STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2011/März 2011/Im Simulator/
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Im Simulator

Von: Angelika Reitzer

Gedanken der österreichischen Autorin Angelika Reitzer zum 100. internationalen Frauentag

Ich habe lange gezögert, ein Buch über die Frau zu schreiben. Das Thema ist ärgerlich, besonders für die Frauen; außerdem ist es nicht neu. Im Streit um den Feminismus ist schon viel Tinte geflossen, zurzeit ist er fast beendet.

Diese Zeilen eröffneten 1949 eine mittlerweile zum Kultbuch avancierte Schrift, über die man eher spricht, als dass man sie liest. Die Autorin Simone de Beauvoir vermutete (oder erhoffte) das Ende des Streites um den Feminismus in dem soeben in Frankreich eingeführten Frauenwahlrecht – rund 150 Jahre, nachdem ihre Landsfrau Olympe de Gouges für die „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ 1791 auf der Guillotine landete und zirka ein halbes Jahrhundert nach Österreich oder den Vereinigten Staaten. Es war auch das Frauen­wahlrecht das Hauptanliegen der Aufmärsche von Frauen seit 1911: ein besonderer, internationaler Kampftag für das Recht der Frauen auf politische Mitbestimmung.

Dürfen die Frauen erst einmal wählen, passiert der Rest von selber. Diese Annahme teilten die frühen Feministinnen (Frauenrechtlerinnen) mit der Philosophin Beauvoir – und irrten leider.

Es hat sich natürlich einiges getan (auch in der Politik: schwangere Minis­terinnen und weibliche Regierungschefs waren doch lange undenkbar, und über eine Frauenquote in Führungsetagen und Aufsichtsräten wird zumindest gestritten), aber –.

Am 19. März 1911 kamen aus den verschiedenen Wiener Bezirken 20.000 Menschen am Ring zusammen (nicht nur Frauen) und forderten mehr Rechte für die Frauen. Der Internationale Frauentag hat eine gemeinsame Vergangenheit mit der Sozialistischen Partei, später auch der KPD, zwischen 1933 und ’45 war er eher so etwas wie ein Muttertag der Nationalsozialisten und erst mit der Frauenbewegung Ende der 60er oder 70er wurde er wieder gefeiert (in der DDR angeblich immer noch ein bisschen Muttertag-artig) bzw. vielleicht eher begangen. In Russland und Italien bekommen Frauen am 8. März Mimosen geschenkt, vor allem die Italienerinnen wissen den Tag ausgelassen zu feiern. Auch wenn die Wahl der Mimosen weniger mit deren Ruf als schamhafte Reizpflanze (die im Übrigen sehr giftig ist) zu tun hat als mit ihrer frühen Reifezeit: Sie ist dennoch ein passendes Accessoire für das Grundparadoxon des Feminismus.
Als Frauen müssen wir uns artikulieren, um gleich­­­zeitig darauf hinzuweisen, dass nicht nur unser Frausein eine Rolle spielt. Konzentration auf das Andere, aber dennoch nicht Reduktion darauf!

Die Anliegen der Frauen waren immer auch solche für alle, und der Frauentag war einmal mit Forderungen nach Weltfrieden und Abrüs­tung, dann wieder nach Menschenrechten für Iraner und Iranerinnen verbunden. Dieser 8. März ist natürlich ausgezeichnet geeignet, dass Politiker und -innen ihre Floskeln zu Familie & Co von sich geben. Forderungen, die meistens schneller verblühen als die roten Nelken im Revers. Und die Frauen? Die jungen Frauen auf der Straße? Es gibt natürlich weiterhin Frauen, die sich als Feministinnen verstehen, Anarcho-Bloggerinnen und Piratinnen on- und offline usw. Aber den meisten jüngeren Frauen und Mädchen wäre es aus verschiedenen Gründen doch eher peinlich, explizit für Frauenanliegen auf die Straße zu gehen. Für viele von ihnen ist Feminismus eine historische Kategorie wie der Zweite Weltkrieg oder die Anfänge des Pop. Einmal, weil sie davon ausgehen, dass sie die gleichen Rechte haben wie ihre männlichen Altersgenossen.

Und auch deshalb, weil sie natürlich genau wissen, wie unsexy es ist, ein Opfer zu sein.

Das Letzte, eigentlich. Es gab noch nie so viele gut ausgebildete Frauen wie heute und die sind mit einem exzellenten Selbstbewusstsein ausgestattet.

In ihrem berühmten gleichnamigen Essay forderte die Schriftstellerin Virginia Woolf ein „Zimmer für sich allein“ für die Frau: einen Raum zum Schreiben, um so leben zu können, wie sie selber es möchte. Diesen Raum, in allen öffentlichen und privaten Bereichen, haben Frauen aber immer noch nicht zu hundert Prozent, wenn sich die Zahl der Uni-Absolventinnen z.B. nicht annähernd in den Professorenrängen widerspiegelt – vielleicht ist das ja ein Grund, auf die Straße zu gehen und bei dieser Gelegenheit auch gegen das Bettelverbot und für eine Schule für alle zu streiten. „Im Fall des Raums, den sie da bekommen und schon wieder beinahe genommen bekommen hat, wenn nicht ein Wunder geschieht, kann man auch sagen: hinausgeworfen, enteignet.“ So nüchtern-realistisch sieht es Elfriede Jelinek in ihrem Aufsatz „Frauen“ aus dem Jahr 2000.

In diesen Tagen ist wieder einmal eine Diskussion entflammt, ausgelöst von der Streitschrift einer deutschen Journalistin, die den Frauen ihre Chancenungleichheit vorwirft – auch dies ein Argument, das regelmäßig wiederkehrt.

Frauen seien nicht Opfer, sondern Kollaborateure des Systems, was ich im Hinblick auf die realen Bedingungen für z. B. berufstätige Frauen und Mütter als einigermaßen zynisch empfinde.

Wie überhaupt die Feminismus-Debatte eine stetig wiederkehrende ist. War es vor rund drei Jahren der sogenannte Wellness-Feminismus, so ist es diesmal 100 Jahre Internationaler Tag der Frauen. Diese Debatten und Diskussionen sind reine Scheingefechte, Simulationen.
Denn worüber gesprochen werden muss, sind Frauen und Männer – Menschen eben, wir: unsere Gesellschaft.

Es wäre doch schön, wäre dieser Tag ein Tag zum Feiern zum wirklich wilden Feiern oder einer der Forderungen, die dann aber so vorgetragen werden müssten, dass alle diese Forderungen ernst nehmen müssten. Das lässt sich aber nicht innerhalb einer Feierstunde oder eines Tages erledigen. Solange ich auf imaginierten wie realen Bildern weiterhin Frauen sehe, die Abwesende sind in ihrem eigenen Leben, sind wir nicht angekommen – noch lange nicht.

Der wirkliche Skandal bleibt, dass heute noch Frauen für ihre Rechte auf die Straße gehen müssen: gleicher Lohn für gleiche Arbeit, genügend und gute  Kinderbetreuungseinrichtungen, halbe-halbe in allen Bereichen des privaten wie des öffentlichen Lebens. In allen. Immer noch werden Frauen in der Öffentlichkeit anders wahrgenommen als Männer. Ich habe großen Respekt vor dem öffentlichen Raum – seine Wirkung für demokratische Grundrechte wurde gerade eben wieder eindrucksvoll vorgeführt.

Simulatoren werden eingesetzt, wenn dasselbe Verfahren in der Realität zu gefährlich, zu aufwändig, zu kostspielig ist, bzw. in der Piloten-Ausbildung. Aber Debatten, die nur geführt werden, sind erstens uninteressanter als das echte Leben und führen, zweitens, kaum irgendwo hin. Politik hat auch etwas mit Alltag zu tun – Feminismus auch. Wenn ich heuer also beim Marsch der 20.000 lauter junge wilde Frauen (und natürlich auch ältere …) sehe, die zornig aufs Parlament zumarschieren und sich gegen Korruption und sozial ungerechte Politik wenden (und für eine Quote sowieso), dann, ja dann.

Aber solange der Internationale Frauentag eine Institution ist, die
es gilt, eben auch heuer wieder – heuer vor allem, heuer ganz besonders feierlich! – zu begehen, kann ich nicht daran glauben. Das sind doch nicht einmal Flug­übungen!

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