STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2011/November 2011/Ein Volk von Staatenlosen/
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Ein Volk von Staatenlosen

Von: Anna Maria Steiner

HEIMATLOS. Von Vertreibung und Entwurzelung geprägt sind die Lebensgeschichten von PalästinenserInnen. 120 von ihnen leben in der Steiermark – und viele treten auch hierorts für einen eigenen Staat ein, über den die Vereinten Nationen demnächst abstimmen.

Mehr als sieben Jahre hat er im Flüchtlingslager verbracht – aber nun ist er hier in Österreich. Waleed Al-Hussein, Obmann der Palästinensischen Gemeinde Steiermark, deutet auf den jungen Paläs-tinenser neben ihm: Yousef Shoshari, der fließend Deutsch spricht, ist Anfang 2009 nach Österreich gekommen, studiert im vierten Semester an der Uni Graz Translationswissenschaften und ist seit Kurzem Vorsitzender der Palästinensischen Studierenden in Graz. Gemeinsam mit anderen engagiert sich der syrische Palästinenser für Studierende in der Steiermark, die zwar palästinensische Wurzeln haben, jedoch kein eigenes Land.

Konfliktreich. Wieder einmal war Palästina jüngst Gegenstand der medialen Diskussion, auch in Öster-
reich. Am 23. September nämlich stellte Palästinenserpräsident Mahmud Abbas an die Vereinten Nationen offiziell den Antrag auf die Vollmitgliedschaft seines Landes. Wird diesem Anfang November stattgegeben, gilt Palästina bald offiziell als eigenständiger Staat – ein Wunsch, den auch die in Graz lebenden PalästinenserInnen seit Jahren hegen. Neben ihren kulturellen Angeboten wollen sie vor allem auf die politische Lage in ihrer Heimat aufmerksam machen, und diese ist auch nach 60 Jahren konfliktreicher Geschichte noch immer brisant.

Wer wie Yousef Shoshari und Waleed Al-Hussein palästinensische Wurzeln hat, kann mehr als nur eine Geschichte erzählen, die von Vertreibung oder, im Falle der jüngeren Generation, von Entwurzelung handelt. Denn der überwiegende Teil aller PalästinenserInnen, deren Zahl weltweit auf 9,4 Millionen geschätzt wird, lebt außerhalb Palästinas. „Wir brauchen ein eigenes Land“, verdeutlicht Gemeinde-Vorsitzender Waleed Al-Hussein, der 1990 nach Österreich gekommen ist und ursprünglich aus einem 48er-Gebiet stammt. Damit werden im palästinensischen Sprachgebrauch jene Gebiete Palästinas genannt, auf denen im Jahr 1948 der Staat Israel errichtet wurde und wo aktuell an die anderthalb Millionen PalästinenserInnen formal als israelische StaatsbürgerInnen leben.

3,7 Millionen wiederum bewohnen das sogenannte 67er-Gebiet, das die von Israel im Sechs-Tage-Krieg des Jahres 1967 besetzten Gebiete des Westjordanlandes (Westbank) und des Gaza-Streifens umfasst. Wie die restlichen mehr als vier Millionen PalästinenserInnen, von denen der größte Teil in Jordanien lebt, darüber hinaus aber auch in europäischen Ländern, in den USA, Kanada und Ländern des arabischen Raumes, so dürfen auch sie sich nicht frei in der Welt bewegen. Denn wer in Palästina geboren ist, dem bieten sich nicht nur spärliche Möglichkeiten, Familienmitglieder wiederzusehen – es bleibt auch die Rückkehr in die Heimat untersagt.


Ausgeschlossen. Wie für alle Vertriebenen gestaltet sich die soziale Lage für PalästinenserInnen als sehr schwierig und hängt ab von den Bedingungen des jeweiligen Landes, in dem sie leben. „Da ich im Libanon geboren bin und meine Eltern im Zuge des Krieges 1982 nach Damaskus flüchteten, durfte ich dort zwar studieren, aber faktisch bin ich wie alle im Libanon lebenden Palästinenser von der Ausübung von mehr als 70 Berufen ausgeschlossen.“ Der seit einem Monat in Österreich lebende Kulturwissenschaftler Abdullah Haddad engagierte sich bereits im Libanon für seine Landsleute und arbeitete viele Jahre ehrenamtlich in der Jugendarbeit mit Flüchtlingen im nahe Beirut gelegenen Palästinenserlager Ein El Helwe, wo auf einer Fläche von nur einem Quadratkilometer an die 100.000 Menschen leben.

Das Bedürfnis, in Österreich über Zustände wie diesen zu berichten, verbindet Abdullah Haddad mit der vor Ort tätigen Palästinensischen Gemeinde Steiermark. Im Jahr 1995 von Waleed Al-Hussein und anderen gegründet, will diese nicht nur den 120 PalästinenserInnen in der Steiermark die eigene Kultur wie etwa den traditionellen Dabke-Tanz näherbringen, sondern auch den interkulturellen Austausch vor Ort fördern.


Getrennt. Damit auch ich etwas lerne, hält mir der 20-jährige Ahmed, Neo-Telematik-Student und seit Februar in Graz lebender Palästinenser, einen Schlüsselanhänger hin, den ein Comic-Männchen ziert: Handala, so sein Name, sei das Symbol für die Vertreibung des palästinensischen Volkes. Barfuß und mit abgewandtem Gesicht Richtung Palästina blickend dargestellt, möchte er einen Blick über die von Israel errichtete Mauer erhaschen, mit deren Bau die israelische Regierung im Jahr 2003 begonnen hat. Der bis zu acht Meter hohe Wall, der nicht nur palästinensische Bauern von ihren Feldern trennt, sondern auch Familien auseinandergerissen hat, soll in den kommenden Jahren fertiggestellt sein.

Wenn die Grazer PalästinenserInnen den Bau auch nicht aufhalten können, so wollen sie ihn zumindest ins Bewusstsein der ansässigen Bevölkerung bringen und inves-tieren mittels Info-Tischen viel Zeit in Informationskampagnen. Worüber die österreichische Bevölkerung denn unbedingt informiert werden müsse, frage ich die Aktivisten hinter ihrem mit Palästinenser-Tüchern und Infobroschüren geschmückten Stand. „Wichtig ist derzeit, dass die Menschen hier über das laufende UN-Referendum Bescheid wissen. Palästina muss ein eigener Staat werden“, tönt es mir einstimmig entgegen. Bis zur endgültigen Entscheidung aber wird Handala sein Gesicht wohl weiterhin abwenden und versuchen, einen Blick hinter die Mauer zu erhaschen in das Land, aus dem er 1948 vertrieben wurde und über das zu informieren die Palästinensische Gemeinde Steiermark nicht müde werden wird …

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