STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2011/Juni 2011/Zug um Zug /
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Zug um Zug

Von: Eva Reithofer-Haidacher

KÖNIGSSPIEL. Es muss nicht immer Fußball sein. Auch im Schachsport feiern junge Menschen mit Migrations­hintergrund beachtliche ­Erfolge. Bardhyl Uksini und Mina Monadjem
sind zwei davon.

Bei seinem ersten Meisterschaftsspiel musste der Knirps auf den Sessel klettern, um zum Schachbrett zu gelangen. Sieben Jahre war Bardhyl Uksini damals alt. Heute, drei Jahre später, reicht das sommersprossige Lausbubengesicht unter dem rötlichen Haarschopf immer noch nicht weit über die Tischkante hinaus, doch die Erfolge können sich bereits sehen lassen: Im vergangenen Jahr hat der Viertklässler 200 Elo-Punkte, mit denen die Spielstärke gemessen wird, dazugewonnen. „Das ist in seiner Spielstärke sensationell“, erklärt Herbert Wippel vom Landesverband des österreichischen Schachbundes. Allein bei den österreichischen Meisterschaften in Wien im April hat Bardhyl 40 Elo-Punkte zugelegt.
In seiner Altersklasse gibt es nur zwei in ganz Österreich, die solche Leistungen erbringen. „Ein Wunderkind“, sagt Vater Zekirja Uksini stolz. 2009 war er mit seinem Sohn bei der Weltmeisterschaft in der Türkei, wo der Junior in elf Partien sechs Punkte gemacht hat. „Ziemlich gut“, meint Papa Uksini. Aber es sei schwierig für den Kleinen gewesen, bis in die Nacht hinein zu spielen. „Manche Spiele haben bis nach Mitternacht gedauert. Er ist es aber gewohnt, um 10 Uhr zu schlafen.“

Gegen vier Computer. So manches ist anders im Leben des kleinen Genies. Statt Fernsehen steht Schachspielen am Tagesprogramm des Zehnjährigen, zwei bis drei Stunden täglich. Mangels qualifizierter Gegner­Innen spielt Bardhyl oftmals gegen bis zu vier Computer; am Wochenende kommt ein internationaler Schachmeister zum Training ins Haus. Mittwochs und donnerstags geht es zum Jugendtraining des Landesverbandes, an zwei Tagen in der Woche zusätzlich zum Treffen in den Schachverein. Trotzdem bleibt dem ehrgeizigen Buben noch Zeit, hin und wieder Fußball und Tischtennis zu spielen. „Auch da bin ich gut“, sagt er selbstbewusst.
Die drei älteren Geschwister helfen, dass er den Anschluss in der Schule nicht verliert. Im Herbst kommt Bardhyl ins Gymnasium. „Ohne Schule ist nix“, Zekirja Uksini möchte unbedingt, dass seine Söhne studieren. Der Albaner ist vor 20 Jahren aus Mazedonien eingewandert. Im ehemaligen Jugoslawien hatte der Schachsport einen weit höheren Stellenwert als in Österreich. Doch heute gebe es in seinem Heimatland „nur Armut, kein Geld für Spiele“, so Zekirja Uksini.

Keine Unterschiede. Viele Mi­grant­­Innen aus Ost-, Südosteu­ropa und aus den ehemaligen Sowjetrepubliken sind exzellente Schachspieler­Innen. In der Sowjetzeit war Schach nicht nur ein Volkssport, es konnte auch an der Universität studiert und damit der Lebensunterhalt verdient werden.
Herbert Wippel bedauert es, dass der Denksport in Österreich kaum öffentlich wahrgenommen wird: „Bei uns ist es ein großer Zufall, an Talente zu kommen. Leichter wäre es, wenn Schach ein Breitensport wäre.“ Als kostengünstiger Sport ohne Unfallrisiko hätte es durchaus die Voraussetzungen dafür. Und auch die Herkunft spielt keine Rolle: Wer ein Jahr in der Steiermark gemeldet ist und für kein anderes Land spielt, wird bei den österreichischen Vereinsmeisterschaften InländerInnen gleichgestellt. Hat doch das Spiel selbst seine Ursprünge in verschiedenen Weltgegenden und enthält Elemente aus indischen, persischen und chinesischen Kriegsspielen.

Unerwartete Züge. Der Begriff Schach stammt vom persischen„Shah“, König. Das weiß Mina Monadjem ganz genau – und auch, dass der Läufer im Persischen Elefant heißt. Der Vater der 16-Jährigen kommt aus dem Iran, die Mutter aus dem Libanon. Die Grazer Gymnasiastin ist eines von wenigen Mädchen, die der Faszination des Schachsports erliegen. Und bestätigt auch gleich die Annahme, dass strategisch die männliche und taktisch die weibliche Spielweise ist. „Meine Lieblingsfigur ist der Springer“, sagt sie, „da hüpft man so schön.“ Völlig unerwartete Züge können den Gegner aus dem Konzept bringen. Bardhyl hingegen, ganz Stratege, bevorzugt den geradlinigen Läufer.
Mina Monadjem war die Drittplatzierte ihrer Altersgruppe bei den Bundesmeisterschaften und darf im November zu den Weltmeisterschaften nach Brasilien reisen. „Cool“ finden das ihre FreundInnen und bewundern sie dafür. Sie selbst ist oft hin- und hergerissen zwischen dem „normalen“ Leben eines Teenagers und den Anforderungen an eine Spitzenschachspielerin. Hip-Hop-Tanz, Klavierspielen und Schule – wie noch das Schachspiel unterbringen? „Andere trainieren viel mehr. Manchmal wünschte ich schon, ich hätte mehr Zeit investiert“, sagt Mina nachdenklich. Das unerwartet gute Abschneiden bei den vergangenen Meisterschaften hat sie neu angespornt. Mit Eva Moser, der besten Schachspielerin Österreichs, als Trainerin geht es nun Richtung Brasilien. Ein Mädchen mit persischen und arabischen Wurzeln auf dem Weg nach Südamerika, um ein mitteleuropäisches Land zu vertreten. Den Erfindern des Schachspiels hätte das sicher gefallen.

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