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Lasst mich hier sitzen!

Von: Christian Maier

BETTELVERBOT. Zoltan Z.* ist Roma und bettelt seit 15 Jahren in Graz. Wenn am 1. Mai das Bettelverbot in Kraft tritt, stehen er und seine Familie vor dem Nichts.

In der Nacht, bevor der Landtag das Bettelverbot beschloss, schlief Zoltan Z.* nur vier Stunden. Bis zwei Uhr in der Früh sprach er mit ein paar Bettlern im VinziNest über das, was sie jetzt tun konnten. Die Diskussion begann sich rasch im Kreis zu drehen, eine richtige Idee hatte niemand. „Wollen die Politiker, dass wir verhungern?“, fragte Zoltan Z. resigniert.
Es passiert dem 45-jährigen Mann aus Hostice nicht zum ersten Mal, dass sich sein Leben durch äußere Einflüsse dras­tisch verschlechtert. Als vor 20 Jahren der Kommunismus in der Slowakei zusammenbrach, verlor der Roma erst die Möglichkeit, kostenlos einen Arzt aufzusuchen, und wenig später seinen Job als Hilfsarbeiter. Um seine Familie zu ernähren, begann er zu betteln. Erst in Süddeutschland und der Schweiz, 1996 entdeckte er schließlich Graz, wo er bis heute geblieben ist.

Großzügigkeit am Anfang. Gründe dafür waren, so Zoltan Z., die Nähe zur Slowakei, das milde Grazer Klima und das VinziNest, in dem er kostenlos schlafen kann. Zu Beginn hätten die GrazerInnen auch großzügig gegeben, sodass an guten Tagen mehr als 350 Schilling zusammenkamen. Heute sei das anders. Manchmal würden sich nach zehn Stunden Betteln nur 15 Euro in seiner Kappe finden.
Schuld daran sei neben der Wirtschaftskrise auch der Euro, so Zoltan. Als die Währung 2002 in Österreich eingeführt wurde, begannen die Menschen, den Münzen mehr Beachtung zu schenken, und spendeten weniger. Noch härter traf es den Bettler 2009, als die Slowakei ebenfalls den Euro einführte. Fortan gab es keine günstigen Wechselkurse mehr, zudem stiegen die Preise für Lebensmittel.  

Am Ende das Nichts. Im Mai, wenn das Bettelverbot in Kraft tritt, wird Zoltan Z. kein Einkommen mehr haben. Wovon er dann leben soll, weiß er nicht. Der Bettler hofft, dass der Verfassungsgerichtshof das Gesetz kippt, da es gegen die  Grundrechte verstößt – eine entsprechende Klage hat Pfarrer Wolfgang Pucher angekündigt. „Sollte es halten“, sagt Zoltan Z., „kann ich meine Familie nicht mehr ernähren.“
210 Euro – so viel erhält Zoltan Z. vom slowakischen Staat für sich, seine Frau und seine zwei schulpflichtigen Kinder. „Das reicht nicht zum Leben“, meint der Roma. Wenn er alle zehn Tage mit den hier erbettelten Münzen nach Hostice fährt, kauft er Holz zum Heizen und billige Lebensmittel wie Kartoffeln und Kraut. Wie seine Familie ohne dieses Geld über die Runden kommen soll, weiß er nicht.
Und dann wird Zoltan Z. wütend: „Die Politiker sollen eine Woche lang mein Leben führen, bevor sie so ein Verbot beschließen. Ich verlange von ihnen ja nichts: kein Auto, kein Haus, keinen Luxus. Ich will nur still in Graz sitzen und um Münzen bitten.“ Dass Betteln menschenunwürdig sei, hält er für ein vorgeschobenes Argument, um die Roma zu vertreiben. „Ist es menschenwürdig, zu hungern und zu frieren? Wenn es den Politikern um unsere Würde ginge, würden sie uns Arbeit geben.“    
Name von der Redaktion geändert

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