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Kein Sundensatz für Heini Staudinger

Von: Annelies Pichler

Heini Staudinger, Chef des Waldviertler Schuh-Unternehmens Gea zieht als Rebell gegen die Finanzmarktaufsichtsbehörde (FMA) gerade viel Aufmerksamkeit auf sich. Wir sprachen mit ihm über die Behauptung, Zeit sei Geld.

„Zeit ist Geld“ – wie sehen Sie das?

Heini Staudinger: Diese Einstellung „Zeit sei Geld“ frisst mehr und mehr Lebenszonen. Wir müssen diesem Stil „Zeit ist Geld“ die Gefolgschaft verweigern. Wir unterstützen Projekte in Afrika und erleben oft, wie die Leute dort leben. Ihr Reichtum ist Zeit. Was sie brauchen, gibt die Natur, solange keine Dürre anbricht. Es ist berührend, wie viel Zeit sie für Kinder und Alte haben. Sie müssen sie sich nirgends absparen.

Ist das nicht ein wenig verklärend?

Staudinger: Uns erscheinen die Massai arm, aus ihrem Blickwinkel sind sie Könige. Sie haben Tiere und sind stolz darauf. Sie lassen sich durch Fernseher und Landrover nicht verführen.

Wie verflochten sind Geld und Zeit bei Gea?

Staudinger: Wir haben Stundenlöhne. Aber es gibt keinen Stundensatz für mich. Was ich mache, scheint in keiner Kalkulation auf. Auch für Vorträge verlange ich nichts. Wenn jemand etwas geben will, erzähle ich von unseren Afrikaprojekten. So habe ich Vorträge gehalten, in deren Folge mehr als 10.000 Euro gespendet wurden.

Wie lebt es sich ohne Stundensatz?


Staudinger: Jede Zone, wo man das nicht braucht, ist eine Befreiung. Fast alles, das wichtig ist im Leben – die Liebe, die Einsamkeit, die Trauer –, hat nichts mit Stundensätzen zu tun. Wenn da das Geld einfließt, ist das ein riesiger Qualitätsverlust. Geld kann den Fluss des Lebens und der Liebe nicht ersetzen.

Gibt es Stundensätze für Ihre Mitarbeiter/innen?

Staudinger: Wir haben Kreative, die Freiräume ha-ben, und wir haben die Schuhmacherinnen. Schuhe werden im Team gemacht, das muss geregelt sein.

Wie bemessen Sie die Entlohnung?

Staudinger: Zwei Drittel aller Schuhe der Welt werden in China hergestellt, mehr als drei Viertel in Fernost. Die Läden in Europa sind hauptsächlich mit Schuhen aus Fernost bestückt. Mit den Löhnen können wir nicht raufgehen. Deswegen verlange ich von allen Mitarbeiter/innen, dass wir solidarisch mit den Schuster/innen sind und niemand netto mehr als das Doppelte verdient als sie. Wir haben eine Nettolohn-Spreizung von 1000 bis 2000 Euro. Dafür bemühen wir uns um gutes Leben.

Gutes Leben?

Staudinger: Jede Woche gibt es Eier, Käse und Gemüse, das sich alle gratis mit nach Hause nehmen dürfen. Wir haben einen Psychotherapeuten, der Einzelnen hilft und auch Gesprächsprozesse in der Firma begleitet, und zwei Masseure.

In der Arbeitszeit?

Staudinger: Der Masseur ist für die Arbeitnehmer/-innen gratis, aber nicht in der Arbeitszeit. Wir probieren oft, das ein bisschen zu entkoppeln: Dieses „Ich arbeite eine Stunde und für diese Stunde habe ich das Recht, das und das zu bekommen.“ Das hat er/sie schon, aber das gute Leben braucht auch ein bissl a Musik.

Wie kam es zu Ihrem Finanzierungsmodell für Gea?

Staudinger: Mir hat ein Bankdirektor 1999 den Kreditrahmen von zwölf auf sieben Millionen Schilling gekürzt. Das, obwohl wir in diesem Jahr fünf Millionen Schilling Gewinn hatten. Im Zorn habe ich mir damals gesagt: Ich muss bankenunabhängig werden. Daraus ist der Gea-Sparverein entstanden. Sparverein ist der Spitzname dafür, das Freund/innen und Verwandte, später auch Kund/innen und Mitarbeiter/innen Geld bei mir eingelegt haben. Das hat sich bewährt

Bis jetzt.

Staudinger: Jetzt sagt die Bankenschutzbehörde FMA, der Heini macht bankähnliche Geschäfte. Das ist mit einer Geldstrafe von bis zu 50.000 Euro zu ahnden.

Hatten Sie Berater?

Staudinger: 1999 rieten mir Bankleute zu Fremdwährungskrediten. Dafür bekam ich einen fantastisch günstigen Zinssatz, bin aber dahintergekommen, dass sie mich mit Gebühren zuschütteten. Ich habe gestritten und die Bank zahlte mir prompt 50.000 Schilling zurück.

Dann hieß es, ich sollte mir Investoren suchen. Investoren wollen aber in der Regel Geld. Das hieße für uns: Wir bräuchten nur Schuster/innen kündigen und mehr in Ungarn produzieren lassen. Schon jetzt machen Ungarn Teilfertigungen für uns. Würden wir die Ungarnquote vergrößern, hätten wir gleich um zwei-, dreihunderttausend Euro mehr Gewinn. Aber wir wollen in Schrems arbeiten. Das hat mehr Wert.

Haben Sie Geld auf einer Bank?

Staudinger: Ich habe vor rund zehn Jahren mit Privatgeld aufgehört, ich habe kein Sparbuch, kein Privatkonto, keine Aktie. Nichts. Wenn ich Geld brauche, gehe ich noch in den Werksverkauf und lass mir etwas geben. Weil ich in der Firma Wohnen und Essen bekomme, ist das lächerlich wenig, oft nicht einmal zwanzig Euro in der Woche.

Das zeugt von Vertrauen.

Staudinger: Ich pflege gute soziale Kontakte. Wenn ich im Umfeld meiner Firma nicht mehr das Nötige zum Leben hätte, würden mir Bauern in der Umgebung etwas zum Futtern geben. Da bin ich fast sicher.

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