STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2011/Oktober 2011/Von einem, der auszog, sein Land zu verändern/
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Von einem, der auszog, sein Land zu verändern

Von: Eva Reithofer-Haidacher

CHANGE. Auf ihrer Reise durch Nigeria hat MEGAPHON-Redakteurin Eva Reithofer-Haidacher in
Uromi Halt gemacht. Und dort den früheren MEGAPHON-Verkäufer Frederick Akhelumele getroffen. Heute will er seine Heimat mitgestalten: als Schuldirektor und angehender Politiker.

Die ersten hundert Kilometer von Benin City, der Hauptstadt des Edo State, ins nordöstlich gelegene Uromi gehen flott dahin: vorbei an StraßenhändlerInnen, Wäldern und bombastischen Gebäuden, die unterschiedlichen christlichen Kirchen gehören. Manchmal ist auch ein Haus zu sehen mit der Aufschrift: „This house is not for sale – dieses Haus ist nicht zu verkaufen“. Die BesitzerInnen wollen verhindern, dass ihr Heim in ihrer Abwesenheit von Fremden verkauft wird. Grundstücks- und Besitzstreitigkeiten gehören zu den vielen Unannehmlichkeiten in diesem Land, eine Abart der allgegenwärtigen Korruption. Heute aber wollen wir uns ein hoffnungsvolles und zukunftsweisendes Projekt ansehen: das Schulzentrum „Holy Trinity“, das ein ehemaliger MEGAPHON-Verkäufer aufgebaut hat.

Schulleiter. Die letzten Kilometer sind beschwerlich. Anfang August ist Regenzeit, und abseits der asphaltierten Durchzugsstraßen sind die Wege in bedauerlichem Zustand, tiefe Krater durchziehen die rote Erde. Am Ende stehen wir in einem Hof, umgeben von mehreren einstöckigen Gebäuden. Am Haupthaus prangen die Wörter: Graz – Austria. Wir sind da und bald sind es auch hunderte Kinder, die von der Balustrade herunterlachen und gelaufen kommen, um die „Oyibos“, die Weißen, zu begrüßen, anzuschauen, anzufassen. Später, als wir über das weitläufige Gelände spazieren, werden sie uns in Trauben umringen. Vorerst aber führt uns der Weg in die Direktion, zu Frederick Akhelumele. Der 45-Jährige ist Leiter des Zentrums, das vom Kindergarten bis zum Gymnasium alles bietet. 1000 SchülerInnen, 60 LehrerInnen sind hier beschäftigt. Darunter auch Emmanuel Antiga, der als Hauptfigur des ORF Films „Der schwarze Löwe“ bekannt wurde. Der Fußballer wurde 2006 aus der niederösterreichischen Gemeinde Eichgraben abgeschoben und arbeitet heute als Sportlehrer im „Holy Trinity“.
Österreichische Bekannte finanzieren sein Englisch- und Literaturstudium. Die Schule habe einen exzellenten Ruf, die Kinder kämen oft von weither, ganze Familien siedelten sich hier an, um ihren Nachkommen eine gute Bildung zu ermöglichen, berichtet der Direktor. Das Schulgeld ist mit 5000 Naira pro Trimester – umgerechnet 22 Euro – relativ moderat. In der nahe gelegenen katholischen Missionsschule betrage es 75.000 Naira, so Akhelumele. Für die meisten unbezahlbar: 70 Prozent der NigerianerInnen verdienen weniger als 10.000 Naira im Monat.

Initiator. Was der Direktor nicht ständig wiederholen möchte, steht an der braun getünchten Wand über seinem Schreibtisch mit bunter Kreide geschrieben: „Zahle dein Schulgeld! Frage nicht um ein Darlehen, da unsere Zurückweisung dich kränken könnte.“ Und wer es sich nicht leisten kann? Für den gebe es über seinen Verein „Youthcare International“ die Möglichkeit einer Schulpatenschaft, beruhigt Frederick Akhelumele. Er hat ihn 2002 in Graz gegründet, wohin er sieben Jahre zuvor vor der brutalen Militärdiktatur des Sani Abacha geflüchtet war. Damals hat er MEGAPHON verkauft, um sich über Wasser zu halten. „Die Regierung gab mir als Asylwerber keine andere Möglichkeit zu arbeiten“, erinnert sich der ausgebildete Mathematiklehrer ein wenig bitter. Doch Frederick Akhelumele hat das Beste aus seiner Situation gemacht, Kontakte geknüpft und mit Hilfe der pensionierten Ärztin Barbara Rupp, einer MEGAPHONKundin, den Verein „Youthcare International“ auf die Beine gestellt. Gemeinsam wurden SponsorInnen aufgetrieben, Sammlungen und Benefizveranstaltungen helumele. Für die meisten unbezahlbar: 70 Prozent der NigerianerInnen verdienen weniger als 10.000 Naira im Monat.

Initiator. Was der Direktor nicht ständig wiederholen möchte, steht an der braun getünchten Wand über seinem Schreibtisch mit bunter Kreide geschrieben: „Zahle dein Schulgeld! Frage nicht um ein Darlehen, da unsere Zurückweisung dich kränken könnte.“ Und wer es sich nicht leisten kann? Für den gebe es über seinen Verein „Youthcare International“ die Möglichkeit einer Schulpatenschaft, beruhigt Frederick Akhelumele. Er hat ihn 2002 in Graz gegründet, wohin er sieben Jahre zuvor vor der brutalen Militärdiktatur des Sani Abacha geflüchtet war. Damals hat er MEGAPHON verkauft, um sich über Wasser zu halten. „Die Regierung gab mir als Asylwerber keine andere Möglichkeit zu arbeiten“, erinnert sich der ausgebildete Mathematiklehrer ein wenig bitter. Doch Frederick Akhelumele hat das Beste aus seiner Situation gemacht, Kontakte geknüpft und mit Hilfe der pensionierten Ärztin Barbara Rupp, einer MEGAPHONKundin, den Verein „Youthcare International“ auf die Beine gestellt. Gemeinsam wurden SponsorInnen aufgetrieben, Sammlungen und Benefizveranstaltungen organisiert. Im Oktober 2005 war es schließlich so weit: Die Schule in Uromi wurde für 123 Kinder eröffnet.

Kandidat. Frederick Akhelumele, der mittlerweile einen Aufenthaltstitel bekommen hatte und damit auch arbeiten und reisen durfte, kündigte seinen Job als Monteur und kehrte zurück. Mit im Gepäck: Knowhow und finanzielle Mittel aus Österreich und die Erkenntnis, dass sich in seiner Heimat grundlegend etwas ändern muss. „Es ist ein reiches und fruchtbares Land, aber die Menschen können nicht damit umgehen“, sagt er. Er will den SchülerInnen klarmachen, dass Landwirtschaft und Viehzucht keine minderwertigen Tätigkeiten sind, sondern überlebensnotwendig. Deshalb laufen auf dem Schulareal auch Ziegen herum, wachsen Papayas, Melanzani und vieles mehr, das die SchülerInnen auf dem Markt verkaufen. Mit dem Erlös wird Kreide und anderes Schulmaterial eingekauft. Frederick Akhelumele will gestalten, auch politisch. Deshalb hofft er, bei den Vorwahlen seiner Partei ACN (Action Congress of Nigeria) in seinem Wahlbezirk – mit immerhin 120.000 EinwohnerInnen – als Spitzenkandidat für die Bürgermeisterwahlen im kommenden Jahr nominiert zu werden.
Seine Themen: Bildung, Sicherheit, Landwirtschaft. Erst am Vortag wurde eine Bank in der Stadt ausgeraubt, die Polizisten seien vor den Räubern davongelaufen. So könne es nicht weitergehen, meint er. Die Jugend müsse Perspektiven entwickeln. „Wenn sie beschäftigt ist, hat sie keine Zeit für Blödsinn.“ Hier, wo es weitgehend akzeptiert ist, dass Menschen mit Macht – Polizisten, Politiker, Beamte und auch Lehrer – in die eigene Tasche wirtschaften, geht Frederick Akhelumele mit gutem Beispiel voran. „Alles, was er tut, ist transparent“, sagt einer seiner Mitarbeiter.

Teamplayer. „Ich bin Österreich dankbar“, erklärt Frederick Akhelumele, „doch das Werk ist noch nicht fertig.“ Es fehle an Wesentlichem, etwa an Toilettanlagen, der nächsten größeren Investition. Dazu wollen wir ein wenig beitragen und, nach dem Rundgang wieder im Direktionszimmer angekommen, eine Spende übergeben. Heftig winkt Frederick Akhelumele ab, ruft ein paar Lehrer ins und lässt sie das Geld entgegennehmen.
Teamorientierung statt Eigennutz – in Nigeria gibt es ein Sprichwort dafür: „Das Krokodil ist nur stark, wenn es im Wasser ist.“

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