitteln“, wundert sich ein Betreuer der Arche 38. „In der Regel haben die meisten Arbeiter ein Zuhause in ihrer Heimat“, in Graz schlafen sie entweder in einer Notschlafstelle oder in eigens angemieteten Kellerwohnungen in der Nähe des Arbeiterstrichs. Manche auch in ihren Autos. Für Arbeitstour­istInnen gibt es keine soziale Unterstützung von Österreich.

Von Montag bis Sonntag. Die Tage verlaufen bei den Arbeitern ähnlich. Gegen sieben Uhr nehmen sie ihre Plätze ein und warten. Potenzielle ArbeitgeberInnen fahren mit ihren Fahrzeugen an den Fahrbahnrand und suchen sich jemanden aus, der ihnen angemessen erscheint. Meist sind es Private, doch auch Firmen begeben sich auf die Suche nach billigen Arbeitskräften. „Jeder will mit, jeder braucht Arbeit“, erzählt Filip. Konflikte oder Gewalt gebe es dabei aber selten, sagt Filip.

Legal auf der Straße. „Seitens der Polizei gibt es selten Einsätze am Arbeiterstrich“, bestätigt Gerhard Lecker von der Bundespolizeidirektion Graz. Die rumänischen Arbeiter sind EU-Bürger und halten sich daher legal in Österreich auf. Wenn sie am Arbeiterstrich stehen, dann befinden sie sich im öffentlichen Raum. Das ist jedem erlaubt. Lediglich bei strafrechtlich relevanten Angelegenheiten wird kontrolliert. Die illegale Beschäftigung ist nicht Sache der Polizei. Dafür zuständig ist die Finanzpolizei des Finanzamts, die Stichproben auf Baustellen durchführt. Viele Schwarzarbeiter, so auch Filip, gehen aus diesem Grund nicht das Risiko ein, für große Firmen zu arbeiten.
Das AusländerInnenbeschäftigungsgesetz hat sich am 1. Mai dieses Jahres geändert, der österreichische Arbeitsmarkt ist nun für BürgerInnen von acht neuen EU-Ländern geöffnet. Für Rumänien und Bulgarien hat das keine Auswirkungen. Für sie wird der Markt voraussichtlich 2014 geöffnet.  

So wie so. Filip hat keinen Beruf gelernt und arbeitet daher als Hilfskraft in sämtlichen Bereichen. Im Schnitt verdiene er sieben bis acht Euro pro Stunde. „Arbeit ist so wie so, manchmal schlecht“, sagt er daumendrehend. Die „schlechten“ Arbeiten sind entweder die gefährlichen oder die mit geringer Bezahlung. Gefährliche Arbeiten nimmt der Rumäne ungern an, da er keinen Versicherungsschutz hat. Und wenn nach getaner Arbeit nicht bezahlt wird? „Der Chef muss zahlen, sonst kriegt er Probleme!“, sagt Filip. Sonst bekomme er Probleme mit der Polizei. Wenn Filip über die Polizei spricht, huscht ihm stets ein Lächeln über die Lippen. Es wirkt, als spiele er mit der Exekutive – Risiko und Schutzgefühl vermischen sich.
„Darf man euch für eine Reportage fotografieren?“, fragt einer der Sozialarbeiter der Arche 38 einen wartenden, älteren Arbeiter. Das Gegenüb­er scheint nicht zu verstehen, fragt auf Rumänisch nach. Sein tiefbrauner Schnauzbart passt farblich zur ausgewaschenen Haube auf seinem breiten Kopf. Während der Sozialarbeiter sein Anliegen wiederholt, versammeln sich vier weitere auf Arbeit wartende Rumänen um ihn. Die Situation wirkt bedrohlich. Der Mann mit dem Bart versteht schließlich, winkt ab und erklärt dem Rest der Wartenden im Davonlaufen, was Sache ist. Bedrohlich? Plötzlich spürt man die Vorsicht und Furcht der Männer.

Zukunftslos. „Der österreichische Mann ist ein korrekter Mann“, sagt Filip. Er ist zufrieden mit seiner Wahl, hierhergekommen zu sein. Seine Zukunftspläne? Er hat keine. „Sitzen und warten“, sagt er. Langsam wird er ungeduldig – die Arbeit ruft. Er müsse hinaus, er müsse warten. Er wird wieder so lange an der Straße stehen, bis ihn jemand mitnimmt. Das kann Minuten dauern oder Stunden oder Tage.
Die Zeit läuft wieder. Eine neue Zigarette qualmt. Der Autostrom reißt langsam ab. Die Farben verblassen. Die Sonne sinkt. Der Asphalt dampft. Die Zigarette erlischt. Morgen ist auch noch ein Tag.

Name von der Redaktion geändert

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