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Superreiche Wohltäter auf dem Prüfstand

Von: Annelies Pichler

Interview. Was haben Microsoftgründer Bill Gates und der Industrielle Hannes Androsch gemeinsam? Wirtschaftsredakteur Helmut Spudich hat sich mit gemeinnützigen Strategien der Reichen auseinandergesetzt.

Wenn sich die Reichsten der Welt wohltätig einsetzen, ernten sie oft nur Argwohn. In seinem Buch „Reich & gut“ geht Wirtschaftsredakteur Helmut Spudich der Frage nach, ob dieses Misstrauen denn auch berechtigt ist.

Was hat Sie dazu gebracht, „Reich & gut“ zu schreiben?
HELMUT SPUDICH: Im Laufe der Jahre kamen mir als Journalist, der viel über die Technologieentwicklung schrieb, immer wieder Meldungen unter, wie Bill Gates und andere Wohlhabende substanzielle Teile ihres Reichtums in soziale Aufgaben steckten. Das tat ich anfangs als PR ab, als Versuch, gut dazustehen. Bis mir dann aufgrund der Summen und der Projekte, wie Malariabekämpfung, klar wurde, dass es diesen Leuten tatsächlich darum geht, ein Ziel zu erreichen, und für sie die gute Meinung darüber sekundär ist. Meine eigene langjährige Arbeit im sozialen Sektor hat mir das Werkzeug gegeben, diese Aktionen auch kritisch anzusehen.

Wer von den Beschriebenen hat Sie am meisten beeindruckt?
SPUDICH: Generell beeindrucken mich alle, die unabhängig von der Geldsumme ihr Engagement mit Weitsicht, langem Atem, der Fähigkeit zur Reflexion und Änderung eines Kurses betreiben. Da sind Sozialunternehmer, die Ideen umsetzen, wie Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus mit  seinen Mikrokrediten, oder Superreiche wie George Soros oder Bill Gates.
Besonders sympathisch ist mir Chuck Feeney. Er hat heimlich über seine Stiftung Milliarden etwa für Entwicklungsprojekte oder die Befriedung Nord­irlands ausgegeben. Keiner wusste es, bis ihn ein Prozess zur Offenlegung zwang. In den nächsten Jahren soll die Stiftung den Rest des Vermögens investieren, dann wird sie geschlossen – der Mann will das alles noch zu Lebzeiten machen. Er selbst fliegt Holzklasse und lebt in Wohnungen, die er der Stiftung übertragen hat.

Ende der 1990er Jahre wurde der Immobilientycoon Helmut Greve in Deutschland mit Farbbeuteln beworfen, als er eine Spende in der Höhe von 35 Millionen Euro Universitäten übergeben wollte. Woher dieses Misstrauen?
SPUDICH: Wir haben dazu, im Großteil Europas, eine gespaltene Haltung: Einerseits ist großer Reichtum aus ideologischen Gründen verpönt, eigentlich inakzeptabel, andererseits können wir es nicht annehmen, wenn Reiche Verantwortung für soziale Aufgaben übernehmen. Das wird rasch als Alibiaktion abgetan, als Ablasszahlung für ein schlechtes Gewissen. Aber auch wenn wir höhere Steuern einführen: Auf absehbare Zeit wird es einfach sehr Reiche geben, und wir sollten von ihnen erwarten, dass sie sich gegen die Probleme unserer Zeit im Ausmaß ihrer Möglichkeiten engagieren.

Bill Gates investiert auch in das Bildungssystem New Yorks. Dass er dabei mit einem einstigen Widersacher kooperiert, zählt zu den überraschenden Fakten in Ihrem Buch.
SPUDICH: Im Kern investiert die Gates-Foundation in experimentelle Schulen und Schulentwicklung, die dazu geeignet ist, vom allgemeinen Schulwesen übernommen zu werden. Für diese Art von Entwicklungsarbeit fehlt in den USA, wie übrigens auch in Österreich und den meisten Industrie­ländern, das Geld oder der politische Wille. Joel Klein, der frühere Kartell­ankläger gegen Microsoft, vereinbarte als Schulkanzler dieses Vorhaben mit der Gates-Foundation. Viele wohlhabende Menschen spenden für Universitäten, Bill Gates erklärte ausdrücklich das schwierigere Schulfeld zu seinem Anliegen. Weil sich darum keiner kümmert. Aber auch wenn die­se Entwicklungsinitiativen Milliarden Dollar ausmachen: Im Vergleich zu den laufenden Betriebskosten sind sie verschwindend klein.

In Österreich macht sich der Industrielle Hannes Androsch für eine Bildungsreform stark. Ist er ein Philanthrop?
SPUDICH: Androsch betätigt sich im Forschungs- und Unibereich mit Preisgeldern, das ist klassisches philanthropisches Engagement. Das Bildungsvolksbegehren, das Androsch mit anderen betreibt, ist dagegen eine Aktion der Zivilgesellschaft, was jedem von uns auch ohne Geld möglich ist. Androsch selbst hat ja gesagt, dass es in Österreich Aufholbedarf beim phil­anthropischen Engagement der Superreichen gibt, dieses Zitat findet man auch auf seiner Website. Es wäre toll, wenn er, so wie das Gates und Warren Buffet betreiben, wenigstens die Hälfte seines Vermögens für gesellschaftliche Aufgaben einsetzt.

Wer würde auf Ihrer Liste der Wohltäter Österreichs ganz oben stehen?
SPUDICH: Wenn es nicht alle klammheimlich machen, dann ist Philanthropie für die meisten Reichen in Österreich ein Fremdwort. Die Privatstiftungen in Österreich, ganz anders als in Deutschland oder in den USA, dienen dem steuerschonenden privaten Vermögenserhalt, gemeinnützige Aufgaben sind nur bei ganz wenigen im Stiftungszweck überhaupt vorgesehen, und noch weniger betreiben gemeinnützige Projekte. Die Essl-Foundation gehört dazu, die Stiftung von Hans-Peter Haselsteiner, auch die von Hannes Androsch, aber auch kleinere wie die Unruhe-Stiftung von Wanda Moser. Als Einzelperson werde ich mich hüten, ein Ranking zu erstellen, aber es wäre sehr verdienstvoll, wenn etwa der Trend nicht nur eine Reichstenliste veröffentlicht, sondern auch erhebt, wer am meisten seines Geldes gemeinnützig investiert.

Sie schreiben von „strategischer Phil­anthropie“. Was ist das?
SPUDICH: Auch wenn Sie sehr viel privates Geld für gemeinnützige Zwecke einsetzen können, im Vergleich zu den nötigen Aufwendungen eines Sozialstaates – die Bildungs-, Sozial- und Gesundheitsbudgets – ist das sehr wenig. Wenn Sie allen Milliar­d­ä­ren Österreichs ihr Geld wegnehmen und in das österreichische Budget stecken, dann verpufft es in weniger als zwei Jahren. Darum geht es bei strategischer Philanthropie darum,­ einen Hebel zu finden, mit dem eine Geldspritze möglichst nachhaltige Wirkung erzielen kann. Wäre ich ein strategischer Philanthrop in Großbritannien, dann würde ich mir die jetzt bei den sozialen Unruhen in London so grell sichtbar gewordenen Probleme als Aufgabe vornehmen: Hier zeigt sich, dass der Staat in riesigem Ausmaß versagt. Philanthropisches Engagement kann das nicht lösen, aber es kann helfen, nach umsetzbaren Modellen zu suchen, die dazu beitragen. Wenn es klappt, müssen solche Initiativen als öffentlich zu finanzierende Aufgaben übernommen werden. In Deutschland ist etwa die Freudenberg-Stiftung in diesem Spannungsfeld von Migration und benachteiligten Jugendlichen aktiv, immer mit dem Ziel, gute Lösungen dann auf breiterer Ebene umzusetzen und in die  öffentlichen Strukturen zu übertragen.

Könnte eine andere Steuergesetzgebung Österreichs Reiche zu Wohltätern machen?
SPUDICH: Die Steuergesetzgebung kann zwar nicht dafür sorgen, dass sich Reiche ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst werden. Aber sie kann einen kräftigen Stupser geben, dass diese Erwartung klarer ausgedrückt wird, etwa wenn steuerliche Privilegien für Stiftungen daran gebunden werden, dass ein bestimmter Teil des Vermögens und der Ausschüttungen gemeinnützig eingesetzt wird. Stattdessen haben Privatstiftungen in Österreich sogar steuerliche Nachteile, wenn sie dafür Geld ausgeben: Dann kassiert der Staat mit, auf Kosten der begünstigten Zwecke.

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