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Herwig Höller

Streitfall. Nicht nur eine Frage der großen Energiepolitik: Die Auseinandersetzung um die Staustufe Puntigam ist auch eine Frage des Marketings.

Stübing, Gratkorn, Graz-Puntigam, Gössendorf und Kalsdorf: Es sind stolze fünf Wasserkraftwerke an der Mur, die die Energie Steiermark AG (Estag) und die Verbund AG gemeinsam planen und im Falle von Gössendorf und Kalsdorf auch bereits bauen. Ihre Errichtung ist politisch hochgradig aufgeladen, es geht um Fragen der Energiepolitik und des Umweltschutzes. Aber zuletzt vor allem in Graz auch darum, die öffentliche Meinung dem Projekt gewogen zu halten.

Doch zunächst zur großen Politik und dafür eine kleine Zeitreise. Wir schreiben den 15. November 2005 – Landeshauptmann Franz Voves (SPÖ) ist gerade kurz im Amt und wird im Landtag von der ÖVP heftig wegen einer geplanten Strompreiserhöhung seitens der Estag attackiert. Voves schlägt zurück und wirft der ÖVP vor, die Estag-Wasserkraftwerke im Jahr 2001 an den Verbundkonzern abgetreten zu haben: „Das war der größte Hirnschuss in der steirischen Energiepolitik.“ Deshalb habe man, beklagte der Landeshauptmann, keinen Einfluss mehr auf die Preisgestaltung.
Die Estag selbst, drei Viertel gehören dem Land, ist dabei politisch stets von doppelter Bedeutung: Einerseits sind Voves und Co. an hohen Gewinnen des Energiekonzerns interessiert, die zu einem Gutteil in das Landesbudget fließen. Andererseits kämen (zu) hohe Stromkosten bei den WählerInnen nicht gut an.

In der aktuellen Diskussion ist es die künftige Stromversorgungersorgung, die als zentrales Argument für die Pläne von Stübing bis Kalsdorf gilt: Zwischen 1995 und 2005 ist der steirische Stromverbrauch um 30 Prozent angestiegen. Die fünf neuen Murkraftwerke würden jährlich 350 Gigawattstunden und somit mehr als drei Prozent des aktuellen steirischen Stromverbrauchs generieren – und das, so wird argumentiert, auf umweltfreundliche Weise. Ansonsten müsse eben diese Elektrizität mit schmutzigeren kalorischen Kraftwerken hergestellt oder gar, so suggeriert der steirische Konzern, „Atomstrom“ aus dem Ausland importiert werden – das kommt nach Fukushima nicht gut. Gleichzeitig würde die Errichtung aber auch tausende Arbeitsplätze schaffen.

„Rettet die Mur“. Während es mit den zwei im Bau befindlichen Anlagen im Süden von Graz keine größeren
Probleme gab und für Gratkorn im Norden von Graz demnächst eine Entscheidung für die sogenannte Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) ansteht, gehen in der Landeshauptstadt die Wogen hoch. GegnerInnen prangern die massive Schädigung einer lieb gewonnenen Natur- und Kulturlandschaft an – und das für lediglich 74 Gigawattstunden mehr Stromproduktion, das sind 0,7 Prozent des jährlichen Stromverbrauchs im Bundesland. Monatelang haben deshalb AktivistInnen, bisweilen an der Grenze zur Pietätlosigkeit, mit Meeren von Grabkerzen gegen die geplante Staustufe in Puntigam protestiert. Es formierte sich eine Bürgerinitiative namens „Rettet die Mur“. Namhafte MusikerInnen der Stadt, darunter Lothar Lässer, Sandy Lopicic und Son of a velvet Rat, haben mit „La Mur – Auf- und Abgesänge an einen Fluss“
einen einschlägigen Soundtrack produziert. Und zuletzt war im Annenhofkino der Dokumentarfilm „Murtreiben“ zu sehen: Regisseur Bernhard Lukas stellt hier die Mur in Graz und ihre unmittelbare Umgebung als eine faszinierende Gegend dar, die von schillernden wie sympathischen Gestalten frequentiert wird.
Gerade im Umfeld der Grazer Kulturszene hat die Mur, die in den Achtzigerjahren noch äußerst verschmutzt gewesen war, zuletzt eine rasante symbolische Aufwertung erfahren. Graz 2003 verankerte hier Vito Acconcis Murinsel, KünstlerInnen erklärten sich zu „Murpiraten“. Und bereits 2002 feierte der britische Independent Graz als Surferparadies ab – die zwei Wellen an Haupt- und Radetzkybrücke würden der geplanten Aufstauung des Flusses, die fast bis zur Murinsel reichen soll, in jedem Fall zum Opfer fallen. Dem aktuellen Widerstand schlossen sich aber
auch ExponentInnen der Ökobewegung an, UmweltschützerInnen befürchten massive Einschnitte für die Flora und Fauna. Etwa dass es dem Huchen, einem geschützten Lachsfisch, an den Kragen gehen könnte. Nicht zu vergessen die sozialdemokratischen Arbeiterfischer, deren Präsident, der SPÖ-Politiker Günther Kräuter, kürzlich eine Überprüfung des Projekts durch den Rechnungshof forderte.
Und auch die Grazer Grünen von Vizebürgermeisterin Lisa Rücker agitieren gegen die Staustufe, Rückers Koalitionspartner, ÖVP-Bürgermeister Siegfried Nagl, spricht sich hingegen dafür aus. Nagl hatte zunächst gar eine Volksbefragung angekündigt, diese Pläne aber später wieder abgeblasen.

Schiffe auf der Mur? Und was tut die Estag? Der Stromkonzern setzt auf überbordendes Marketing. Und kauft
massiv Werbeflächen ein – zuletzt etwa auf den Spielerhosen von Fußballmeister SK Sturm. Oder streut Mur-Visionen unters Volk. Gleichzeitig mit einer Pressekonferenz von KraftwerksgegnerInnen erklärte etwa Estag-Vorstand Oswin Kois im Sommer, dass er sich eine Aufnahme der Murschifffahrt bereits 2015 vorstellen könne. All diese PR-Bemühungen passieren, obwohl zumindest, so verkündet der Konzern auf seiner Homepage, 85 Prozent der GrazerInnen sich für die Staustufe aussprechen würden. Auf der Homepage finden sich auch zahlreiche  Testimonials, die bisweilen skurril klingen. Während Sturm-Kicker Mario Haas es zum Beispiel gut findet,
dass neue Freizeitmöglichkeiten an den Murufern entstünden, freut sich Hotelier Florian Weitzer unter anderem über einen höheren Wasserpegel. Und Antiquitätenhändler Bernd Holasek sekundiert, dass durch diesen Pegel ein historischer wie wünschenswerter Zustand wieder hergestellt würde.
Aber trotz seiner aufwändigen Öffentlichkeitsarbeit geizt der steirische Stromkonzern mit harten Fakten und agiert dadurch bisweilen intransparent. Denn während KraftswerksgegnerInnen die gesamte Estag-Einreichung für die sogenannte Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP), ein paar tausend Seiten, im Internet publizierten, suchte man UVP-Detailinfos auf www.e-steiermark.com vergeblich. Aber auch auf manche zweifelsohne relevante Fragen findet man bei der Estag keine Antwort. Etwa zum Mischwasser: Bei zu starken Regengüssen schwappt derzeit vermischtes Ab- und Regenwasser in den Fluss, bei einer aufgestauten Mur wäre das ein noch massiveres Problem für die Wasserqualität. Ohne neuen Kanal ist die Staustufe daher kaum zu realisieren. Favorisiert wird ein „Zentraler Sammelkanal“, an dem die Stadt Graz seit längerer Zeit plant und der selbst dutzende Millionen Euro kosten könnte. Ist hier geplant, die Kosten zwischen Estag und Stadt zu teilen? Estag-Pressesprecher Urs Harnik verweist auf die Stadt, die aber selbst noch nichts Genaues weiß. Die nvestitionssumme für das Murkraftwerk in Graz mache, so erklärt Harnik, 95 Millionen Euro aus: „Die Kosten für die von Anrainern und Dialoggruppen mit Recht eingeforderte Informationsarbeit liegen dabei weit unter dem für derartige Projekte üblichen Rahmen.“

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Von: Andreas Goritschnig
[2011-10-20 01:27:02]
antworten

Bitte

Liebe/r Administrator/in der Kommentare, ich bitte um Kontaktaufnahme unter der angegebenen  da scheint was nicht zu " funktionieren", besten Dank, AG
Von: Andreas Goritschnig
[2011-10-18 20:59:19]
antworten

Kommentar davor betreffend

Guten Tag, also falls Sie meinen Kommentar nicht schauten sollten hätte ich ihn (da nicht gespeichert) wenigstens gerne zurück, besten Dank, Andreas Goritschnig
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