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Die Dinge sind nicht immer, wie sie scheinen

Von: Paul Coelho

Vorwort

Liebe Straßenzeitungsleserinnen und -leser,
meine erste Straßenzeitung kaufte ich im Jahr 2005 in Frankreich. Dieses Jahr wurde ich zum Botschafter für INSP -International Network of Street Papers, den ich unterstütze den Beitrag, den Straßenzeitungen zur Bekämpfung von Armut und Obdachlosigkeit auf der ganzen Welt leisten.

Mit meinem Artikel 'Die Dinge sind nicht immer, wie sie scheinen' möchte ich Menschen dazu bewegen, nachzudenken, bevor sie ein Urteil über andere fällen, denn die Dinge sind oft anders als es den Anschein hat. Ich habe INSP diese Weihnachtsgeschichte gestiftet, weil ich der Überzeugung bin, dass die Menschen einander unterstützen sollten, und dass wir insbesondere denen helfen sollten, die weniger begünstigt sind als wir selbst. Straßenzeitungen machen genau das, und indem Sie regelmäßig Ausgaben einer Straßenzeitung von Ihrem lokalen Verkäufer kaufen, helfen auch Sie.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Lesen meiner Geschichte.
Paulo Coelho



Die Dinge sind nicht immer, wie sie scheinen

Es gibt eine altbekannte Legende, deren Herkunft ich nicht feststellen kann. Sie erzählt vom Erzengel Michael, der eine Woche vor Weihnachten seine Engel bat, auf die Erde hinabzusteigen und die Menschen zu besuchen, weil er wissen wollte, ob alles für das Fest von Christi Geburt bereit sei. Paarweise wurden sie losgeschickt, immer ein älterer Engel mit einem jüngeren, damit der Erzengel sich einen umfassenden Eindruck dessen machen konnte, was in der Christenheit geschah.

Eines dieser Zweiergespanne wurde auch nach Brasilien geschickt und kam dort spät in der Nacht an. Da die beiden Engel nicht wussten, wo wie übernachten sollten, baten sie in einem der großen Herrenhäuser, wie es sie vereinzelt noch heute in Rio de Janeiro gibt, um Herberge.

Der Herr des Hauses, ein Adliger, der wie viele in Rio kurz vor dem Bankrott stand, war ein tiefgläubiger Katholik, der die Himmelsboten sogleich an ihrem goldschimmernden Heiligenschein erkannte. Doch da er gerade eine große Weihnachtsfeier vorbereitete und sich bei der Dekoration nicht aufhalten lassen wollte, wies er ihnen zum Schlafen einfach einen Raum im Keller zu.

Obwohl auf den Weihnachtskarten immer Schnee zu sehen ist, fällt das Christfest in Brasilien mitten in den Sommer. Im Keller, in dem die Engel übernachten sollten, herrschte eine fürchterliche Hitze, und die feuchte Luft war zum Ersticken. Die Engel legten sich auf die harte Erde. Als sie ihr Nachtgebet begannen, bemerkte der ältere Engel einen Riß in der Wand. Er erhob sich, reparierte ihn mit Hilfe seiner überirdischen Fähigkeiten und betete weiter. Die beiden schmorten die ganze Nacht wie in der Hölle und bekamen fast kein Auge zu.
Trotzdem mußten sie am nächsten Morgen ihre Mission erfüllen. Sie durchstreiften die große Stadt mit ihren zwölf Millionen Einwohnern, mit ihren Stränden und Hügeln, ihren Gegensätzen. Sie füllten ihre Fragebögen aus, und als es wieder Nacht wurde, machten sie sich auf ins Landesinnere. Doch sie hatten die Zeitverschiebung nicht bedacht und hatten daher wieder keinen Ort zum Übernachten.

Diesmal klopften sie an die Tür einer bescheidenen Hütte. Das junge Paar, das ihnen öffnete, wusste nicht, wie Engel aussehen, und erkannte daher die beiden Pilger nicht. Sie bereiteten den Engeln ein Nachtmahl und zeigten ihnen ihr neugeborenes Kind. Als Schlafplatz boten sie ihnen ihr eigenes Bett an und entschuldigten sich immer wieder dafür, dass sie nicht genug Geld hätten, um sich gegen die mörderische Hitze eine Klimaanlage leisten zu können.

Als die Engel am nächsten Morgen aufwachten, fanden sie das Paar in Tränen aufgelöst vor. Ihr einziger Besitz und Lebensunterhalt, eine Kuh, lag tot auf dem Feld. Sie schämten sich, den Pilgern zum Abschied kein rechtes Frühstück bereiten zu können, da die Kuh, die ihnen sonst Milch gab, nicht mehr lebte.

Als die Engel die ungepflasterte Straße entlanggingen, machte der jüngere Engel seiner Empörung Luft.
»Ich kann nicht begreifen, wie du dich verhalten hast! Der erste Mann hatte alles, was er brauchte, und dennoch hast du ihm geholfen. Und bei diesen armen Leuten, die uns so freundlich aufgenommen haben, hast du nichts unternommen, um ihr Leid zu lindern!«

»Die Dinge sind nicht immer, wie sie scheinen", sagte der ältere Engel. »Als wir in diesem schrecklichen Keller waren, bemerkte ich, dass auf der anderen Seite der Wand viel Gold lag, die ein früherer Hauseigentümer dort versteckt hatte. Und ich beschloß, es wieder zu verbergen, weil der jetzige Herr des Hauses nicht bereit war, denen zu helfen, die es brauchten.
Gestern Nacht, während wir im Bett der jungen Eheleute schliefen, bemerkte ich plötzlich, dass noch ein dritter Gast dazugekommen war: der Todesengel. Er war auf die Erde geschickt worden, um das Kind zu holen. Aber da ich ihn seit vielen Jahren kenne, ist es mir gelungen, ihn davon zu überzeugen, statt dem Kind der Kuh das Leben zu nehmen. Erinnere dich an den Tag, der bald gefeiert wird: Außer den Hirten wollte niemand Maria eine Herberge geben. Dafür aber sahen diese als erste den Retter der Welt.«

Übersetzung: Maralde Meyer-Minnemann

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